James Joyce von Jörg W. Rademacher, 2004. dtv

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James Joyce.
Bücher über James Joyce (2004, Claassen-Verlag, hrsg. von Edna O'Brien - Übertragung Holger Fließbach mit Christoph Nettersheim/2004, dtv, hrsg. von Jörg W. Rademacher).
Besprechung von Christine Diller im Münchner Merkur, 15.06.2004:

Rendezvous mit Nora
Zum 100. Bloomsday: Zwei Bücher über James Joyce

Laut lesen, Inhalt klären, Struktur analysieren, mit dem erlangten Wissen von Neuem lesen - das ist Jörg W. Rademachers Tipp, wie man sich dem Werk James Joyces nähert, ohne entnervt und überfordert aufzugeben. Ähnliches verlangt seine Biografie: Die häufig lückenhaften Darstellungen seines unsteten und komplizierten Lebenswandels müsste man abwechselnd und einander ergänzend lesen, um einen ungefähren Eindruck vom Wesen dieses großen irischen Schriftstellers zu bekommen.

Doch die Flut der biografisch motivierten Abhandlungen ist gewaltig. Stellvertretend ließen sich zwei sehr gegensätzliche Biografien lesen, die anlässlich des heutigen 100. "Bloomsday" erschienen sind, anlässlich jenes 16. Juni 1904 also, welchen die Hauptfigur Leopold Bloom im über 1000-seitigen Roman "Ulysses" erlebt. Dass zu diesem Jubiläum derartige Bücher erscheinen, hat durchaus seinen Grund: Am 16. Juni 1904 hatte Joyce in Dublin sein erstes Rendezvous mit dem Zimmermädchen Nora Barnacle, seiner späteren Frau. Ein bedeutungsvolles Datum, wenn man liest, wie wichtig Nora für das Überleben des ausschweifenden Dichters geworden ist.

Edna O'Brien, selbst renommierte irische Autorin, beschreibt das in ihrem Joyce-Lesebuch. O'Brien schert sich wenig um Wissenschaftlichkeit und das Belegen von Zitaten. Dafür liest sich ihre assoziative, plaudernde Darstellung wie ein Abenteuerroman. Dort, wo sie sich in eine verkünstelte Ausdrucksweise versteigt, wird sie allerdings von der Übersetzung im Stich gelassen, die ihre Wortspielereien und Gedankensprünge nicht immer schlüssig nachbildet.

Ganz anders Jörg W. Rademacher in seinem "James Joyce" aus der "Sicht deutschsprachiger Kulturen": Er unterteilt sein akribisches Buch säuberlich in chronologische Abschnitte und wechselt, wo es sich empfiehlt, die Strategie. Etwa, indem er tagebuchartig Korrespondenzen zusammenfasst. Mit seinen Querverweisen auch zum Beginn der Rezeption von Joyces Werk ist Rademachers Buch besonders nützlich für Literaturwissenschaftler.

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James Joyce von Jörg W. Rademacher, 2004. dtv2.)

James Joyce.
Buch über James Joyce (2004, Claassen-Verlag, hrsg. von Edna O'Brien - Übertragung Holger Fließbach mit Christoph Nettersheim).
Besprechung von Sabine Franke aus der Frankfurter Rundschau, 11.8.2004:

Die geteilte Erbse verlassen und viel Spaß gehabt
Die irische Romanautorin Edna O'Brien geht mit James Joyces Leben und Werk sehr frei um. Das hat durchaus Vorteile - aber nicht nur

Als James Joyce Nora Barnacle am 10. Juni 1904 zum ersten Mal auf der Nassau Street in Dublin begegnet, hält Nora ihn für einen Matrosen und findet, er sehe aus wie ein schwedischer Wikinger. Er hingegen ist fasziniert von ihrem Stolz, ihrem Temperament und ihrem guten Aussehen. Im Westen Irlands, woher sie stammt, ist er nie gewesen, dafür aber in Paris. Die beiden verabreden sich für den 16. Juni 1904 zu einem ersten Rendezvous. Das Datum wird zum Wendepunkt im Leben des jungen Autors. Nora Barnacle macht ihn kurzerhand zum Mann und verlässt vier Monate später mit ihm das Land, um ein Leben jenseits der Konventionen zu führen, das sie nach Triest, Rom, Paris und Zürich führt. Joyce verewigt den denkwürdigen Tag in seinem Roman Ulysses, der Nora Joyce noch so manches Andere zu verdanken hat.

