1.) - 2.)
Jedermann.
Roman von Philip
Roth (2006, Hanser - Übertragung Werner Schmitz).
Besprechung von Sabine
Dultz im Münchner
Merkur, 16.8.2008:
Der
menschliche Irrtum
"Jedermann": Philip Roths
neuer Roman
"Er hatte dreimal geheiratet, hatte Geliebte und Kinder gehabt und war in einem interessanten Beruf sehr erfolgreich gewesen, aber jetzt schien die Flucht vor dem Tod zur zentralen Aufgabe seines Lebens und körperlicher Verfall sein ganzer Lebensinhalt geworden zu sein."
Das also ist übrig geblieben von den begabten,
kreativen, sportlichen, sexstrotzenden Mannsbildern des Philip Roth. Der
amerikanische Schriftsteller, seit seinem grandiosen "Der menschliche
Makel" jedes Jahr als möglicher Nobelpreisträger im Gespräch, hat dem
unfreundlichen, sich plötzlich in einem gesunden Menschen breitmachenden
Gevatter Tod literarisch Tribut gezollt.
"Das Alter ist ein Massaker."
Philip Roth
In seinem soeben erschienenen Roman
"Jedermann" beschreibt er das langsame Versagen des männlichen
Körpers: die letzten Jahre eines Mannes, der mit 73 stirbt. Die Geschichte
beginnt mit der Beerdigung auf dem alten, verrotteten, jüdischen Friedhof, der
auch die Gräber der Eltern birgt.
Im aktiven Leben war dieser Jedermann ein erfolgreicher Grafikdesigner, der
schnell mal zwischendurch die Sekretärin auf den Teppich legte und im Taxi den
jungen Frauen zwischen die Beine griff. Nun im Ruhestand, hangelt er sich
aufgrund unzuverlässiger Herztätigkeit und verstopfter Halsschlagadern nur
noch von Krankenhaus zu Krankenhaus, von Operation zu Operation. Die
Trostlosigkeit des Alterns - "Das Alter ist ein Massaker" - führt ihn
naturgemäß zur Rückschau auf sein Leben.
Die erste Ehe mit zwei Söhnen: gescheitert. Er hat die Familie verlassen,
wofür seine erwachsenen Jungen ihn noch immer verachten. Die zweite Ehe: ein
großes Glück, das er aber seiner ständigen Gier nach jungem Fleisch
gedankenlos opfert. Tochter Nancy, die ihren Vater abgöttisch liebt, bietet am
Ende nicht ihm, sondern der hinfälligen Mutter Quartier. Die dritte Ehe mit
einem dänischen Model: der lächerliche Irrtum eines alten, sexbesessenen
Gockels.
Die Erkenntnis ist schmerzlich: Das Leben ist unwiederbringlich verpfuscht; denn
für seine gelebte Unabhängigkeit, für seine Rücksichtslosigkeit gegenüber
jenen Menschen, die ihm am nächsten stehen, hat er jetzt den hohen Preis der
Einsamkeit zu zahlen. Eingehüllt in den Kokon der Alterskrankheiten, dringt er
auch nicht zu den ehemaligen Freunden und Kollegen durch. Sie befinden sich ja
in der gleichen Lage des allmählichen Absterbens.
Nichts ist unserem Held geblieben. Nur die materielle Sicherheit, die es ihm
erlaubt, seinen Wohnsitz in ein luxuriöses Seniorendorf an der Küste zu
verlegen. Welch bittere Erfahrung für den Frauenjäger, dass ihn die joggenden
Mädchen am Strand nur noch im Kopf ansprechen. Also frönt er der ihm noch
verbleibenden, körperlosen Leidenschaft, der Malerei, gibt den greisen Nachbarn
Malkurse und muss erkennen: Das Interesse an seinem Tun war ihm vergangen.
"Dass er gemalt hatte, kam ihm jetzt wie ein Exorzismus vor.
Aber welches Übel hatte er damit austreiben wollen? Die älteste seiner
Selbsttäuschung?" Selbsttäuschung, also dass man nicht geboren wird, um
zu leben, sondern um zu sterben, dass all das irdische Treiben nur ein Zusteuern
auf das Nichts ist, dass der Staub der Knochen das Ziel des Daseins darstellt:
für den Schriftsteller Philip Roth - wie vermutlich für die meisten Menschen -
ein existenzielles Thema. Unschwer darf sein Jedermann als Alter Ego des Autors
identifiziert werden. Und manch betagter Leser wird sich in den hier
artikulierten Ängsten sowie in den minuziösen Beschreibungen von Krankheit,
Operation und Rekonvaleszenz wiederfinden.
