Joe Speedboat. Keine Zeit für
Helden.
Roman von Tommy Wieringa (2006, Hanser
- Übertragung Bettina Bach).
Besprechung von Benjamin Gabriel aus dem titel-magazin,
18.3.2007:
Die Abenteuer von „Frans dem Arm“ und
„Joe Speedboat“
Wieringas warmherziger Entwicklungsroman beschreibt
überzeugend und ohne Klischees die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, den
Sturm der Gefühle zwischen Verzauberung und Enttäuschung, zwischen Rausch und
Ernüchterung.
Der niederländische Autor Tommy Wieringa hat einen recht
ungewöhnlichen Protagonisten für seinen ersten auf Deutsch veröffentlichten
Roman gewählt: „Ein funktionierender Arm mit 40 Kilo gelähmtem Fleisch dran“,
lautet die Selbstbeschreibung des 14-jährigen Fransje Hermans, der nach einem
schweren Unfall an den Rollstuhl gefesselt ist. Aus der Perspektive des krassen
Außenseiters, „halb Mensch, halb Wagen“, der weder laufen noch verständlich
sprechen kann, erzählt Wieringa eine warmherzige Geschichte von den Abenteuern
des Erwachsenwerdens in einer niederländischen Kleinstadt.
Seine besondere Lage, seine eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit, haben
Fransje zu einem sehr genauen Beobachter gemacht. Er ist getrieben davon, alles
zu sehen und alles zu verstehen, was in seinem Heimatort passiert. Und alles,
was er beobachtet, schreibt er auf: „Manche Leute können sich echt nicht
vorstellen, dass ich dieses Leben fast wortwörtlich zu Papier bringe. Meine
Tagebücher geben die Zeit wieder, wie ein Berg, der rückwärts in die Geschichte
wächst. Und es steht alles drin …“
Ganz besonders interessiert ist Fransje an einem gleichaltrigen Jungen, Joe
Speedboat genannt, der aufgrund seines auffälligen Charakters – Willenstärke,
Fantasie und Energie – auf eine ganz andere Art ebenfalls eine Sonderstellung
einnimmt: „Joe war weniger ein ungewöhnlicher Junge als eine entfesselte Kraft.
In seiner Nähe bekam man Gänsehaut vor Spannung – Energie nahm in seinen Händen
Gestalt an, in loser Folge fabrizierte er Bomben, Rennmopeds und Flugzeuge und
spielte damit wie ein sorgloser Zauberer. Er wagte es, das Unmögliche zu denken,
und merkte nichts von der Ablehnung, die hinter seinem Rücken stattfand.“
Zwischen den beiden jungen Außenseitern, entwickelt sich über die Jahre eine
tiefe Freundschaft. Der unmobile, intelligente, alles analysierende Fransje und
der abenteuerlustige, nicht die Konsequenzen betrachtende Draufgänger Joe
ergänzen sich perfekt.
Fransje ist besessen von dem Wunsch, die Welt von oben zu sehen, um sie noch
besser zu begreifen. Er besitzt sogar eine abgerichtete Dohle namens Mittwoch,
die zu seinen „Augen in der Höhe“ wird: „Ich versuchte oft mich in Mittwoch
hineinzuversetzen, wenn er über Lomark flog, mir vorzustellen, wie die Welt aus
der Vogelperspektive aussah. Das war mein Traum von Allsehendheit – nichts wäre
mehr verborgen, ich könnte die Geschichte von Allem schreiben.“ Schließlich ist
es Joe, der ihm diesen Wunsch erfüllt. Mit seinem Einfallsreichtum und seiner
Abenteuerlust baut er ein Flugzeug und nach einigen Schwierigkeiten schaffen es
die beiden tatsächlich, abzuheben: „In dieser Höhe gab es keine Geheimnisse
mehr, und das war traurig und schön zugleich.“
Geschichte vom Erwachsenwerden
„Der Samurai, so sagt man, hat einen doppelten Weg, den des Pinsels und den des
Schwertes“, heißt es in Fransjes Lieblingsbuch, dem „Buch der fünf Ringe“ von
dem Samurai Musashi. Der Junge entnimmt seine Lebensphilosophie Musashis Buch
und auch der Aufbau des Romans folgt diesem Motto. „Pinsel“ heißt der erste
Teil, in dem das intensive Beobachten und Wahrnehmen im Mittelpunkt stehen.
„Schwert“ heißt der zweite Teil, in dem sich die Dinge rasant verändern. Joe
bringt Fransje dazu, seine Distanz zum Leben, an dem er bisher kaum teilgenommen
hat, aufzugeben und seine größte Stärke zu erkennen und einzusetzen: Durch
jahrelanges Antreiben des Rollstuhls gestählt hat Fransje in seinem rechten Arm
unglaubliche Kräfte entwickelt. Joe erkennt dies und macht einen ganz besonderen
Sportler aus ihm: einen Armwrestler. Die beiden Freunde reisen von Wettbewerb zu
Wettbewerb durch ganz Europa. So kommt „Frans der Arm“, so sein Kampfname, aus
seinem kleinen Dorf an der deutsch-niederländischen Grenze heraus und stellt
fest, dass er durch seinen starken Arm, „eine Art kleinformatiger Elefantenfuß“,
als Mensch anerkannt wird. Endlich kann er sich in der Welt beweisen, gewinnt
Turniere, verdient Geld und erlangt Ansehen. Plötzlich ist er nicht mehr der
passive Beobachter, sondern der aktive Schwertführer, denn „das Schwert ist nur
eine Verlängerung des Arms“.
Klischeefreier Entwicklungsroman
Wieringas Entwicklungsroman beschreibt überzeugend und ohne Klischees die
Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, den Sturm der Gefühle zwischen
Verzauberung und Enttäuschung, zwischen Rausch und Ernüchterung. Gleichzeitig
ist er das interessante Porträt einer Kleinstadt aus dem ungewöhnlichen
Blickwinkel eines gehandicapten Ich-Erzählers. Durch die speziellen Charaktere
und die lebensnahe Geschichte ist Joe Speedboat ein mitreißender und überaus
gelungener Roman, der mit seiner überbordenden Fantasie, der direkten Sprache
und den vielen spannenden Erlebnissen der Jugendlichen an Mark Twains Romane
über die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn erinnert.
Ein Buch, an dem nicht nur Teenager ihre Freude haben werden![...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter www.titel-magazin.de]
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