Johanna von Felicitas Hoppe, 2006, S. Fischer)1.) - 2.)

Johanna.
Roman von Felicitas Hoppe (2006, S. Fischer).
Besprechung von Angelika Overath aus der Neue Zürcher Zeitung vom 2.10.2006:

Johanna für Profitaucher
Felicitas Hoppe hat keinen Roman zu Jeanne d'Arc geschrieben

Johanna von Orleans ist eine historische Figur. Ihre Daten öffnen sich im Internet; ihre Aussagen sind protokolliert und auf Websites aufbereitet. Wer will, kann, was sie vor Gericht sagte, mehr oder minder vollständig in altfranzösischer Sprache lesen, in modernem Französisch oder auf Englisch. «Johanna» von Felicitas Hoppe ist eine artistische Konstellation, eine Anrufung und Vermeidung zugleich. Ihre Koordinaten öffnen sich in einem Fliesstext, der bunte Scherben dieses verbürgten Materials aufnimmt und damit ein Spiel aus Spiegelungen inszeniert. Nachzulesen ist das in der Finten schlagenden Fremdsprache aus dem Land der Poesie. Denn das Unerhörte, das sich in diesem Buch ereignet, gibt es allein dort, in dieser Geschichte, die sich ihren märchenhaften Raum immer wieder insistierend, ja formelhaft in Satz- und Bildwiederholungen selbst konstituiert. Hier herrschen die tropischen Winde der Gleichzeitigkeit.

Dabei ist alles in Bewegung, in Eile wie das weisse Kaninchen, das die Uhr aus der Westentasche zieht, wenn der grosse Traum von Alice beginnt. Ähnlichkeiten mit der Realität sind genau kalkuliert, aber durchaus unbedeutend. Eine Rose mag eine Rose sein (und auch Johanna ist eine «Lieblingsrose historischer Gärtner», die «auf allen Schlachtfeldern blüht»), deshalb ist eine Taucherbrille noch lange keine Taucherbrille. Der heilige Martin, Bruder Martin mit der Kutte, trägt die dicken Gläser, die so heissen, weil er mit ihnen auf den Grund gehen kann. Auf den Grund der Geschichte und auf den Grund der Seine, wo «Johannas Reste, Asche und das Herz, das den Feuertod manchmal übersteht», zu finden sind.

Schreiben heisst brennen

«Johanna» von Felicitas Hoppe ist die literarische Kühnheit selbst. Sie ist keine Figur, sondern eine Energie, sie ist das, was aufs Ganze gehen will, hier und jetzt, was losstürmt im irrlichternden Glauben an den König, an Gott und vor allem an sich selbst. Schreiben heisst brennen. Und Johannas Scheiterhaufen ist der Roman.

Wie das gemacht ist, verdient höchste Achtung, ja Bewunderung. In wechselnden Räumen werden drei Figuren zueinander verschoben. Es geht um die Evidenz von Patterns, nicht um Psychologie. Da gibt es (namenlos) das sprechende Ich, eine Studentin, die kurz vor der Promotionsprüfung über Johanna von Orleans steht, da ist ihr Professor, ebenfalls ohne Namen, der sich auf Krönungen spezialisiert hat. Und im Hörsaal sitzt vorne wie auf einem Kutschbock das Vorbild oder Alter Ego der Studentin, ein eigensinniger Doktor, den sie Peitsche nennt und der «alles verträgt, nur keinen Rauch». Peitsche hat über die «Ökonomie der menschlichen Herzen» promoviert, «das eine verbrennt, das andere nicht». Mit «Krönung» und «Professor», mit «Herz», «Rauch» und jenem Doktor «Peitsche», mit dem die Studentin mehr teilen möchte als das Thema der Jungfrau, sind Grundmotive angeschlagen.

Und das literarische Kostümfest beginnt oder eben «nichts als ein altes Gesellschaftsspiel». Es sind Wörter, die auftreten und ihre Rollen spielen. Sie kommen von weit her, sie haben ihren Text in den alten Märchen gelernt und in der modernen Literatur. Unter den Sätzen liegen viele anzitierte Titel oder Texte (Handke, Bulgakow, Benn, Enzensberger, Márquez). Und manche Rollen bringt die kluge Autorin, die hier Dramaturgin der Silbe ist («von Schaf zu Schafott»), ihren Wörtern selbst bei. Das harmlose Wort «Mütze» zum Beispiel wird grossartig, ja monströs. Denn es ist Peitsche, der «geliebte Spiegel», der Mützen faltet, Mützen um Mützen. «Er verbringt seine Zeit nicht mit Innenfutter, sondern mit Stoff, mit der Nachbildung von Papiermützen, die er abends faltet, nachts beschriftet und morgens im Hörsaal prüfend ins Licht hält.»

Konsequent weitergedacht und weitergeführt, erhält noch die absurdeste Geste eine literarische Stimmigkeit. Jeder trägt eine Mütze mit dem Motto seines Lebens auf dem Kopf, seine Mitra, seinen Helm, seinen ihn krönenden Text. Auf der Jungfrauenmütze steht: ICH MUSS, ICH WILL, ICH WERDE, ICH WEISS. Und weil sie in Grossbuchstaben auf der Mütze des heiligen Martin prangt, wird DIE ANGST zum Freund und gibt damit der Hommage an Mandelstam «Wenn die Angst bei mir ist, habe ich keine Angst» eine neue, eine anschauliche Bildlichkeit, ja poetische Plausibilität.

