Jenseits der Worte/Beyond Words von Nevfal Cumart, 2006, GrupelloJenseits der Worte/Beyond Words.
Gedichte/Poems von Nevfal Cumart (2006, Grupello - Übertragung Eoin Bourke).
Besprechung von Stefan Neuhaus aus den Nürnberger Nachrichten vom 25.1.2007:

Zwischen zwei Ländern
«Jenseits der Worte»: Gedichte von Nevfel Cumart

Nevfel Cumart ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Lyriker türkischer Abstammung und ein vielgereister «Wanderer zwischen den Welten». Seine kulturellen Wurzeln in zwei Ländern und seine polyglotten Erfahrungen verschmelzen in seinen Gedichten zu einem unverwechselbaren Stil. So wie Cumart schreibt kein anderer.

«Um unsere einsamkeit zu vergessen / um unsere sehnsucht zu lindern / erfanden wir / die buchstaben.» So kurz und prägnant sind manche von Cumarts Gedichten, die alten und die neuen, die er in seinem Band «Jenseits der Worte» versammelt hat. Andere wiederum erstrecken sich über zwei Seiten und erzählen kleine Geschichten.

Mehr als ein Dutzend Lyrikbände hat der in Stegaurach bei Bamberg lebende Autor bereits vorgelegt, doch zusammen mit «Wellen der Zeit» von 1998 handelt es sich hier um etwas ganz Ungewöhnliches in der Lyriklandschaft. Den deutschsprachigen Originalen ist eine englische Übersetzung beigegeben. Eoin Bourke, irischer Germanistikprofessor, hat mit Cumart zusammen die Auswahl getroffen und beim Finden der passenden englischen Worte zweifellos hervorragende Arbeit geleistet.

Dazu muss man wissen, dass Cumarts Lyrik auch deshalb unverwechselbar ist, weil sie einer ganz besonderen Sprachmelodie folgt, die nicht einfach ins Englische transferiert werden kann. Doch Bourke hat es vermocht, die Sprache zu wechseln und den orientalischen Einschlag beizubehalten. Die Virtuosität des englischen Texts geht bis zur gewollten Lakonie, die in den Übersetzungen ebenso deutlich herauskommt, etwa im eingangs zitierten Gedicht: «to forget our loneliness / to soothe our yearning / we invented / script.»

Das Eigene und das Fremde

Auch das kundige Nachwort, das einen kleinen Überblick zu Cumarts Leben und Werk bietet, ist zweisprachig abgedruckt. Auf diese Weise ist ein Band entstanden, der Cumarts Versuch, zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu vermitteln und so die eigene Herkunft produktiv zu nutzen, englischsprachigen Lesern näherbringt. Da Englisch mittlerweile die ‚lingua franca’ der Welt ist, könnte der Band aber auch in deutschen Schulen nützlich sein. An die Vermittlung sprachlicher Kompetenzen ließen sich Einblicke in fremde Kulturen knüpfen, die beim näheren Hinsehen so fremd gar nicht sind; Einblicke also, die dazu beitragen, das Eigene mit anderen Augen zu sehen.

Die hier abgedruckten Gedichte Cumarts umspannen einen weiten Horizont, zeitlich und thematisch. Sie reflektieren die Vergangenheit der eigenen Familie, die Armut in der Türkei ebenso wie das umbarmherzig harte Leben als ‚Gastarbeiter’ in Deutschland. Sie gehen aber auch auf eigene, neueste Reisen ein, etwa in das immer noch vom Krieg gezeichnete Vietnam, und sie sprechen über Krisen, die alle Bürger dieser Welt angehen.

Die Botschaft der Humanität durchzieht alle Gedichte, sie ist der Kompass, mit dem Cumart, trotz aller Rückschläge und Seitenhiebe, von denen wir in den Gedichten erfahren, unbeirrt auf Kurs bleibt. Was jemand geleistet hat, bemisst sich eben nicht an seinen materiellen oder sonstigen Erfolgen, sondern einzig daran, wie er zu anderen Menschen gewesen ist. Der Mensch ist ein soziales Wesen, und Cumart, der weltläufige Dichter, mahnt ihn an diese besondere Eigenschaft. Sie kann ihm in Notsituationen helfen und ihm Glücksmomente bescheren, wie sie hier exemplarisch gezeichnet werden, sei es in den Gassen von Adana, auf dem Flughafen von Galway oder zuhause bei der kleinen Amelia, die gerade ihren ersten Zahn bekommen hat.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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