1.) - 4.)
Jessica, 30.
Roman von Marlene
Streeruwitz (2004, S. Fischer).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 13.5.2004:
Im Bewusstseinsstrom
Sprache als Kritik: Marlene Streeruwitz
und ihr Roman "Jessica, 30." im Literaturhaus
Ob das eine Kunst ist, Literatur, einfach nur Sätze aneinanderzureihen, ein ganzes Buch, einen ganzen Roman als einen einzigen Gedankenstrom einer jungen Frau, die morgens zum Joggen muss, weil sie nachts eine ganze Packung Mövenpick-Eis, Maple Walnuts, verspeist hat, die sich quält mit Figur- und Identitätsproblemen und den Männern natürlich, besonders mit dem einen, dem Herrn Minister, mit dem sie, Jessica, 30, ein heimliches Verhältnis hat, sie, die freie Journalistin, die da rennt und sich Sorgen macht um ihr rotes Gesicht und sich fragt, ob sie sozialfrigid ist, weil das mit dem Sex ja in Ordnung ist, mit der Onanie ohnehin, aber wenn der Mann danach dann weg ist, ist sie ganz froh und so weiter - ob diese Unmittelbarkeit also ästhetisch erlaubt ist, fragt sich Marlene Streeruwitz im Frankfurter Literaturhaus, fragt sich die Schriftstellerin Streeruwitz, die sich Jessica, 30, ausgedacht oder sie dem Leben entnommen hat.
Früher war Marlene Streeruwitz kurz. Stakkatostil. Ganz knappe Sätze. Subjekt, Prädikat, Objekt. Wenn überhaupt. In voran gegangenen Büchern hatte die Österreicherin es sich, so Maria Gazzetti, Programmleiterin des Literaturhauses, die Aufgabe gestellt, den "Hausfrauenalltag literaturfähig" zu machen, jetzt seien die Frauen ohne Haus. Stattdessen sitzt Jessica, 30 (so auch der Titel des neuen Romans) später in einem Flugzeug und denkt über die Farbe der Strumpfhosen der Stewardessen nach. Die sind jetzt nämlich rot.
Marlene Streeruwitz gilt als forcierte Vertreterin des Feminismus - und das bezieht sich sowohl auf ihre Arbeit als Theaterschriftstellerin als auf die als Prosaistin. Für Jessica, 30. hat sie von einer großen deutschen Sonntagszeitung bereits schlimme Prügel bezogen. Weil die bloße Benennung von Zuständen noch lange keine Kritik an eben diesen sei. Der Einwand greift aber zu kurz.
Marlene Streeruwitz' Lesung demonstrierte eines besonders deutlich: dass bei ihr die Kritik in der Sprache liegt, in der Form, so wie das bei Literatur eben ist. Natürlich neigt der Feminismus, wie jede Ideologie, beinahe zwangsläufig zu Stereotypen. Und selbstverständlich ist diese joggende, Sex-and-the-City-erprobte, Christine-Angot-belesene Jessica kein Charakter, sondern eine Symbolfigur (ohne dass Streeruwitz dabei den großen Generationenroman hätte schreiben wollen). Das schützt sie allerdings nicht vor erhellenden (Selbst-) Erkenntnissen.
Jessica, 30. ist die Momentaufnahme des Bewusstseins einer Frau, die sich an einem Wendepunkt befindet, in einer Zwangslage, die naturgemäß das Produkt einer männlich dominierten Gesellschaft ist. Gewissermaßen ein Ally-McBeal-Klon, der plötzlich bemerkt, dass es so nicht weitergehen kann.
Nicht weniger, aber auch nicht mehr.
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2.)
Jessica, 30.
Roman von Marlene
Streeruwitz (2004, S. Fischer).
Besprechung von Martin Krumbholz in der Frankfurter Rundschau, 19.6.2004:
Durchschnittlich unglücklich
Die Luft für
Liebe ist verbraucht: Marlene Streeruwitz schickt "Jessica, 30." in die
Sprachwerdung
Arbeit und Liebe sind rar gewordene Güter, von beidem gibt es zu wenig; längst ist als Illusion entlarvt, dass Liebe sich in einem quasi asozialen Raum entfalten und behaupten könnte. "Von Luft und Liebe leben"? Es gibt ja nicht einmal mehr Luft! Und wo die Essentials rar sind, schaut man sich nach Ersatz um. Freiberufliche Tätigkeiten anstelle fester Jobs, Affären anstelle von Liebe.