Lust der Einbildungskraft

Manche Wörter wiederum müssen ihre Rollen vergessen. So werden auch «Bett» und «Schwimmbad» zum Echoraum der Stimmen, zum «Hörsaal», in dem sich die Geschichte weitererzählt hin zu einem immer offeneren Ende.

Es gibt strahlend witzige Passagen - etwa wenn der Professor über Fussball handelt und damit alles Sprechen über Glaubensschlachten auf den grünen Rasen stülpt, und hin und wieder geschieht es, dass der Witz in den Kalauer kippt, das Aperçu in die hohle Rhetorik von lancierter Bedeutsamkeit. Auf dem weiten Feld der Sprache geht nicht jede Patience auf und nicht immer eine Passion.

Wir lernen in diesem Buch nichts über die Geschichte der Johanna von Orleans, nichts über die Historie. Aber wir begreifen sehr viel von der Kunst des Erzählens und der reinen Jungfrauenlust der Einbildungskraft. Manche Leser wird das entzücken, andere mag es melancholisch stimmen. So sind es wohl artistische Bücher wie dieses, die die satten Profis des Lesens von den hungrigen Laien des Lebens trennen.

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Johanna von Felicitas Hoppe, 2006, S. Fischer)2.)

Johanna.
Roman von Felicitas Hoppe (2006, S. Fischer).
Besprechung von Simone Dattenberger im Münchner Merkur, 13.12.2006:

Ein unlösbares Rätsel
Kühle Umkreisung: Felicitas Hoppes Roman „Johanna”

„Johanna” ­- lapidar der Titel von Felicitas Hoppes neuem Roman. Aber es geht um die Jungfrau, die neben der Gottesmutter Maria die berühmteste ist. Jeanne aus Domrémy, geboren wohl 1412 am Dreikönigstag, Tochter von Isabelle Romée und Jacques d‘Arc. 1431 wird das Landmädchen, das für den französischen Dauphin Karl in den Krieg gegen England gezogen war und ihn zum König gekrönt hatte, verbrannt.

Dass sie von Erzengel Michael sowie der heiligen Katharina und Margareta gesandt sei, war plötzlich Hexerei: Die Kirche verdammte sie. „Sie verbrannte lebendig, denn man hatte den Scheiterhaufen so hoch aufgerichtet, dass der Henker ihr keinen Gnadenstoß geben konnte, obwohl es ihm leid um sie tat, weil er um seine eigene Seele fürchtete”, formuliert Hoppe.

Wie aus einer Legende

Kühl werden die Untaten verzeichnet, die politischen Intrigen, die menschlichen Niedrigkeiten. Kühl werden die paar sicheren Fakten zusammengesucht über jene Frau, die eher einer Legende entsprungen zu sein scheint als der tatsächlichen Geschichte. Und die von der mordenden Kirche später sogar heiliggesprochen wurde. Johanna ist nicht die Hauptfigur des Romans, keine Handlungsträgerin; sie ist das Faszinosum, das alle, die sich ihm nähern, heiß macht: „Nur Johanna ist nicht darauf angewiesen, denn wie wir die Fakten auch drehen und wenden, wir sind fast tot, und sie bleibt lebendig.” Das galt für diejenigen, die im 100-jährigen Krieg einem Mädchen vom Dorf in die Schlachten folgten, für die, die sie als Gefahr töteten, und später für Künstler und Forscher.

Ein völlig unglaubhaftes Phänomen sollte „gefasst” werden. Schiller vertraute bei seinem Versuch der Annäherung seinem alles, auch das Transzendente wagenden Dramatiker-Mut. Shaw vertraute schon weniger und setzte auf Ironie. Tschaikowsky vertraute der Macht der Musik und diverse Filmregisseure auf die Gewalt der Kinobilder. Felicitas Hoppe vertraut weder auf die Kunst des Erzählens noch auf die der Historiker. Und dieses Nicht-Vertrauen und doch Schildern-Wollen umkreist sie mit ihrem Buch. Naturgemäß ist es am faszinierendsten, wenn es um die Jungfrau von Orléans geht:

„Sobald sie die Stimme erhebt, versteht sich auf einmal alles von selbst…” Dieses Talent jener Frau, die nicht lesen konnte, will die Autorin für sich auf keinen Fall zulassen. Also reißt sie den Leser immer wieder aus dem Genuss der Spannung heraus, vergönnt ihm keine „runde Sache”. Die Ungewissheit soll bleiben, das Rätsel ist nicht zu lösen. Jene fantastische Figur hält die Troika Erzähler-Ich/ Studentin, Doktor-Kollege/ Freund Peitsche und den Professor auf Trab. Ihre Aufgeregtheiten als Spezialisten für Karrenritter, Schandmützen oder Krönungsrituale sind die unseren; ihre Eifersüchteleien oder Liebschaften sind wie unser Alltag: komisch und kleinlich im Vergleich zu Jeanne, „Aufschneider Gottes”.

Ehrenwerter Ansatz

So wie Hoppe sich Johanna nicht glatt aneignen möchte, so verhindert sie auch, dass die heutigen Banalitäten erzählerisch widerstandslos dahinflutschen. Das ist ein ehrenwerter Ansatz. Er führt jedoch dazu, dass die Autorin häufig so artifiziell schreibt, dass es zum Selbstzweck wird. Dabei weiß sie doch ganz genau, wie die Sprech-Regeln der Jungfrau lauten: „Kehr nicht nach außen, was innen ist. Schau nicht in den Spiegel. Fürchte dich nicht.”.

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