Jenseits der See von Louis-Philippe Dalembert, 2008, litraduktJenseits der See.
Roman von Louis-Philippe Dalembert (2008, Litradukt-Verlag - Übertragung Peter Trier).
Besprechung von Marcus Neuert, März 2010:

In diesem aufwühlenden kleinen Roman - er umfasst gerade einmal 145 Seiten -  lässt Louis-Philippe Dalembert ein Stück neuerer haitianischer Geschichte Revue passieren, von dem man im nicht-frankophonen Teil Europas wenig mitbekommen haben dürfte.
Das Buch liest sich streckenweise dennoch wie eine Parabel auf die immer gleichen  Macht- und Grausamkeitsstrukturen, die es zu allen Zeiten und auf allen Kontinenten gegeben hat, freilich unterschiedlich in Umfang, Ausprägung und Wirkungsweise auf den weiteren Verlauf der Weltgeschichte. Dalembert, Jahrgang 1962, ist einer der wichtigsten Gegenwartsautoren haitianischer Herkunft.
In "Jenseits der See" greift er das Thema der Migration auf, das für Haiti in mehrfacher Hinsicht und Richtung prägend war. Da ist zunächst die Verschleppung westafrikanischer Sklaven in früheren Jahrhunderten in das Land hinein und später die durch Armut, Unrecht und Bürgerkriege geförderte Auswanderung so vieler Menschen. Formal gliedert sich das Buch in drei Hauptkapitel. Das erste ist überschrieben mit "Grannies Erzählung", in der aus der Sicht der Großmutter des zweiten Protagonisten Jonas die Zeit nach der US-amerikanischen Invasion Haitis von 1915-1934 beschrieben wird. Die demütigende Behandlung der Haitianer durch die Besatzer zwang etliche Bewohner ins Exil; die Familie unserer Heldin, die damals noch ein Kind war, das bereits von Reisen und Ländern jenseits des Meeres träumte, verschlägt es in den Ostteil Hispaniolas, in die spanischsprachige Dominikanische Republik, aus der sie aber schon nach kurzer Zeit grausam und blutig wieder zurück in ihre alte Heimat vertrieben werden. Der zweite Teil ist ein kurzer, eindrücklicher Abriss über die zunehmende Verrohung des eigenen Volkes, von einem Erzähler bereits aus der Perspektive von Jonas geschildert. Im dritten Abschnitt ist es Jonas selbst, der als Ich-Erzähler auftritt. Wir befinden uns zeitlich nun in der Ära von Vater und Sohn Duvalier, also von den späten Fünfzigern bis in die Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein, in denen der staatliche Terror seinen Höhepunkt erreichte. Vor diesem Hintergrund spielt sich das Aufwachsen von Jonas und die sanfte Geschichte seiner ersten Liebe zu Ma
ïté ab, die daran zerbricht, dass das Mädchen zum Studium in die Vereinigten Staaten geht. Eine Massenflucht bahnt sich an, das Geräusch von Hämmern, mit denen überall provisorische Boote zusammengenagelt werden, um vor der Diktatur übers Meer zu fliehen, legt sich wie ein Ostinato über die gesamte Szenerie. Dazwischen gibt es immer wieder kurze Einsprengsel lyrischer Prosa, Rückblenden in konsequenter Kleinschreibweise ohne Satzzeichen, die vom Menschenraub der Westafrikaner und ihrem Martyrium im Zwischendeck der Sklavenschiffe handeln. Durch diese Verschränkung lyrischer und romanhafter Stilmittel gelingt Dalembert der Brückenschlag von geschichtlichen Fakten hin zum fiktionalen Erzählen auf besonders eindringliche Art und Weise. Dabei vermeidet es der Autor konsequent, Orte und geschichtliche Personen beim Namen zu nennen und schafft damit eine eigentümliche Distanz zum Geschehen, das zwar unschwer zu verorten ist, gleichwohl aber auch eine gewisse Allgemeingültigkeit erhält.
Das Buch spart nicht mit drastischen Schilderungen, die Gewaltdarstellungen erscheinen jedoch nie als blutgierige Illustration, sondern legen Zeugnis ab von der erschütternden Fehlentwicklung einer Gesellschaft, die keine Perspektive mehr hat. Das alles ist leider nicht so weit weg von uns selbst, wie wir es gerne hätten: Haiti steht hier als Metapher für jedes Land der Welt, in dem eine schleichende oder galoppierende Entmenschlichung gesellschaftlich zugelassen wird - und sei es nur in Form von "Rückführung" illegaler Einwanderer, wie es täglich an den EU-Aussengrenzen geschieht.
"Jenseits der See", Dalemberts zweiter Roman, erschien bereits 1998 bei éditions Stock in Paris unter dem französischen Originaltitel "L'autre face de la mer". Im Jahr darauf erhielt der Autor dafür den begehrten "Prix de livre Réseau France Outre-mer", mit dem literarische Höhepunkte in französischer Sprache ausgezeichnet werden, die einen geografisch-geopolitischen Bezug zu Frankreichs Überseedepartements oder deren Nachbarländern haben. Dem kleinen Litradukt-Verlag in Kehl ist es zu verdanken, dass dieses formal, stilistisch und inhaltlich überzeugende Stück Literatur nun auch in deutscher Sprache vorliegt.

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