Revolte in der Resignation.
Buch über Jean Améry (2004, Klett-Cotta, hrsg. von Irene Heidelberger-Leonhard).
Besprechung von Karl-Markus Gauss in Neue Zürcher Zeitung vom 10.07.2004:

Auf dem abschüssigen Weg des Ruhms
Jean Améry - Werkausgabe und Biografie

Als stilistisch brillierender Essayist stach er den Zeitgenossen ins Auge. Jean Améry wollte aber auch als Literat und Schriftsteller anerkannt sein. Eine Biografie und eine Ausgabe seiner Werke werfen Licht auf eine spannungsvolle Existenz.

1966, im Alter von 54 Jahren, ist Jean Améry über Nacht berühmt geworden und auf den abschüssigen Weg des Ruhms geraten. Zwei Jahrzehnte lang hatte er an der «journalistischen Tagesfron» gelitten, jetzt, nachdem «Jenseits von Schuld und Sühne» erschienen war, rissen sich die grossen Zeitungen und Radiostationen, die Verlage und Würdenträger um ihn, den sie so lange kaum beachtet hatten. Dankbar für die Chance, ein grosses Publikum zu erreichen, schreibt er Artikel um Artikel, erprobt er auf ungezählten Podien seine einzigartige Begabung, «öffentlich zu denken», nimmt er Preise und Ehrungen entgegen - und ist mit dem späten Ruhm doch nicht zufrieden. «Müssig, darüber zu streiten», schrieb Helmut Heissenbüttel, der so anders Geartete, der doch zu seinem zuverlässigen Förderer in Deutschland wurde, «ob das Werk von Jean Améry dem Bereich der Philosophie zuzurechnen sei oder dem der schönen Literatur.»

Müssig war es tatsächlich, aber für Améry gleichwohl lebensentscheidend. Während der Bewunderte und Gefeierte sich auf die von ihm verächtlich so bezeichneten «Sängerfahrten durch Deutschland» begibt und auf ausgedehnten Lesetouren, diesen «Handelsreisen des Geistes», seinen Ruf als bedeutendster Essayist jener Jahre bestätigt, hadert er insgeheim mit der lobenden Mitwelt: nahm sie doch nur den streitbaren Publizisten und originellen Essayisten wahr, nicht den Stilkünstler, dessen Werke auch dem Reich der «schönen Literatur» zugehören und nicht nur jenem des Diskurses.

ROMANPROJEKTE, FREITOD

Irene Heidelberger-Leonhard, deren Biografie Amérys gleichermassen überzeugt durch die Geduld, mit der sie den Lebenswegen des 1912 als Hans Mayer in Wien Geborenen nachspürt, wie durch die Intelligenz, mit der sie dessen Gedanken aufnimmt und fortspinnt, hat quälende Zeugnisse gerade aus den letzten, äusserlich so erfolgreichen Jahren Amérys zusammengetragen. Als er 1976 den Preis der Stadt Wien für Publizistik erhält, ist ihm das keine Freude, sondern eine Kränkung: Nicht den Preis für Publizistik, jenen für Literatur hätte er gewollt, aber der ging an H. C. Artmann. Man lasse ihn eben nur als «Parade-Opfer und Leidens-Juden» gelten, klagt er in einem Brief, und als er sich endlich an einen Roman wagte, wurde dieser von den einen mit demütigendem Wohlwollen gelobt und von den anderen rüde als Fehltritt abgetan, der einen brillanten Essayisten in ein ihm wesensfremdes Gelände geführt habe.

