Jesus
Schnepfe.
Roman von Francis
Carco (2002, Wunderhorn Verlag - Übertragung Hans
Thill).
Besprechung von Ina Hartwig in der Frankfurter Rundschau, 4.1.2003:
Schnürstiefelchen,
Absinth und viel Regen
"Jesus
Schnepfe", der erste Roman des Milieupoeten Francis Carco, zieht hinein und
hinab in die Belle Epoque am Pariser Montmartre
Ihre schwankenden Regungen zu befragen, ihren
Wurzeln nachzuspüren, dazu sind die Halb- und Unterwelt-Figuren in Francis
Carcos Roman Jesus Schnepfe nicht geschaffen. Sie lassen sich einfach forttragen
von einem traurigen Grundgefühl, das von Hass, Zärtlichkeit, manchmal sogar
Liebe anfallsweise aufgepeitscht wird, ohne dass sie jemals festen Boden unter
den Füßen fühlten. Nur eines verbindet Jesus Schnepfe, den geschmeidigen
Strichjungen, Fernande, die schöne, stolze Hure, Pépé Dogge, den Spitzel, und
Fernandes "Mann", den Korsen: dass sie im Grunde ihrer Seele einsam
sind; abgeschnitten von ihrer Herkunft, die so unendlich weit von ihrem Leben am
Pariser Montmartre entfernt zu sein scheint, dass der Autor nur einmal einen
entsprechenden Hinweis gibt. Fernande, erfahren wir, sei von ihrem Vater, einem
Barbesitzer, als Sechzehnjährige "genommen" worden. Mit achtzehn
endlich entkommen, war sie am Montmartre - dem Hauptschauplatz des 1914 zuerst
erschienen Romans - recht schnell in die Hände, das heißt in die Abhängigkeit
eines gewissen Korsen geraten, eines harten, kampfeslustigen Mannes, der ihr Zuhälter
wurde. "Mehr noch als die Liebe", heißt es programmatisch, "kann
die Gewohnheit der Schläge zwei Menschen aneinander ketten."
Francis Carco ist heute seltsamerweise so gut wie vergessen, dabei gehörte er
einmal zu den auflagenstärksten Autoren seiner Zeit. Er war befreundet mit
allen möglichen Künstlern und Schriftstellern, Colette, Katherine Mansfield, Guillaume
Apollinaire, Max Jacob und Utrillo (über den er einiges geschrieben hat);
man hat ihn 1937 sogar, erstaunlich für einen Ästheten der Unterwelt, in die
Académie Goncourt
gewählt. Yvan Goll ließ ihn in seinem Buch Sodom Berlin
(1929) als verwegenen Touristenführer am Montmartre auftreten, wo Carco eine
Existenz zwischen Bohème und Milieu führte, die ihm den Spitznamen
"Jean-Jacques Rousseau von Moulin Rouge" eingetragen hatte.
Er kam von weit her, aus der französischen Kolonie Neu-Kaledonien, wo er 1886
geboren worden war. Sein Vater, ein französischer Beamter, ursprünglich Korse
und offenbar ein aufbrausender Mann, arbeitete bis 1901 als Inspektor der
staatlichen Güter der Insel; danach ging die Familie zurück nach Frankreich.
Unweit des elterlichen Hauses in Neu-Kaledonien befand sich das französische
Straflager. In seinem Nachruf auf Francis Carco schrieb der Céline-Übersetzer
Werner Bökenkamp am 14. Juni 1958 in der FAZ, das Kettengeklirr der Sträflinge
habe den zukünftigen Schriftsteller am Morgen geweckt, "und ein mit
Gartenarbeiten bei seinem Vater betrauter Zuchthäusler diente ihm auch als
Kindermädchen". Eine Zuneigung zu den verlorenen Seelen hat Carco, wie es
scheint, früh gespürt.
Unter seinen drei großen Romanen ist Jésus-la-Caille, wie das Original hieß,
der erste, geschrieben knapp vor dem ersten Weltkrieg. Das Buch hatte eine
schlechte Presse, wurde aber sofort ein Verkaufsschlager. Es folgten Les
innocents (1916) und L ' homme traqué (1922). Anfang der zwanziger Jahre wurde
Jésus-la-Caille zum ersten Mal ins Deutsche übertragen, von Fred Antoine
Angermayer, erschienen bei Kiepenheuer in Potsdam unter dem französischen
Originaltitel - auch die blumigen Argot-Spitznamen der diversen Protagonisten
hat Angermayer angeblich im Original belassen (die Ausgabe ist leider nicht mehr
aufzutreiben). Der kleine Heidelberger Wunderhorn Verlag hat dieses Werk - in
einer um den Schlussteil erheblich erweiterten Fassung - nach langer Zeit wieder
ausgegraben und in der klaren Übersetzung von Hans Thill vorgelegt. Mögen sich
viele geneigte Käufer finden, um ein solches Wagnis zu würdigen.