Seit 1999 reiht sich in die biografische Literatur zu Joyce ein "literarisches Lebensporträt" ein, das ursprünglich in der Reihe "Penguin Lives" erschienen und anlässlich des 100. Bloomsday in deutscher Übersetzung vorliegt. Die Autorin Edna O'Brien ist eine ausgewiesene Schriftstellerin und darf mit 15 Romanen und anderen Prosatexten als eine der wichtigsten irischen Schriftstellerinnen der Gegenwart bezeichnet werden.

"Es war einmal ein Mann, der kam eine Straße in Dublin herab...", so nimmt sie schlicht und märchenhaft ihr Sujet in Angriff, doch trügt der Schein. Der Leser sollte seine sieben Sinne und eine solide Schulbildung beisammen haben, wenn O'Brien vom "apostolischen Dubliner James Joyce" handelt, der "abstürzen sollte in eine Welt der Wörter - von den ,Epiphanien' der Jugend in die ,Epistomadologien' späterer Jahre". Die Biografie behandelt in schlanken, einigermaßen anspruchsvollen Kapiteln die wichtigsten Aspekte von Joyces Leben, wobei dieser joycesk als "funtastischer Funtast" oder "am Becken bettelnder Flitzer" tituliert wird. Und eine "entnervende Mischung aus Bildung und Unnahbarkeit" wird ihm auch attestiert.

Durchpulster Kopf

Mehr als experimentelle Wortspiele interessieren O'Brien allerdings die inneren und äußeren Beweggründe des Autors James Joyce. Ihm wird schon als Kind in der Jesuitenschule ein von Ideen durchpulster Kopf bescheinigt, der bald vor Unabhängigkeit nur so strotzt und ebenso unbekümmert wie überheblich das wenig konkrete Ziel eines Künstlerdaseins, eventuell als Sänger, verfolgt. Dem gegenüber steht der unaufhaltsame soziale Abstieg der Familie und die real existierende Enge Irlands, der "geteilten Erbse", die Joyce, beflügelt vom Überschwang der Begegnung mit Nora, dann einfach hinter sich lässt.

Noras Bedeutung als verruchte Ehefrau, Muse und Mutter bestimmt das Bild mindestens so stark wie das nun entstehende schriftstellerische Werk von James Joyce. Mögliche Arten der Geburtenkontrolle - Kopf an Fuß schlafen oder Saufen, bis man morgens auf allen Vieren heimkriechen muss - werden ebenso in O'Briens Erzählfluss verwoben wie die notorische Angewohnheit des Autors, Freunde zu Helfern zu degradieren.

Dennoch waren die Helfer und Gönner nicht rar. Beckett soll trotz erheblich größerer Füße aus purer Verehrung dieselbe Schuhgröße wie sein Idol gekauft haben, während Ezra Pound, der immerhin dafür bekannt ist, T. S. Eliots Waste Land radikal gekürzt zu haben, für Joyce gegen die Einwände eines Verlagslektors in die Bresche sprang - bei Joyce zu kürzen sei etwa dasselbe, als wenn man versuche, "die Venus von Milo zu einem Nachttopf umzuarbeiten". Insgesamt geht O'Brien ziemlich nett mit dem verehrten Joyce um, den sie immer wieder verständnisvoll auf seinem Geniesockel zurechtrückt. Man begegnet einem sensiblen und distanzierten Joyce, der jeder Form von psychischer Einengung zu entgehen suchte. Andererseits war James Joyce ein undisziplinierter Trinker, notorischer Bordellbesucher und ein Lüstling. Von der Kirche früh abgefallen, liebte er allerdings, so O'Brien, "auf einer weltlicheren Ebene ... Brombeermarmelade, weil die Dornenkrone Christi von diesem Strauch kam, und trug in der Fastenzeit violette Krawatten."

Nora als Busen?

Hier erführe man im geistreichen Wortgetümmel dann schon einmal gern die genaue Quelle. Einen entsprechenden Fußnotenapparat, mit dessen Hilfe der neugierig Gewordene wie bei umfangreicheren Biografien an Punkten persönlichen Interesses weiterforschen kann, gibt es aber nicht. O'Brien hat viel Zitatmaterial in ihren Text eingearbeitet, meist jedoch ohne Hinweis auf die genaue Herkunft. Vermutlich dürften der Übersetzer und sein Mitarbeiter kein leichtes Spiel gehabt haben.