Marcuse, Godard und all die anderen linken Analytiker des
Warencharakters der Liebe im Spätkapitalismus hätten ihre Freude. Jedenfalls
haben sie mit ihren Diagnosen so recht behalten, wie sie sich mit ihren
Utopien geirrt haben. Das gilt selbstredend auch für Marx, Freud und Ibsen.
Und zwar weniger für den gebremst optimistischen Autor der Emanzipations-Nora
als für den der Hedda Gabler, die für ihren Scharfsinn und ihren
Machttrieb im Mikrokosmos ihres kleinbürgerlich-akademischen Milieus keinen
Resonanzraum findet und sich selbst erschießt. "So etwas tut man doch
nicht", und soweit würde Jessica Somner in ihrem mehrmals beschworenen "Hedda-Gabler-Gefühl"
auch nicht gehen, aber auch sie hält einen Knalleffekt bereit: den
Staatssekretär, von dem sie sich benutzt fühlt, wenn er sie nach Mitternacht
besucht, weil er nach einem harten Tag lieber "gut ficken als gut essen"
will, verrät sie wegen seiner Machenschaften mit "Ostblock-Prostituierten"
an die deutsche Presse. Oder sie hat es doch vor, fliegt zu dem Zweck nach
Hamburg, um einen Herrn vom Stern zu treffen, aber der Roman bricht
an dieser Stelle vieldeutig ab.
Ein Star in ihrem überschaubaren Milieu ist Hedda Gabler; Jessica Somner,
30, obschon attraktiv ("hübsch nicht") und intelligent, ist es nicht. Zu
unüberschaubar das Heer der Aktiven in der zweiten Reihe, der
Tätigseinwollenden, der virtuell Kreativen; vorbei ist es mit dem "girlie
bonus", "eigentlich haben den die jungen Männer gepachtet, die werden von
den Chefinnen gepampert", längst versunken die Zeiten, "wenn man nur in ein
Zimmer kommen musste und schon waren alle Männer alarmiert, obwohl, in Wien
war das sicher nie so..."
Mit 30 beginnt was
Und außerdem: Mit 30 beginnt der Abstieg, "sogar die
Mia redet von der biologischen Uhr, und die ist 26". In der Weise räsoniert
Jessica über "das Ficken als Grundrecht" und über nächtliche Diätsünden mit
"Maple Walnut", über das (frühere) Leben in einer Frauen-WG und den Neid der
Frauen ("die Tanja hat immer vorgeschrieben, wie man sein soll"), über den
Harti, denn der ist Arzt und verdient gut, und "wenn ich den Harti gut
finden könnte, dann ginge es mir sicher besser", über die Mama, denn die ist
"die einzige Person, die sich wirklich interessiert für mich", über "ein
richtig dynamisches fashion statement", über das Kindermachen, "da muss man
doch total ineinander verknallt sein", über die Claudia, das ist die Chefin
im Magazin, die "hat in jeder Sitzung 5 Orgasmen und kann deshalb so ruhig
bleiben", über leichten Sexekel, "eigentlich graust mir, ein bisschen graust
mir davor" undundund... Und das alles beim Joggen, beim Autofahren, beim
mitternächtlichen Blowjob mit Gerhard, dem Staatssekretär ("Mäuschen",
"Häschen"), beim Fliegen.
Und wie meint sie's nun, die Marlene Streeruwitz? Komisch oder tragisch?
