Jazztime von Roddy Doyle, Hanser, 2006Jazztime.
Roman von Roddy Doyle (2006, Hanser - Übertragung Renate Orth-Guttmann
).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 01.03.2006:

Es war einmal in Amerika...
Wieder ein ziemlich starkes Stück irischer Literatur: Roddy Doyles neuer Roman "Jazztime".

Obwohl Irland ab vom Schuss liegt, wissen wir viel von der grünen Insel. Das liegt an den überproportional vielen bemerkenswerten Schriftstellern. Von Spitzenkräften wie Beckett, Joyce und Yeats reicht das Spektrum bis zu Frank McCourt oder Roddy Doyle. Dessen Bücher werden um Dublin herum von der Palette verkauft. Dutzendware sind sie aber noch lange nicht. Im Gegenteil: Viel zu eigenwillig ist ihr Ton, als dass man die Romane zur windschnittigen Unterhaltungsliteratur werfen könnte. Iren sind menschlich, und dieser Autor schaut ihnen aufs Maul. Das ergibt ausufernde, sehr direkte Dialoge, die auf Umwegen auf den Punkt kommen. Dann aber richtig. Spätestens seit Alan Parker vor anderthalb Jahrzehnten in "Commitments" die richtigen Bilder zum Gequassel fand, ist der Ton populär. Das war gestern. Der neue Doyle-Roman handelt vom Vorgestern und vom Weglaufen aus Irland. Henry Smart war schon im vorigen Opus des Autors der Held, einer, der 1901 in die Slums von Dublin hineingeboren wurde, als Jugendlicher bereits den Aufstand probte und die Liebe mit seiner Lehrerin Miss O´Shea, einer, der zum Mörder wurde, den man schnappte am legendären Bloody Sunday. Also blieb so einem starken, unbekümmerten, wütend-geilen Typen nur die Flucht. Er war nicht der einzige Ire, der das Land der unbegrenzten Möglichkeiten suchte in den Zwanzigern. Neu anfangen in New York wollte er und groß rauskommen. Trug Reklamebretter, schweißte Feuerleitern, war Zeitungsvorleser, Leichenbestatter und Pornodarsteller. Vor allem war er Revolverheld im Ruhestand, der Irland nicht loswerden konnte. Im realen Leben herrschte der große Rausch vor dem noch größeren Kater der Depression. Die Reviere waren abgesteckt, wurden mit Baseballschlägern verteidigt, und zwischen den Clans zappelte bald einer im undurchdringlichen Netz: hyperaktiv, in gnadenloser Selbstüberschätzung, gefragt bei fragwürdigen Frauen. So sprunghaft wie dieser Weg ist der Stil des Buchs. Der fängt Tempo, Irritationen und Hitze einer Zeit ein, der häuft die Details so sehr, dass man oft erst später weiß, was los war. Das darf man durchaus als experimentellen Stil verstehen. Auf jeden Fall ist das ein Versuch, alle Sinne anzusprechen, indem Formulierungen gebastelt werden für Gerüche, Töne und den Geschmack einer Zeit. Jazz-Zeit wird sie vor allem eines Mannes wegen genannt werden, in dem sich die Energien jener Jahre zu neuem Ausdruck bündeln. Dem steht Henry Smart irgendwann in Chicago gegenüber, um für lange sein weißer Schatten zu bleiben. Louis Armstrong braucht so einen. Es herrscht Rassentrennung, also Vorsicht: Dies ist nicht der What-A-Wonderful-World-Hello-Dolly-Onkel-Tom. Dies ist der lustvolle Revolutionär, der mit funkelnagelneuen Tönen die Clubs in furiose Duldungsstarre zwingt, der Mann, dessen Lächeln Amerika tolerant stimmte, wobei ihm von den gesprungenen Lippen das Blut auf die Lacklederschuhe tropfte. In den schönsten Passagen seines Buches ist Roddy Doyle bei der Musik. Da ist er am stärksten. Doch die Studios stehen in New York, und dort gibt es noch immer keinen Platz für Henry Smart. Was folgt, sind immer neue Fluchten. Hobos, Desperados und Auftragskiller. Schade, dass gegen Ende des Romans nicht mehr mit Baseballschlägern, sondern mit Zaunpfählen gewunken wird. (NRZ) 

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