1.)
- 3.)
Jakobus,
Stiefsohn Gottes.
Roman von Nikolaus
Glattauer (2001, Jung und Jung).
Besprechung von Helene Thorwart aus Rezensionen-online
*Sz*, 3/2002:
Wasser in Nüssen
Nikolaus Glattauer schreibt seinen ersten Roman über Jakobus, den Bruder Jesu von Nazareth. Er schreibt über einen Stiefsohn und Stiefbruder, über ein Stiefkind auch im Glauben. Jakobus Blick ist verdeckt vom Schatten eines Großen, dafür aber ist er ganz nah am Geschehen. Sein Blick ist getrübt vom brennenden Schmerz eines Ungeliebten, dafür aber sensibel gerichtet auf alles Gebrochene und Geknickte.
Jakobus, der Bruder Jesu, erzählt: von Jesus, genannt Zwinkerchen, von der Schwester Susa, von der unnahbaren Mutter, von den gemeinsamen Freunden, von Kinderspielen, von quälender Eifersucht, vom Erwachsenwerden, von der Unmöglichkeit, sein Zwinkerchen mit Gott in eins zu bringen.
Jakobus, der Unscheinbare, erzählt: "Es gibt ein Land, in dem das Wasser in Nüssen von den Bäumen fällt. Manchen berührt dabei der Tod ..." - eine suggestive Sprache, die in den Bann zieht; Bilder, so noch nie gemalt, Sehnsucht weckend nach dem Unaussprechbaren.
Jakobus, im Sterben, erzählt: Nichts Theologisches über Jesu Wesen, über die richtige Glaubensformel. Nichts Neues zu Messias und Gottessohn.
Sehr viel aber über die Sehnsucht dahinter, über die Sprachlosigkeit, das Gefühl der Ohnmacht, Erlebtes ins Wort zu bringen: "das Wasser in Nüssen, so groß wie die Steine am Feld, aber weiß und weich und voll mit süßem Wasser..."
Sehr viel auch über einen, der sein Leben lang im Schatten (seines Bruders) stand: "meinem Bruder hinterher, selbst noch im Sterben"
Sehr viel über das Lebensgefühl der ersten nachchristlichen Jahrzehnte.
Sehr viel über die unterschätzte Macht der unterdrückten Frauen.
Sehr viel auch über menschliche Grausamkeiten.
Wer sich einen neuen Jesus-Roman erhofft, wird enttäuscht sein. Wer ein Buch zum Relaxen sucht, sollte ebenfalls die Finger davon lassen. Wer sich allerdings einlassen möchte auf ein Familiendrama, auf Zweifel und Sehnsüchte des Lebens und Glaubens, auf eine ganz neue Sprache, dem steht eine spannende und herausfordernde Lektüre bevor.
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2.)
Jakobus,
Stiefsohn Gottes.
Roman von Nikolaus
Glattauer (2001, Jung und Jung).
Besprechung von Christoph
Janacs aus Rezensionen-online
*LuK*:
Reichlich unheilig
Zum Romanerstling "Jakobus, Stiefsohn
Gottes" von Nikolaus Glattauer
Mit den historischen Romanen ist es so eine Sache: Einerseits ist vorauszusetzen, daß der Autor genau recherchiert und sich an die gesicherten Fakten hält, andererseits erwartet man von ihm, daß er die Leerstellen mit seiner Phantasie füllt und ein plastisches Porträt der historischen Personen und ihrer Zeit entwirft. Überwiegt ersteres, entsteht mitunter ein sperriges, sich von wissenschaftlichen Werken wenig unterscheidendes Buch; überwiegt zweiteres, haben wir im schlimmsten Fall ein sentimentales Breitwandepos à la Hollywood oder, was zur Zeit besonders boomt, opulente Phantasy-Literatur vor uns.
