Jeder
stirbt für sich allein.
Roman von Hans Fallada (2011,
Aufbau Verlag).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ
vom 29.3.2011:
Es war einmal: So könnte man diese Geschichte beginnen. Gleicht sie doch einem jener Märchen, aus denen Hans Fallada sein Pseudonym entlehnte: Das Märchen vom Buch im Dornröschenschlaf. Ein Autor schreibt einen Roman und stirbt noch vor der Veröffentlichung. Knapp sechzig Jahre später gelangt das deutsche Buch in die Hände eines Pariser Verlegers, der begeistert ist von der satten Kraft der Sprache. Auf die französische folgt eine englische Übersetzung unter dem Titel „Alone in Berlin“. Berlin! Die neue Popularität der deutschen Hauptstadt trägt mit dazu bei, dass nun ein toter deutscher Autor die Sellerlisten in Amerika erobert.
Warum uns das interessiert? Weil der internationale Erfolg von „Jeder stirbt für sich allein“ den deutschen Aufbau-Verlag veranlasste, in die Tiefen seines Archivs hinabzusteigen. Und wir endlich Falladas Vermächtnis im unzensierten Original lesen dürfen. So lebt er denn, bis heute.
Hans Fallada, 1893 in Greifswald geboren, gelang 1932 mit seinem Roman „Kleiner Mann, was nun?“ ein Welterfolg. Die Zeit des Nationalsozialismus überdauerte der seit seiner Jugend psychisch kranke, alkohol- und morphiumsüchtige Schriftsteller in Mecklenburg. Dass er nicht aus Deutschland floh, sondern als „unerwünschter Autor“ ausharrte, machte ihn im Ausland suspekt – aber nach Kriegsende für Johannes R. Becher, Gründer des Ostberliner „Kulturbundes“ und des angeschlossenen Aufbau-Verlags, interessant. Denn der Kulturbund hatte Prozessakten von exekutierten Widerstandskämpfern erhalten – Stoff für Romane! Fallada lehnte erst ab: Er habe sich ja selbst im Strom mittreiben lassen.
Doch auch die Hampels, im Roman Quangels genannt, waren ja Mitläufer – zunächst. Bis ihr Sohn an der Front fiel. Ihr Schicksal vermochte es, Fallada zu faszinieren: „Diese beiden Eheleute Quangel, zwei bedeutungslose Einzelwesen im Norden Berlins, nehmen eines Tages im Jahr 1940 den Kampf auf gegen die ungeheure Maschinerie des Nazistaates, und das Groteske geschieht: der Elefant fühlt sich von der Maus bedroht.“ Von Postkarten, die das Paar mühsam schreibt und in der Stadt verteilt: „Nieder mit der Hitler Regierung! Nieder mit dem Zwangs Elends Dicktat in unser Deutschland!“
Fallada schreibt 800 Seiten in vier Wochen. Er entwirft ein breites Panorama der Gesellschaft im Berlin der 40er Jahre, in der Proletarier und Bürger im allgegenwärtigen Argwohn vereint sind. Doch was der Autor selbst kurz vor seinem Tod am 5. Februar 1947 erleichtert bejubelte, wird nur gekürzt erscheinen.
Dass Anna Quangel Mitglied in der NS-Frauenschaft gewesen ist – gestrichen. Wie sie sich dieser Pflicht pfiffig entledigt hat – gestrichen. Dass sie für Otto Quangels Job in der Möbelfabrik dem „Führer“ dankbar waren – gestrichen. Eine ruppige Widerstandsgruppe durfte nicht kommunistisch und die Sprache nicht allzu vulgär sein: deshalb wurde aus dem „Scheißkrieg“ ein „elender“. Das vielschichtige Meisterwerk passte Lektor Paul Wiegler einer Ideologie an, die die „kleinen Leute“ zu Heroen erklären wollte. Dabei liegt doch das große Wunder in Falladas kunstvollen Grauschattierungen — auch auf Seiten der „Guten“.
Bei aller Kunst: Die Lektüre ist natürlich auch eine Qual. Sie offenbart die hässliche Fratze dieses Nazideutschlands. Sie zeigt, auf den ersten Blick, die Sinnlosigkeit allen Widerstands. Zufall und fatale Neugier lassen Otto Quangel ja alle Vorsicht vergessen, er legt eine seiner Postkarten im eigenen Betrieb ab. Und muss beobachten: Die, die sie lesen, werden nicht von Erkenntnis getroffen – sondern geschüttelt von Todesangst. Später wird er erfahren, dass alle Karten furcht- und folgsam bei der Polizei abgegeben wurden.
Wozu also Widerstand wagen? Fallada meint: für sich selbst! Für den Moment, in dem ein Mensch mit sich ins Reine kommt: „Dies war der Augenblick, da Quangel lachte..., heiter und unbekümmert lachte. Die Komik, dass dieses Verbrechergesindel ihn ernsthaft zum Verbrecher stempeln wollte, überwältigte ihn plötzlich.“
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]
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