Parodistisch oder identifikatorisch? Ernst oder unernst? In ihrem grandiosen
Roman Verführungen. hat die österreichische Autorin vor einigen
Jahren mit allem notwendigen Pathos gezeigt, wie bitter so ein
"Frauenschicksal" sein kann, wenn die Sehnsucht nach Liebe sich mit dem
Anspruch kreuzt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Der affektiven
Wirkung und zugleich dem politischen Scharfsinn dieses Textes konnte man
sich nicht entziehen. Die Bereitschaft, einen realen Schmerz zu
artikulieren, auszuhalten, bis in die feinsten Verästelungen
nachzuvollziehen - das war ziemlich singulär; denn die andere bedeutende
Feministin der österreichischen Literatur, Elfriede Jelinek, nimmt die Liebe
nicht ernst. In Jessica, 30. versucht Streeruwitz die
Verführungen. fortzuschreiben, aber mit anderen Mitteln. Zunächst einmal
soll der Text witzig sein, das ist er auch, aber nur punktuell. Und eher
nicht so besonders.
Die Mittel erschöpfen sich über die Länge der Erzählstrecke, wirken
redundant. Schließlich erscheint der Rachefeldzug oder die "Gegenstrategie"
(Klappentext) der Protagonistin konstruiert, und das spürt sie selbst: Vor
der Alternative zwischen "aufgeklärter Frau" und "weiblicher Subversion"
entscheidet sie sich für letztere, "ich gestatte es mir, ich will diesen
Mann zerstören (...), er bekommt das nun ab für alles, was mir mit Männern
passiert ist, aber ich fühle mich nicht toll dabei, (...) und es bleibt ein
ungutes Gefühl..." In der Tat ist es ein ungutes Gefühl, das die Entwicklung
der Dinge hinterlässt, auch wenn die Autorin auf den Status der Rollenprosa
verweisen kann, auch wenn es offen bleibt, wie die Geschichte ausgeht:
Literatur arbeitet anders als "das Leben", sublimer, ein Racheverzicht kann
hier eine weitaus größere Wirkung entfalten als ein Racheakt; und vielleicht
wäre es literarisch darum gegangen, eine Synthese herzustellen aus
Aufgeklärtheit und "Subversion", die dann freilich nicht als ein gehässiger
Schlag unter die Gürtellinie missverstanden werden dürfte.
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3.)
Jessica, 30.
Roman von Marlene
Streeruwitz (2004, S. Fischer).
Besprechung von Leopold
Federmair aus der Neue
Zürcher Zeitung vom 14.7.2004:
Das ungenierte «Und»
Marlene Streeruwitz beschreibt
Österreich als Sumpf
«Typgerecht geschminkt, auf die richtige Figur gehungert, superschicke Klamotten, cooler Job und heisser Sex - alles wird gut! Für Jessica, 30, beginnt genau so das Abenteuer», behauptet die Werbung auf dem Buchumschlag von Marlene Streeruwitz' Roman «Jessica, 30». Das mag man Produktdesign nennen oder Etikettenschwindel, bewusste Irreführung des potenziellen Käufers. Tatsache ist, dass Jessica mit ihrer Figur unzufrieden ist, sich regelmässig Fressanfällen hingibt, unter dem Zwang zum geforderten Kleidungsstil leidet, sexuell unzufrieden und quasi arbeitslos, der Unsicherheit neoliberaler Arbeitswelten ausgeliefert ist. Etikettenschwindel - und auch wieder nicht, oder gar ein doppelter Schwindel, denn Streeruwitz spekuliert ja, seit sie veröffentlicht, mit den Wirkungen trivialer Muster der Literatur, die sie dabei transparent zu machen beansprucht.
Gestammel und Gerede
Eines der von Streeruwitz verwendeten Muster, gleichsam ihr kritisches Markenzeichen, war sprachlicher Natur: frenetische Interpunktion, Satzzerstückelung wie in den Texten des Boulevardjournalismus, der seinen Lesern nicht zutraut, einem Gedanken zu folgen, der sich über mehr als zwei Satzglieder erstreckt. Davon ist Streeruwitz neuerdings abgerückt. In zwei der drei Kapitel von «Jessica» gibt es so gut wie überhaupt keine Punkte, nur Kommas, die den Atem modulieren. Das ändert freilich nichts daran, dass die frühere Kurzatmigkeit weiterbesteht, das Gestammel und Gerede, von der Stimme einer Dreissigjährigen zum Besten gegeben, hinter der in jedem Augenblick die Anwesenheit der Autorin vernehmbar bleibt, einer über fünfzigjährigen Feministin, die zahllose Themen und Personen der österreichischen Tagespolitik durchhechelt. Dieses Double hat an gar nichts Freude, auch nicht am Sex, nur New York findet es cool, und selbst dieser grossartigen Stadt und den eigenen Gefühlen gegenüber wird es misstrauisch, dieses Double der Denunziation.
