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Irrtum
ausgeschlossen.
Geschichten zwischen gestern und morgen von Günter
Kunert (2006, Hanser).
Besprechung von Gerd
Berghofer aus den Nürnberger
Nachrichten vom 13.04.2006:
Blume im Asphalt
Günter Kunerts nüchterne Geschichten
„Orte, die man nie vergisst, kennt jeder.“ So
beginnt Günter Kunerts Geschichte „An der Saale hellem Strande“, die sich
mit dem Mord an Walther Rathenau beschäftigt. Bücher, die man nie vergisst,
kennt auch jeder. Zumindest jeder, der viel liest. Kunert, Jahrgang 1929, hat
einmal mehr ein solches Buch geschrieben. Zugegebenermaßen ist Kunerts Werk,
begründet durch seinen immensen Fleiß, nicht leicht zu überschauen.
Genaugenommen: Gar nicht.
Ein großer Romancier war er jedoch nie. Geschichten und Gedichte prägten sein
Schaffen. Auch seine Gedichte sind wunderbar, sie verlangen von einem Autor ein
hohes Maß an Disziplin, auch an Mut, jedenfalls an Können, und den unerschütterlichen
Willen, alles, was nicht der meisterlichen Präzision entspricht, zu streichen,
zu kürzen.
„Irrtum ausgeschlossen“ lautet der Titel von Kunerts neuem Band mit
„Geschichten zwischen gestern und morgen“. In der Tat finden sich bekannte
Geschichten darin, wie der berühmte „Hai“, oder „Die Beerdigung fand in
aller Stille statt“. Aber auch neue Geschichten. Allesamt sind in Kunerts
konsequent lakonischem Stil gehalten, bisweilen ironisch hinterleuchtet. Wo
Kunert Worte streicht, wird sein Schweigen beredt. Meisterlich ist das, wie er
erzählt, wahrlich erzählt, was nötig ist und sich nicht in drögen
Beschreibungen verliert.
Trotzdem erschafft er eine Poesie der Nüchternheit. Das Bild der einsamen
gelben Blume im grauen Asphalt trifft hier zu. Illusionen? Fehlanzeige.
Illusionen gibt es bei Kunert nicht. Sein Schreiben ist so realistisch, dass
sogar die Seiten beim Umblättern knistern müssten. Kein Gejammer über
vergangene Zeiten. Die Dinge sind, wie sie sind - das ist Kunerts Credo. Nicht
das Schlechteste, übrigens.
Lesenswert sind diese Geschichten allemal. Dabei ist wirklich jeder Irrtum
ausgeschlossen, und dieser Lesetipp schließt mit Kunert und der Schlusssequenz
aus seiner Geschichte „Selbstportrait im Gegenlicht“: „Lieblingsgerichte
und Lieblingslektüre, Spaghetti mit Petersilie, Knoblauch, Parmesan und Arno
Schmidt erklären nichts an diesem Schriftsteller, der ich bin, aber das bloß,
insoweit das Spezifikum unspezifisch erscheint: Günter Kunert als Günter
Jedermann.“ Jedermann ist Kunert wahrlich nicht. Dazu schreibt er viel zu gut.
[...diese und weitere
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