Bei Werken über Persönlichkeiten der Religionsgeschichte ist der Fall besonders heikel, besteht doch die Gefahr, die religiösen Gefühle einer Glaubensgemeinschaft zu verletzen und damit ins - mitunter nicht nur metaphorische - Kreuzfeuer zu geraten, wie etliche Beispiele der jüngeren Vergangenheit anschaulich belegen. Ob unbeabsichtigt oder intendiert, immer wieder lösen Autoren mit ihren provokanten Thesen oder unorthodoxen Sichtweisen in Sachen Religion Stürme der Entrüstung, Klagen und Morddrohungen aus; letztendlich aber konnten sie bislang weder den Glauben erschüttern noch, wie von den ultraorthodoxen Vertretern diverser Religionsgemeinschaften befürchtet, ein finsteres, gottloses Zeitalter auslösen, höchstens Skandale, die üblicherweise bald wieder dem Vergessen anheim fallen.
Ein schönes und vergleichsweise harmloses Beispiel hiefür war Ende der 80er Jahre die Premiere der Verfilmung von Kazantzakis" Roman Die letzte Versuchung Christi in einem Salzburger Kino: für die Besucher wurde der Eintritt zu einer Art Spießrutenlauf - auf der einen Seite standen die Verteidiger der abendländischen Kultur und Religion mit Kerzen und Rosenkränzen in den Händen, ihnen gegenüber die Kämpfer für die Freiheit der Kunst mit Flugblättern und Pamphleten. Entzündet hatte sich die Aufregung an der Tatsache, daß in dem Film Jesus eine auch körperliche Beziehung zur Prostituierten Maria aus Magdala eingeht - allerdings nur in einem Fiebertraum, am Kreuz hängend. Keine Beachtung hingegen fand unverständlicherweise jene meines Erachtens ungleich provokantere Sequenz, in der Jesus - ebenfalls im Traum - an den feurig predigenden Paulus herantritt und diesen darauf hinweist, er sei weder, wie jener behauptet, am Kreuz gestorben noch von den Toten auferstanden, sondern lebe das Leben eines durchschnittlichen Ehemannes und Familienvaters, worauf Paulus sinngemäß erwidert, das sei nicht von Bedeutung, Hauptsache, die Menschen glaubten es.
Ähnlich provokante Stellen wird man vergeblich in Nikolaus Glattauers erstem Roman Jakobus, Stiefsohn Gottes suchen. Gewiß, die These, Jesus habe mindestens einen Bruder und wahrscheinlich auch Schwestern gehabt, birgt genug Sprengkraft in sich, würde doch, sollte sie sich bewahrheiten, das Dogma von der immerwährenden Jungfräulichkeit Mariens (einem für die katholische Kirche immerhin wesentlichen Dogma, von dem etliche andere Glaubensinhalte abgeleitet werden) obsolet, mehr noch: ad absurdum geführt werden. Aber der Autor, 1959 geboren, jahrelang als Journalist tätig und "spätberufener" Theologe, der seit 1998 als Lehrer und Erzieher tätig ist, tut alles, um seinen Roman nur nicht als Provokation erscheinen zu lassen, auch wenn bei ihm die Heilige Familie und einige Apostel alles andere als heilig erscheinen.
Maria, eine überforderte Mutter, die in den Zweitgeborenen - Jesus - vernarrt ist und darob die anderen Kinder vernachlässigt; Josef, der sich aus dem Staub macht; Susa, die Schwester Jesu, von Dämonen besessen (d. h. psychisch krank); Elisabeth, eine Engelmacherin; Paulus, ein Gewalt säender Eiferer - das Personal in Glattauers Roman gäbe genügend Stoff für schlüpfrige Geschichten und anstößige Darstellungen; allein, die Art und Weise, wie der Autor alles erzählt, verhindert dies, und das ist, fürs erste, gut so.