Hält man nach literaturgeschichtlichen Kategorien Ausschau, die ein solches Schreiben charakterisieren können, stösst man alsbald auf den berühmten «inneren Monolog» - Schnitzler und Joyce grüssen von fern. Doch das, was innovative und virtuose Vorläufer zustande gebracht haben, verdünnt Streeruwitz zum inneren Tratsch über Familie, Freunde, Politik. Sie reduziert die Komplexität der Wechselwirkungen zwischen Wahrnehmung, Erinnerung, fiktivem Dialog, Gefühlsinterjektionen und rationalem Denken, Konzentration und Zerstreuung, indem sie die monologisierende Figur in ziemlich einsamen Situationen zeigt: beim Joggen und im Flugzeug. Erster und dritter Akt, dazwischen liegt ein Stück Dialog, wie fürs Volkstheater geschrieben.
Überhaupt ist «Jessica» eher ein Theatertext als Erzählprosa, und wenn etwas auf der ästhetischen Haben-Seite zu verbuchen ist, dann die dramaturgische Effizienz, mit der sie gewisse Szenen an wirkungsträchtiger Stelle placiert. Die exakte Mitte bildet eine wie aus dem Pornografie-Lehrbuch abgeschriebene Fellatio. Vielleicht ist es gut, den Etikettenschwindel aufzuheben und dem neugierigen Leser zu verraten, was ihn hier erwartet: Ein Politiker der konservativen Regierungspartei ÖVP besucht Jessica gegen zwei Uhr früh in ihrer Wohnung, nachdem er sie lange warten lassen und sein Kommen mehrmals per Handy angekündigt hat. Er entkleidet sich, und die angekleidete Jessica führt an ihm einen blowjob aus (in diesen und einigen anderen Dingen verwendet Streeruwitz gern das Amerikanische). Währenddessen erhält der Politiker reifen Alters einen Anruf von seiner Frau, mit der er sich in aller Ruhe unterhält, unter anderem über Sicherheitspolitik, für die seiner Meinung nach ein Politiker des Koalitionspartners FPÖ zuständig sein sollte. Jessica hat verständlicherweise keine Lust mehr, die Sache zu Ende zu bringen, doch der Politiker hat ihren Kopf in einen «Schraubgriff» getan. Der Politiker entschuldigt sich hernach, falls er ihre Wünsche missverstanden haben sollte, und bittet sie, sich beim nächsten Mal klarer zu äussern. Streeruwitz spielt hier nebenbei auf den heuchlerischen Entschuldigungsstil eines österreichischen Politikers namens Jörg Haider an.
Terror und Spiel
Unklar bleibt die Grenze zwischen Wunsch und Zwang: Die Autorin spart die sich mitunter ergebenden Schwierigkeiten, zwischen Vergewaltigung und einvernehmlichem Spiel zu trennen, nicht aus. Allerdings könnte es sein, dass die Figur der Jessica selbst unklar bleibt, und zwar entgegen der Intention ihrer Schöpferin. Eine Masochistin? Eine Feministin? Ein Opfer von Konsumismus und Lifestyle-Getue? Ist sie keine Masochistin, stellt sich die Frage, was sie an einem durch und durch widerlichen Typen wie jenem Politiker eigentlich findet. Zuvor hatte sie demselben Mann während einer Autofahrt auf der Wiener Ringstrasse denselben Job schon einmal gemacht, offenbar zu ihrem eigenen Vergnügen. Ebenso unklar ist die Anwendung sexueller Gewalt von Seiten des Mannes an ihrer Freundin Mia, und die Insinuationen über die Sexparty von Regierungspolitikern mit slowakischen Prostituierten bringen im Schlussakt des Buchs auch nichts Konkretes, abgesehen davon, dass die Dummköpfe mit Quittung bezahlt haben. Jessica will die mit Parteigeldern bezahlte Party aufdecken - und befragt gleichzeitig ihr schlechtes Gewissen, ob sie das etwa nur aus Rache tue. Nicht nur altmodisch, sondern abstrus, dieses Denken: Wenn Politiker illegale Handlungen begehen, warum sollte ein Journalist das nicht ans Licht der Öffentlichkeit bringen?