Allein, das Thema langweilt. Denn dieser Roman reduziert sich selbst darauf, ein
Männerroman zu sein. Schonungslos zwar in der Analyse, aber auch genauso
selbstgefällig, weinerlich und eitel. Es darf ruhig einmal gesagt werden: Die
selbstverliebte, bejammernswerte, sich nur um das eigene Ego und die
auftretenden Potenzprobleme drehende Altmännerprosa - so unterschiedlich sie
auch von Martin
Walser über Adolf
Muschg bis zu Philip Roth sein mag - geht einem gehörig auf den Wecker.
Denn sie führt den Leser, noch weniger die Leserin, nicht über sich selbst
hinaus.
"Befreit vom Sein."
Philip Roth
Das heißt nicht, dass Roths "Jedermann" nicht mit der Könnerschaft
des versierten Schriftstellers geschrieben wäre. So wie er den Roman mit dem
Begräbnis seines Helden beginnt, wie er von hier aus den Weg
Jedermanns noch einmal zurückgeht und damit den Bogen schlägt von der Kindheit
über die frühe Erfahrung mit dem Tod und der Liebe bis zur Abkehr vom Glauben
und der späten Frage nach Buße - so lässt Roth seinen Roman auch wieder mit
Friedhof und Tod enden.
Und endlich erreicht das Buch die literarische Größe, die von diesem Autor
erwartet werden darf: Auf der Fahrt nach New York macht Jedermann Halt an jener
letzten Ruhestätte der Menschen und begegnet hier dem Totengräber. Das ist als
bewusstes "Hamlet"-Zitat eine großartige Szene von Shakespeare'schem
Ausmaß. Ein Finale, das dann doch noch versöhnt.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0806 LYRIKwelt © Münchner Merkur
***
2.)
Jedermann.
Roman von Philip
Roth (2006, Hanser - Übertragung Werner Schmitz).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 23.8.2006:
Gute 600 Jahre ist sie alt, die Geschichte vom Jedermann, der vor Gottes Richterthron steht und sein irdisches Tun rechtfertigen muss. Alle Freunde und Errungenschaften haben ihn verlassen. Geld zählt nichts mehr, zuerst die Krankheit, dann der Tod waren Gottes Boten. Die Frist ist kurz, und weil Verfehlungen immer zusammenhängen mit Genüssen, ist die Geschichte quer durch die Jahrhunderte stets ein Spiegel des jeweiligen bürgerlichen Lebens gewesen. In der berühmtesten Anverwandlung - Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" von 1911 - rührte die Schuld von daher, dass der ich-bezogene moderne Mensch keine höhere Ordnung mehr anerkennt. Die Welt als Wille und seine Durchführung, schlussendlich das gesenkte Haupt. Philip Roths "Jedermann" ist seinem Umfang nach ein eher kleines, in seiner Schreibweise aber brillantes und in seinem inhaltlichen Gewicht ein gigantisches Buch. Eine vollkommen desillusionierte, ja erschütternde Geschichte, die zur Gegenwartsdiagnose wird und in eine Reihe gehört mit seinem Romansolitär "Der menschliche Makel".
Erzählt voll emotionaler Wucht
Es beginnt mit dem Begräbnis des Protagonisten auf einem jüdischen Friedhof, wo die Trauergemeinde wie Stichwortgeber am Grab steht, um die Story in Gang zu bringen. Was wir aber lesen, als sich die Anwesenden zerstreut haben, ist bester Roth. Lakonisch, präzise, die Erinnerungsebenen verzahnend wird erzählt bis zum Punkt der Auslöschung, voller emotionaler Wucht. Von seinem Ende her wird das Leben eines Mannes aufgerollt, das vom Aufgehen in der Gemeinschaft und der Sehnsucht nach Beständigkeit geprägt war. Ein Leben, das in einer vorbildlichen jüdischen Einwandererfamilie begann, das sich fortsetzte über Marine-Wehrdienst, High-School und den zugunsten der existenzsichernden Arbeit in einer Werbeagentur zurückgestellten Wünschen nach einem Künstlerdasein als Maler. Dies war ein leicht verspießertes Leben als dreifacher Vater, geprägt von der jüdischen Urformel: Du sollst überleben. Was bleibt, ist die zu späte Erkenntnis der Liebe zu einer, die irgendwann nicht mehr "die mitleiderregende, nicht mehr junge Ehefrau" sein wollte, "verbittert durch Zurückweisung, verzehrt von gemeiner Eifersucht." Was bleibt, ist dieses Zu-Spät, diese lähmende Entpersönlichung, wenn statt der Außenhaut des Körpers nur noch das Innen zählt. Was bleibt, ist das saubere Handwerk des Totengräbers und eine Schaufel Erde im Mund. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0906 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Neue Ruhr/Rhein Zeitung