Jakob
der Lügner.
Roman von Jurek
Becker (1982, Suhrkamp)
Besprechung von Alexander Czajka, 11.2010:
„Seit gestern ist morgen auch noch ein Tag.“ (50) Seit gestern ist die Nachricht
rum. Die Russen stehen vor Bezanika. Verbreitet hat die Nachricht Jakob. Der kam
zu ihr wie die Jungfrau zum Kinde, als er sich aufgrund eines mutmaßlichen
Vergehens im SS-Revier des Gettos melden musste. Sie allein hätte schon Anlass
zur Hoffnung gegeben, hätte es Jakob nicht etwas übertrieben. Um einen Freund
von einer lebensgefährlichen Dummheit abzuhalten, kokettiert er damit, das Radio
zu der Nachricht gleich mit zu besitzen. „So eine Nachricht ohne die Quelle ist
einfach nichts wert, eben bloß ein Gerücht.“ (53) Seinem Freund Micha rettet er
damit das Leben, sein eigenes dagegen wird nun erst so richtig kompliziert.
Täglich umschwärmen ihn die Kollegen am Güterbahnhof, wollen neue Nachrichten
hören, selbst zu Hause lässt man ihm keine Ruhe mehr. Sein alter Freund Kowalski
rückt ihm ständig auf die Bude, will hören, will das Radio sehen, will fühlen,
schmecken; nein, schmecken nicht. Jakob wird immer ungehaltener, antwortet gar
nicht oder nur verstockt. Und hat am nächsten Tag, zumindest aber am
übernächsten doch wieder eine kleine hoffnungsvolle Nachricht parat. Am liebsten
möchte er die Geschichte beenden, will sich des imaginären Radios entledigen,
wäre da nicht die moralisch-ethische Verantwortung. Seit seinen Nachrichten gibt
es im Getto nämlich keinen einzigen Fall von Selbsttötung mehr. Nur ein Geschöpf
weiß um Jakobs Problem, nur ein kleines hat ihn durchschaut, die aufgeweckte
Lina, deren er sich seit der Deportation ihrer Eltern angenommen hat. Auch sie
lässt nicht locker, weiß aber nicht mal, wie so ein Ding aussieht. Radios sind
im Getto nämlich verboten und Lina hatte wenig Gelegenheit, ein Leben außerhalb
des Gettos kennen zu lernen. Schließlich nervt sie Jakob so lange, bis er sie in
den Keller führt und versteckt hinter einer Anbauwand unter größter Anstrengung
ein Interview und ein Blaskonzert imitiert. Lina ist natürlich nicht auf den
Kopf gefallen, sie liebt Jakob wie den allerbesten Onkel. Sie weiß nun als
einzige um die Lüge und erkennt zugleich den tiefen Sinn in ihr, die Hoffnung
und den Trost, und wird so selbst zur Verfechterin von Jakobs Radio, als ihm
bereits Schwindel vorgeworfen wird. Sie weiß es am besten, Jakob ist kein
schlechter Mensch, nicht mal einer, der sich gerne in den Mittelpunkt stellt.
Auch der Erzähler erkennt das auf dem Weg ins Vernichtungslager, die Räumung des
Gettos und die Deportation hat längst alle Hoffnung wieder zerstört:
„Ich gehe nicht so weit wie einige Dummköpfe, die ihm eine Art Mitschuld an
dieser Reise geben, doch ich kann nicht leugnen, dass ich einen ungerechten
Groll gegen ihn spüre, weil alle Häuser, die ich auf die von ihm gelieferten
Fundamente gebaut habe, zusammengestürzt sind. […] Durch Jakobs Beine hindurch
sehe ich Lina, die ich bisher nur vom Hörensagen kannte, sie sitzt auf dem
Rucksack. Lina macht ihn mir wieder sympathischer, ich denke, welcher andere
hätte schon ein Kind auf sich geladen, und ich denke, das wiegt mindestens so
schwer wie meine Enttäuschung.“ (279)
Die passive Haltung der Juden ist immer wieder Thema in der Shoah-Literatur. In
„Jakob der Lügner“ wird sie durch Frankfurter, einem alten Schauspieler
thematisiert. Als Frankfurter von der guten Nachricht erfährt, bricht bei ihm
keinerlei Freude aus, sondern bedächtiges Schweigen, Angst und Sorge um seine
Familie. Denn wenn die Nazis erfahren würden, dass ein Radio im Getto existiert,
wären sie alle dran, so fürchtet er. In seinen Augen ist Jakobs Handeln der
Gemeinschaft gegenüber unverantwortlich. Er schreitet aus seiner Sicht zur
einzig verantwortungsvollen Tat, er steigt in seinen Keller hinab, kramt ein
altes, wahrhaftiges Radio aus, das er nicht ein einziges Mal während der
Gefangenschaft eingeschaltet hat, und zerstört es bis nichts mehr davon
erkennbar ist. Damit stehen sie sich gegenüber, der Mutlose, der zum
tatsächlichen Hoffnungsträger hätte werden können. Und Jakob, Held wollen wir
ihn nicht nennen, er würde sich auch lieber in seine Eisdiele verkriechen und
Kartoffelpuffer backen, aber ein bisschen heldenhaft, der über die Fiktion einer
imaginären Nachrichtenwelt die Menschen aufrecht hält. Wie fatal die
Unterlassung ist, um die ihn auch der Arzt Kirschbaum bittet, zeigt sich später,
als er seinem alten, langjährigen Freund Kowalski alles beichtet. Kowalski
beteuert mehrmals, Jakob nicht böse zu sein, ihn zu verstehen und wird am
nächsten Tag erhängt am Fensterkreuz aufgefunden.