Wenn es darum geht, von Joyce Geschriebenes auf seine Biografie zurückzuführen, mangelt es Edna O'Brien nicht an Souveränität. Das wirkt angenehm unskrupulös. Manchmal verwundert es aber doch, wie unbekümmert hier eine Schriftstellerin die Biografie eines Autors mit seinem Werk verquickt. Freimütig zitiert O'Brien zwischen Leben und Werk ihres Landsmannes hin und her. Einiges betrachtet die passionierte Biografin dabei leider so versteherisch, dass es in oberflächliches Erzählpathos übergeht, manches gerät ihr zur Platitüde: "Die Wahrheit ist, dass der Joyce, den sie alle sahen, nur ein Bruchteil des inneren Menschen war. Niemand kannte Joyce, außer ihm selbst". Zuweilen wird O'Brien auch von der Stichhaltigkeit dessen, was sie über Joyce meint sagen zu können, zu Äußerungen hingerissen, die sich nicht halten lassen. So behauptet sie etwa: "Er konnte nicht sagen, dass er sie liebte, er sollte es nie sagen. Sie bedrängte ihn. Er sagte es nicht." In eben den Briefen, auf die Bezug genommen wird, beweist Joyce aber das genaue Gegenteil.

Ärgerlich sind jedoch ganz andere Ungenauigkeiten, die in der Nachbarschaft von Zitatenfülle und Bilderreichtum von einem unaufmerksamen Lektorat einfach übersehenen wurden. Unvermittelt erfährt man beispielsweise Folgendes: "Nora wurde der Busen zwischen ihm und Gott und dem Tod". Pathos oder ausschweifende Metapher?, fragt sich der Leser, und versteht das Ganze erst, wenn er die von O'Brien in Anspielungen erwähnten Stellen im Briefwechsel komplett nachliest. In einem anderen Kapitel ist kryptisch von "schlammigen Tümpeln" und "einen Geist der Schönheit" beschwörenden Engeln die Rede, wobei der Bezug zum Vorherstehenden auch grammatisch nicht herzustellen ist. Das Rätsel löst sich, wenn man einen Brief von Joyce kennt, in dem er Nora ein Gedicht des "brutalen und lüsternen König Henry VIII." schickt, das ihn angerührt hat und ihn zu der Bemerkung verleitet, es sei "seltsam, welch trüben Tümpeln die Engel den Geist der Schönheit entlocken" - eine Textstelle, auf die O'Brien sich offensichtlich stützt. Sicher gibt es auch einen Grund dafür, dass das Kapitel über die obszönen Briefe, die Joyce mit Nora wechselte, die absurde Überschrift "Eimer" trägt.

Der Wert der sonst guten und mit viel Mühe vollbrachten Übersetzung wird durch solche und weitere Achtlosigkeiten beeinträchtigt. Joyce "erinnerte sich" auch nicht an seine Träume, indem er sie in ein Heft schrieb, sondern merkte sie sich. Der Vater der Traumdeutung taucht hier nicht nur in Joycescher Prägung als der "Tweedledee von Wien" auf, sondern auch als "Sigmund Freund". Joyces Vater war weniger "einziges Kind eines einzigen Kindes" als vielmehr das einzige Kind eines Einzelkinds. Und der Giant's Causeway ist kein "felsiges Vorgebirge zwischen Schottland und Irland", sondern eine eigentümliche Küstenlandschaft, die in jedem Reiseführer abgebildet ist.

Der Kenner wird O'Briens Buch als eine Collage aus biografisch interpretierten Zitaten aus Joyces Werk und Briefen lesen, vermengt mit den gängigsten Sichtweisen der bekannten Forschungsliteratur. Die Biografie bietet nichts Neues, besticht aber stellenweise dadurch, dass O'Briens dichte Formulierungen nicht selten eindrücklich und treffend sind und somit mehr aussagen als so manche seitenlange Aufdröselung in der Fachliteratur, zum Beispiel, wenn sie an den Erzählungen Dubliner deren "nachtschwarze Zärtlichkeit" hervorhebt oder den Dichterkollegen T. S. Eliot "marmorkalt" nennt. O'Brien schreibt in einem bildhaft dichten und assoziativen Stil, ein gewisses Weltwissen in Mythologie, Theologie und Ähnlichem setzt sie als selbstverständlich voraus. Für eine literarisch anspruchsvolle Leserschaft, die mit dem Autor noch nicht gut vertraut ist, bietet Edna O'Briens literarische Joyce-Biografie sicherlich eine anregende Einstiegslektüre. Das Gute daran: Getreu dem Motto "Lots of fun at Finnegan's Wake" sieht in Edna O'Briens Dosierung das, was Joyce geschrieben hat, ganz einfach und absolut sinnfällig aus. Und das ist ja auch mal schön.

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