Dass «Lefeu oder Der Abbruch», in dem Améry die erzählerischen Fäden des Romanprojekts «Die Schiffbrüchigen» wiederaufnahm, das ihn seit seinem zwanzigsten Lebensjahr beschäftigte, so wenig Anklang fand, markiert für Heidelberger-Leonhard «den Anfang vom Ende». Im Archiv von Amérys Frau Maria findet sich ein Exemplar von «Lefeu», das der Autor eigenhändig zerfetzte, als er einen Verriss dieser erzählerischen Bilanz der Epoche zu lesen bekam. Vier Jahre später wird er die Verrisse nicht mehr abwarten können. Im August 1978 war sein Roman «Charles Bovary, Landarzt» erschienen, den er, wiewohl es sich um eine Abrechnung nicht nur mit Flaubert, sondern auch mit Sartre handelt, für sein «leichtestes» Werk hielt, mit dem es ihm endlich gelingen müsse, «die Deutschen, die mich ewig nur als Essayisten wollen, mit einem anderen J. A. bekannt zu machen». Den ganzen September über, erinnerte sich seine Frau, «lauerte er mit geradezu krankhafter Gereiztheit auf irgendeine Besprechung».

Als er am 17. Oktober 1978 dem Warten ein Ende setzte und in einem Salzburger Nobelhotel, nach Verfertigung artiger Schreiben an die Hotelleitung und die Polizei, wohlvorbereitet Hand an sich legte, wusste die respektvoll ergriffene Nachwelt sogleich, womit sie es bei diesem Freitod zu tun hatte. Da sei einer, mehr als dreissig Jahre nachdem er der Hölle von Auschwitz und Bergen-Belsen entronnen war, dem Grauen doch noch erlegen. In zahllosen Nachrufen wurde sein Ende stets in diesem Sinne gedeutet, als hätte Améry den ihm zugedachten Tod mit Verspätung selber nachgeholt. Und hatte er nicht zwei Jahre vorher «Hand an sich legen» veröffentlicht, eine Apologie des Freitods, den «Selbstmord» zu nennen er sich aufs Heftigste weigerte?

Ein Freitod ist gewiss nicht nur «ein unveräusserliches Menschenrecht», wie es Améry zu rehabilitieren versuchte, sondern in den allermeisten Fällen das höchstpersönliche Ergebnis eines langen, nicht nur von persönlichen Voraussetzungen bestimmten Prozesses. Und natürlich haben die Erfahrung der Folter, das beschädigte, versehrte Überleben dort, wo Menschen mit industrieller Methodik vernichtet wurden, bei Amérys Entschluss, aus dem Leben zu gehen, eine Rolle gespielt. Doch weist Heidelberger-Leonhard nach, dass er schon lange, ehe er in die Maschinerie der Verfolgung geraten war, sich mit dem Gedanken, sein Leben jederzeit beenden zu können, vertraut gemacht hatte. Und dass es auch viel spätere Kränkungen und solche ganz anderer Art waren, die er, ein melancholischer Kämpfer, revoltierend gerade in der Resignation, nicht mehr hinzunehmen bereit war. Zur «Selbstabschaffung», die er in «Hand an sich legen» als «Zurücknahme aller Lebenslügen» deutete, hat sich Améry gerade auch deswegen entschieden, weil er von der Schar der ihn Rühmenden nie für das gerühmt wurde, was er für seine eigentliche Leistung hielt.

GATTUNGSGRENZEN ÜBERSCHREITEN

Nun hat sich unter Leitung Heidelberger-Leonhards ein Team von Germanisten gefunden, die «Werke» Amérys sorgfältig zu edieren. Vorab ist das Erstaunliche an den neun geplanten Bänden, dass sie allesamt aus dem Fundus von gerade zwölf Jahren schöpfen. Bis 1966 hatte Améry wöchentlich mindestens drei journalistische Arbeiten, in Summe an die 5000 Artikel über geradezu beliebige, ihm häufig vorgegebene Themen, verfassen müssen, um sich und seiner Frau ein bescheidenes Auskommen in einer Zweizimmerwohnung in Brüssel zu sichern. Man kann über die kreative Potenz, die schriftstellerische Energie Amérys nur staunen, der, endlich von der rastlosen journalistischen Kleinarbeit befreit, sich als Fünfundfünfzigjähriger rastlos bis zum körperlichen Kollaps daranmacht, alles, was er sich in seinem Leben geistig erarbeitet hat, nun in literarische Essays, politische Kommentare, philosophische Versuche - und eben in Romane zu giessen... Fortsetzung

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