Mit Ausnahme der Menschen im Warschauer Getto, wir befinden uns hier übrigens in
Lodz gab es keinen kollektiven Widerstand der Juden. Kertész hat die
Täter-Opfer-Logik der Shoah thematisiert und im „Roman eines Schicksallosen“
(1975) mittels Tabubrüchen in der Darstellung gezielt vor Augen entfaltet. Aber
es gab den vereinzelten, individuellen, persönlichen Widerstand. In Fred Wanders
„Der siebente Brunnen“ (1972) beispielsweise wird die von Kertész thematisierte
Täter-Opfer-Logik für einen kurzen Moment außer Kraft gesetzt. Der Erzähler
bleibt wie angewurzelt bei den Nichtjuden sitzen, als alle Juden in die
Vernichtung geschickt werden. Er fragt sich nach kraftraubenden Deportationen
und Märschen plötzlich, warum sie alle wie brave Schäfchen auf eine
Lautsprecheransage reagieren, die in den Tod führt, und widersteht dem
Automatismus, der Masse ein weiteres Mal zu folgen, was ihm das Leben und die
spätere Möglichkeit des Erzählens sichert. Russisch Roulett, gewiss, aber wie
Jurek Becker provokativ formuliert: „Das Schlimmste, was uns hätte geschehen
können, wäre ein sinnvoller Tod gewesen.“ (99) Auch in „Jakob der Lügner“ wird
schließlich ein Ende konstruiert, dem Leser angeboten, in dem sich Jakob zur
Flucht entscheidet, wenige Stunden, bevor die Russen tatsächlich das Getto
befreien. Anders als Fred Wanders
Protagonist trifft er dabei auf die geladene Revolvertrommel. Doch diese
alternative Variante, der Versuch, seinem Schicksal aktiv zu entkommen, verwirft
der Erzähler wieder und endet mit der angeblichen Wahrheit, die auch den
Erzähler autorisiert. Alle werden verladen und deportiert. Der Erzähler erfährt
auf der Fahrt ins Vernichtungslager von Jakob die Geschichte und ist vermutlich
der einzige Beteiligte, der überlebt.
Diese Andeutungen fordern geradezu auf, einen genaueren Blick auf den Erzähler
zu werfen, der eine besondere Rolle für die Romankonstruktion spielt. Es findet
ein nachträgliches Erzählen statt. Die Distanz wird von vornherein klargestellt,
indem der Erzähler in einer Eingangsszene sein Überleben kenntlich macht und
verdeutlicht, wie satt er der Mitleidsbekundungen der Mitmenschen ist. Nach
Mitleid für seine Protagonisten wird man den Erzähler auch nicht haschen sehen.
Er schwingt sich vielmehr zu einer heiteren Melancholie auf. Das Gefühl des
Menschenunrechts muss für den Leser aus der Situation selbst, der Versachlichung
des Gettos und Gettolebens heraus entstehen. Der Erzähler ist Randfigur der
Erzählung, deutet seine Gegenwart hier und dort an, um als Beobachter
nachträglich Wahrhaftigkeit generieren und die Geschichte Jakobs glaubhaft
ausbauen zu können. Lücken, die weder die eine noch die andere Variante
abdecken, schließt er mit nachträglichen Konstrukten, die eine Handlung nur so
oder so wahrscheinlich machen. Indem er den Leser mit einbezieht, ihm
verdichtete Konstruktionen nicht verschweigt oder den Leser gar auf Recherche
mitnimmt, versucht er zusätzlich Authentizität zu erzeugen. Die dominant
eingreifende Präsenz des Erzählers verdeutlicht noch einmal die Distanz zwischen
Handlung und Erzählung. Trotz allem liest sich die Geschichte wie, ja, eben eine
fiktive Geschichte. Hinzu kommt die Tatsache, dass Jurek Becker zwar im Getto
Lodz gelebt hat, aber zu der Zeit noch ein Kind von sieben oder acht Jahren war.
Der beteiligte Erzähler ist zur Zeit des Geschehens, an vielen Äußerungen
deutlich erkennbar, aber schon eine erwachsene Person, was jegliches Bemühen,
dem Roman Wahrhaftigkeit anzudichen, ad absurdum zu führen scheint. Doch darauf
sollte man sich nicht versteifen. Wir wissen ja, Autor und Erzähler können zwei
unterschiedlichste Paar Schuhe sein. Gerade im Bereich der Shoah-Literatur, wo
man selbst noch im Roman nach historischer Wahrheit sucht, ist das nicht immer
leicht zu verinnerlichen. Man muss „Jakob der Lügner“ in mehrfacher Hinsicht als
Erzählung über das Erzählen begreifen und den Erzähler, so authentisch er auf
den ersten Blick erscheint, in dieser Hinsicht als Instrument der
Romankonzeption verstehen, was nicht ausschließt, dass die erzählte Begebenheit
in der einen oder anderen Form doch stattgefunden haben könnte. „Jakob der
Lügner“ ist Teil einer Trilogie, mit der Becker gewiss auch versucht hat, ein
Stück eigene Vergangenheit zu rekapitulieren, zu rekonstruieren, die Wahrnehmung
des Kindes um das Wissen des Erwachsenen zu komplettieren. Mit „Jakob der
Lügner“ (1969), „Der Boxer“ (1976) und „Bronsteins Kinder“ (1986) gehörte der
Autor zu den bedeutendsten Shoah-Literaten der ehemaligen DDR. Vom Nationalpreis
der DDR bis zum Bundesverdienstkreuz räumte Jurek Becker alles Nennenswerte ab.
Er starb nach schwerer Krankheit im März 1997.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in www.czajka-online.de]
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