Jemand.
Roman von Patricia
Josefine Marchart (2005, Jung und Jung).
Besprechung von Markus
Köhle, März 2005:
Unter den Händen der Masseuse Gerda
Sanders stirbt ein polnischer Athlet mit makellosem Körper, blau durch die Haut
schimmernden Adern und erigiertem Glied. Gerda wirft dieses Ereignis aus ihrem
Leben, sie steht daneben, findet nicht mehr zurück und beschließt fort zu
gehen. Sie sehnt sich nach dem Meer, tritt die Reise dorthin auch an aber nicht,
ohne sich vorher von ihrer Wohnung und somit ihrem alten Leben verabschiedet und
einen Zwischenstopp in einer Pension eingelegt zu haben. Dort träumt sie in der
Badewanne liegend davon, von den Zimmernachbarn sexuell bedient zu werden und
drischt zum Abreagieren mit dem Duschkopf auf die wehrlosen Fliesen ein, bis
diese endlich springen.
Gerda hinterlässt Spuren. Sie nimmt einen Zug nach Italien, spuckt in jeder
größeren Stadt durch das Klo auf den Boden und starrt fasziniert in die vorbei
ziehende Landschaft. Und endlich am Meer angelangt, wird ihr dieses fast zum
Verhängnis. Dennoch geht sie, ihm Meer treibend, sich dem Ufer mit Kampf
annähernd, innerlich eben dort auf. Neuer Lebensmut überkommt sie und spült
sie wieder an Land.
Gerda kehrt also - in Kapitel zwei - zurück in ihre alte Wohnung. Betrachtet da
verstört die hinterlassenen, nichtssagenden Spuren und nimmt sich jetzt vor,
möglichst spurlos zu verschwinden. "Nichts ist sicherer, als in den Tod zu
verschwinden." (Daniel Kehlmanns Novelle "Der fernste Ort" kommt
einen in den Sinn. Dort legt es der Held auch auf ein Verschwinden an und geht
ins Wasser, das aber nur nebenbei.) Die Wohnung soll abgefackelt werden und an
ihrer statt dort ein bereits toter Körper verbrennen. Demnach muss eine Leiche
her und Gerdas Freundin, die am Anatomischen Institut arbeitet, kann das
tatsächlich arrangieren.
Die Geschichte nimmt kriminalistische Züge an, doch dann, kurz vor
Vollstreckung des Coups, verlässt Gerda plötzlich wieder der Mut. Ihr wird
bewusst, dass die mit dem Feuer bzw. Tod spielt, was man tunlichst unterlassen
sollte. Sie macht also einen Rückzieher und ihr geht auf, dass sie Joel liebt
und das ja doch das allerwichtigste ist. So wird das Verschwinden wieder auf die
lange Bank geschoben und stattdessen mit dem Geliebten wieder mal ans Meer
gefahren. Die Überraschung glückt, diese Wendung ist unvorhersehbar, die
Geschichte aber landet vorübergehend im Sand.
Dann, im dritten Teil, wird ausführlich zurück geblendet in die Kindheit und
Pubertät der 33jährigen Identitätssuchenden. Da erfährt man einiges über
das Vaterverhältnis, die Beziehung zum kleinen Bruder und zur Freundin Lea. Da
wird eingetaucht in berauschende und berührende Erlebnisse. Jetzt ist der Text
erstaunlich intensiv, breit und so ganz anders als in den Kapiteln zuvor, jetzt
ist man eingeweiht und versöhnt und harrt dem Ausgang der Geschichte und ja,
man wird wieder überrascht.
Marchart schreibt in Hauptsätzen, ihre Sprache ist glatt gestrickt. Das muss
man aber mögen. Der Schluss sei kitschig, der Text eine esoterisch angehauchte
Sag-ja-zum-Leben-Geschichte, die Aussage zu gewollt hin gebogen, könnte man
anführen. Geschmackssache. Meine Mutter wird dieses Buch mögen.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.autohr.at]
Leseprobe I Buchbestellung 0305 LYRIKwelt © Markus Köhle