Fiaker und Gaslaternen, Schnürstiefelchen und lange Röcke, die Klammheit von
ärmlichen Hotelzimmern, die Vergnügungssucht der Tanzhallen und der
vorabendliche Ennui der Bars, die von Zigarettenrauch vernebelte Luft, und als
Hintergrundgeräusch die Argot-Fetzen, die durch das Wagram, das National, den
Moulin Rouge huschen: So sieht die Welt von Carcos halbseidenen Helden aus.
Die Spitzel sind verhasst und gefürchtet in der Szene - besonders von den
Tunten, den "Schnepfen", mit denen wiederum die Huren sich gern mal trösten,
wenn sie genug haben von ihren brutalen Zuhältern. Eine solche Liebesgeschichte
- zwischen Jesus und Fernande - steht im Zentrum des Romans. Dass sie nicht von
Dauer sein kann, sondern bald quasi von selbst vergiftet, liegt in der Natur des
Milieus: Jedes Gefühl der Zärtlichkeit kippt irgendwann in sein Gegenteil um,
und wenn etwas hier einer psychischen Immanenz folgt, dann der Hass, die
Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit - also allein die zerstörerischen Kräfte,
die schließlich, es kann gar nicht anders sein, in einen Mord münden.
Insgesamt ist Carcos Prosa eher einfach gestrickt - viel wörtliche Rede, also
Argot (der ins Deutsche übersetzt immer ein bisschen komisch klingt, aber das
Dilemma lässt sich nicht umgehen), wenige reflexive Passagen. Völlig richtig
wurde bemerkt, eine Sozialkritik läge ihm fern. Das spricht nicht gegen Carco.
Aber manchmal vermisst man doch eine Transzendierung des bloßen Geschehens in
andere Sphären. Eines der betörendsten Elemente dieser Prosa sind sicherlich
die Wetter-Tableaus und schönen Lichtsituationen, die Carco immer wieder an den
Rändern von Tag und Nacht entwirft: "Der Boulevard de Clichy streckte
seine Baumreihen in den Oktoberhimmel, der mit zerplatzenden Wolken tief
herabhing, Pfützen glänzten und auf dem engen Gehsteig in der Straßenmitte
hasteten späte Passanten vorbei."Der häufige Regen ist dabei fast so etwas wie
ein Nebenheld; er sorgt für den Glanz auf den Straßen und für melancholische
Stimmung. Aber wer ist der Hauptheld? Wirklich der titelgebende Jesus Schnepfe?
Fernande ist weit präsenter. Wir verlassen mit ihr eine Weile lang sogar den
Montmartre - sie zieht nach Belleville, wo sie an der Seite des Spitzels Pépé
Dogge nicht glücklich wird.
Allerdings, und das gibt ihm doch das Recht des ersten Helden: Jesus Schnepfe
ist der einzige, der unbeschädigt bleibt. Weder landet er (wie sein Freund
Bambus) im Gefängnis, noch bringt er jemanden um (wie der Korse), er verrät
niemanden (wie Pépé Dogge), und er nimmt auch nicht den Mord eines anderen auf
sich. Der, die das tut, wischt er am Ende die Tränen fort: "Weine du nur
... ja, weine. Komm, is ja alles halb so schlimm ... Weine nur, es tut dir gut.
Fernande! Fernande! ... Wir beide sind uns ja so ähnlich ..." Ein Jahr ist
vergangen, seit die beiden ein Paar waren, und draußen fällt wieder der
Herbstregen. Wer möchte, kann das tröstend finden.
In selbstbewusster Anspielung auf Flaubert
("Madame Bovary, c'est moi") pflegte Francis Carco zu beteuern:
"Jesus Schnepfe, das bin ich!" Das Buch muss man wohl als Klassiker
bezeichnen. Aber ob es wirklich "ein schonungsloses Sittenbild der
Unterwelt der Belle Epoque" darstellt, wie der Klappentext preist?
Schonungslos, das ist eines dieser Attribute, die alles und nichts bedeuten.
Tatsächlich lässt sich Carcos Roman recht gut literarisch situieren, sagen wir
zwischen Emile Zola und Jean
Genet, ohne an diese beiden Giganten allerdings
auch nur annähernd heranzureichen. Dennoch: Carco wusste, was es bedeutete, ein
poète maudit zu sein. Die Reize einer Hure kannte er nicht nur von der Place
Blanche, sondern auch von Baudelaires Gedichten; ihm stieg der Absinth nicht nur
in den Kneipen in die Nase, in denen er sein Geld als Sänger und
Harmonika-Spieler verdiente, sondern auch während der Lektüre von Apollinaires
Alcools. Nein, sein Sittenbild ist nicht schonungslos, sondern auf kontrollierte
Weise poetisch, und gerade deshalb lohnt die Wiederentdeckung dieses Autors.[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
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