Anstrengend, wie vielerorts behauptet wurde, ist die Lektüre dieses Buchs nicht. Im Gegenteil, man wird als Leser dem panischen Rhythmus gerecht, wenn man es in Eile verschlingt. Eher ärgerlich finden wir das Gestotter, die nebulosen Figuren-Schemen von Arbeitskollegen und Familienmitgliedern, die vielen Sätze über «es» und «das» und «das Ganze»:
. . . und kann ich das so gut aushalten, weil ich selber auch missbrauchen kann, wenn es mir passt, dann kann ich das auch, ich habe auch nicht eher aufgehört, bevor ich nicht gekommen bin, und auch wenn eigentlich ich gedemütigt worden bin, weil ich so schwanzgeil war und ihn nicht in Ruhe gelassen habe, aber gehabt habe ich es ja doch, und er hat mir nachgeben müssen, und er war schliesslich auch geil genug für das Ganze, und ich habe ihn gehabt, fast gegen seinen Willen, und dann war es ja auch aus, aber ich kann es auch, ich möchte es nicht, im Nachhinein hätte ich es lieber nicht so gehabt, oder doch, eigentlich weiss ich das gar nicht, da bist du gar nicht so sicher, meine Liebe . . .
Assoziativ ist das einstmals moderne Prinzip solchen Schreibens - über weite Strecken leider nullassoziativ, Gott und die Welt verbindend. Naturgemäss sind da oft Gedankensprünge, sie werden ungeniert mit dem Wörtchen «und» durchgeführt. Dieser Trick ermöglicht es der Autorin, all die Themen zu verwursten, die gerade en vogue sind, vom Seilbahnunglück in Kaprun über «9/11» bis zum letzten Ministerwechsel; das Ganze garniert mit ein paar vermeintlich generationsspezifischen Wörtern wie «cool», «super» und «mega» oder, was die Gegenseite betrifft, «Mäuschen», «Schatzi» und «Spatzl».
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4.)
Jessica, 30.
Roman von Marlene
Streeruwitz (2004, S. Fischer).
Besprechung von Fritz
Popp bei Rezensionen-online
*bn*:
Lifestyle, Sex und Politik im Spätkapitalismus. (DR)
Es läuft nicht so gut für Jessica: in ihrem nicht so sicheren Job bei einer Frauen-Klatschzeitschrift mit ursprünglich emanzipatorischem Anliegen und auch in ihrem Privat- und Liebesleben. Aber Jessica rennt: Wortwörtlich, wenn sie verbissen joggt und ihrer Idealfigur für die superschicken Modeklamotten nachhechelt. Oder dem Erfolg nach - aber sie findet sich bereits zu alt, um neu anzufangen, aber noch zu jung für eine Pension, zu intelligent, um von ihren Jobs ausgefüllt zu werden, zu anspruchsvoll für eine Partnerschaft. Und außerdem plagt sie eine Art "Finalisierungsneurose", die sie daran hindert, etwas fertig zu machen. Eigentlich wäre sie am liebsten die ewige Post-Graduate-Studentin, die die Lehrenden kontrolliert. Und dann gibt es noch diese Beziehung zu einem verheirateten ÖVP-Staatssekretär mit besonderen sexuellen Vorlieben und Geschäften. Und durch ihn kommt sie auch an eine ganz heiße Geschichte in Zusammenhang mit Politik, Frauenhandel und Prostitution. Im dritten Teil des Buches - ebenso wie die beiden ersten Kapitel ein furioser, atemloser, selbstquälerischer Monolog und Rundumschlag gegen Society-Tussis, österreichische Gegenwartspolitik und Medien - macht sich Jessica auf, um sich an diesem Staatsekretär und am politischen System zu rächen. Zusätzlich sei noch verraten, dass der ganze Text ein atemloses Stakkato ist, bestehend aus einem dichten Assoziationsgefüge eines inneren Dialogs bzw. aus drei Sätzen. - Komprimierter, zeit- und sozialgeschichtlich aktueller Text.
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