Glattauer läßt nämlich Jakobus, den angeblichen Halbbruder Jesu, in der Nacht vor seiner Hinrichtung sein Leben noch einmal Revue passieren, und Jakobus tut dies nicht chronologisch, sondern in zahllosen Gedankensprüngen und Erinnerungsschüben, in die sich auch die Stimmen Maria Magdalenas und Susas mischen. So entgeht Glattauer der Gefahr, einen spekulativen Roman und "Aufreger" zu schreiben; auf der anderen Seite verkompliziert er allerdings die Geschichten und ihre Verzahnungen derart, daß der Leser sehr schnell den Faden und mit der Zeit auch die Lust an der Lektüre verliert. Dazu kommen manch holprige Formulierungen, die man lektorieren hätte müssen, die Eigenart, ständig Andeutungen und Verweise zu machen, die oft erst dutzende Seiten später eingelöst werden (ohne daß aber dadurch Spannung erzeugt würde), zahlreiche thesenhafte Äußerungen, die theologischen oder philosophischen Lehrbüchern entnommen erscheinen und namentlich in den Dialogen gespreizt wirken sowie dubiose Personen und Dinge wie ein immer wieder auftauchender Stummer, seltsame wirkmächtige Steine und ein Traum von Nüssen, die von Bäumen fallen und Wasser spenden (was wohl als Gleichnis für das kommende Gottesreich verstanden werden soll), alles Dinge, die eher dem Bereich der Esoterik und New Age-Bewegung als einer authentischen biblischen Sprache und Metaphorik zuzurechnen sind.
Was aber am schwersten wiegt, ist die Tatsache, daß die Personen seltsam vage und - sogar in den grausamen Hinrichtungsszenen - farblos bleiben. Selbst Jakobus, die mit Jesus in Konkurrenz stehende tragische Hauptfigur, aus deren persönlichem Blickwinkel die Geschichte dieser unheiligen Familie und der nachösterlichen Jüngergemeinde erzählt wird, gewinnt keine überzeugenden Konturen und bleibt schemenhaft so wie Jesus, den alle wegen dessen Eigenheit, immer die Augen zusammenzukneifen, das "Zwinkerchen" nennen - ein nicht gerade origineller Einfall, um einen religiösen Erneuerer zu charakterisieren.
So liegt uns ein unausgegorenes Romangebilde vor, bei dessen Lektüre man sich mehr als einmal fragt, was es soll: für einen unterhaltsamen Historienroman ist es zu sperrig, für einen wissenschaftlich fundierten Roman zu spekulativ und für einen Aufreger verschleiert es zu sehr die durchaus enthaltenen provokativen Ansätze.
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3.)
Jakobus,
Stiefsohn Gottes.
Roman von Nikolaus
Glattauer (2001, Jung und Jung).
Besprechung von Monika Roth aus Rezensionen-online
*bn*:
Jesus-Roman aus der Sicht des älteren Bruders Jakobus. (DR)
Nikolaus Glattauer, Journalist und Lehrer, spürt im vorliegenden Roman dem im Neuen Testament mehrfach erwähnten Jakobus, dem Bruder Jesu, nach. Entgegen katholischer Lehrmeinung ist Jakobus im vorliegenden Erstlingsroman tatsächlich der ältere Bruder und nicht nur ein Vetter oder entfernterer Verwandter Jesu. Der Leser wird durch Jakobus in eine kritische, streckenweise ratlose, bisweilen von Konkurrenzdenken geprägte und dennoch liebevolle Sicht Jesu aus der Perspektive des älteren Bruders hineingenommen. Jakobus blickt auf diesen Jüngeren, der ihm dennoch voraus ist, der von der Mutter immer bevorzugt wird, der sich gegen die geistlichen Autoritäten auflehnt und einen schwer nachvollziehbaren eigenen Weg mit der Endstation Kreuz (oder doch darüber hinaus?) geht. Jakobus führt ein Leben im Schatten dieses Bruders und entwickelt sich nur langsam und fast widerwillig zur "Säule", als die ihn das Neue Testament bezeichnet, um dann schließlich einen angstvollen und dennoch für ihn sinnvollen Märtyrertod zu erleiden.
Glattauer entmythifiziert in einer heutigen Sprache die biblischen Gestalten, stellt die Frage nach Fanatismus und dem harten Leben im Verborgenen und erschließt mit dem Stilmittel der Verfremdung eine andere Sicht des Evangeliums. - Ein gelungenes Erstlingswerk mit einigen Denkansätzen auch für bibelfest Leser/innen.
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