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Irrtum als Erkenntnis.
Meine Realitätserfahrung als Schriftsteller von Hartmut Lange (2002, Diogenes).
Besprechung von kru in Neue Zürcher Zeitung vom 22.6.2002:

Tod und Enigma

Zum 65. Geburtstag des Berliner Schriftstellers Hartmut Lange legt der Diogenes-Verlag die «Gesammelten Novellen» des Autors in zwei schönen blauen Leinenbänden vor. Der Erzähler Lange pflegt einen bedächtigen Ton mit einer subtilen, fast versteckten Ironie; die Gegenwart des Todes spielt in vielen seiner Erzählungen eine dominante Rolle. In «Der Herr im Café» verliert der Held seine Freundin an einen mysteriösen Nebenbuhler, der sich als eine Art Todesengel entpuppt. In «Die Verteidigung des Nichts» fällt ein junger Italiener einer geheimnisvollen tödlichen Krankheit anheim; am Schluss geht der Vater mit ihm in den Tod. Das Enigmatische ist das Stilprinzip, das Lange benutzt, um seine Figuren in die Distanz zu rücken und zugleich beim Leser Spannung zu erzeugen. «Irrtum als Erkenntnis» ist der Titel eines Paperbacks, das den Essayisten Hartmut Lange vorstellt. Der Band enthält unter anderem die Poetikvorlesung «Meine Realitätserfahrung als Schriftsteller»: Lange zeichnet hier seinen Weg vom hoffnungsvollen proletarischen DDR-Nachwuchsautor zum autonomen, ideologiefernen Skribenten nach, der eher in die Fussstapfen Thomas Manns als in die eines Majakowski oder Gorki getreten ist.....Fortsetzung

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2.)

Irrtum als Erkenntnis.
Meine Realitätserfahrung als Schriftsteller von Hartmut Lange (2002, Diogenes).
Besprechung von Jürgen Verdofsky aus der Frankfurter Rundschau vom 30.11.2002:

Das Pascalsche Erschrecken
Irrtum als Erkenntnis: Die Realitätserfahrungen des Hartmut Lange

Hartmut Lange hat als Dramatiker der Brecht-Schule begonnen. Heute schreibt er Novellen und nennt sie auch so. Längst zählt sein Name unter den Erzählern unerhörter Begebenheiten. Alles Lehrhafte, alle Erklärungsmodelle kann er abstreifen, den Rätseln, den Geheimnissen des verworrenen Lebens gehört seine ganze Aufmerksamkeit. Die Umwege seiner Realitätserfahrung als Schriftsteller offenbart Hartmut Lange jetzt in dem Essay-Band Irrtum als Erkenntnis. Das Buch ist zu einer erkenntnistheoretischen Autobiografie geraten. Auch der Weg vom Dramatiker zum Erzähler wird deutlicher.

1937 in Berlin geboren, wächst er bis zum Kriegsende in Posen auf, mit neun ist er wieder in Berlin, im zerstörten Ostteil. Zum Ausgleich für fehlende Brotkarten wird er früh zum Geschichtenerzähler. Erste Schreibversuche entwickeln sich für ihn bald zu einer "Triebtäterschaft", über der er Schule, Büro-Dasein und auch das Studium an der Filmhochschule vernachlässigt. Prägende Orientierung geben dem Suchenden Hegel und Marx, Brecht und Bloch. Sein Schreiben dient ihm schon früh zur Selbstvergewisserung. Wolfgang Langhoff wird aufmerksam und engagiert Hartmut Lange am Deutschen Theater als Hausautor. Aber schon seine ersten Stücke Senftenberger Erzählungen und Marski stoßen an die Grenzen eines engen Realismusbegriffs. Zur ästhetischen Rebellion kommt sein Erschrecken über den Stalinismus. Er liest die verbotenen Stalin- und Trotzki-Biografien von Isaac Deutscher. 1965 gelingt ihm die Flucht über Jugoslawien, seitdem lebt er in West-Berlin.

Warum er sich hier lange wie ein Autor im Exil versteht, kann Hartmut Lange nur kognitiv deuten. Zwar hat er den Marxismus als geschlossenes System für sich aufgebrochen, aber eine Suche nach verkündbarer Wahrheit bleibt bei aller Selbstirritation. Der didaktische Schreibzwang ist noch nicht versiegt. Auch nicht die Überzeugung, "dass Hegels Totalitätsbegriff unabdingbar blieb und dass die gesellschaftlichen Verhältnisse in Westeuropa kunstunfähig genannt werden mussten." So hält er sich vom Kulturbetrieb fern, signalisiert aber an alle Neuhegelianer unter den Linken, dass Hegels "Deutungen zur Geschichte keine Gelegenheit zu Repressalien" implizieren. Die Weltvernunft möchte er dem Allmachtsbegehren der Weltbeglücker entzogen sehen. Für Lange ist die Existenzstruktur des Subjekts ausdrücklich "Bewusstseins-Phänomen" und damit kann das Sein nicht materialistisch eingelocht werden.

Doch der Autor schreibt weiter an Stücken mit aufklärerischer Tendenz. Sowohl sein Einakter Herakles als auch Die Ermordung des Aias sind Anstrengungen, Stalins Blutwäsche auf die Bühne zu zwingen. Mit dem Dialog Vom Werden der Vernunft oder Auf der Durchreise nach Petersburg will er eine Apologie der Hegelschen Erkenntnistheorie verfassen. Das Gegenteil entsteht: Ein Irrationalist widerlegt einen Rationalisten. Und plötzlich, bei einer Diskussion mit Eugen Kogon und Ernest Mandel befällt Hartmut Lange eine anhaltende Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Trotzki-Stück. Der Hegelsche Mechanismus, die Grundlage seiner Begriffsbildung, hat sich verhakt. Es kommt auch zur klaren Trennung von Brecht. "Die Treuherzigkeit, mit der Brecht an die Allmacht des Intellekts glaubte, (...) war die letzte Illusion der klassischen Aufklärung." Brecht negiere wie andere Marxisten auch, dass die Wahrnehmung nicht nur der realen Welt, sondern auch den Teilen ihrer Unerkennbarkeit ausgesetzt sei. Und doch fühlt sich Hartmut Lange bei seiner Brecht-Kritik "unwohl". Da gibt es unerwartete Emotionen: "es möge kein Gras über die eigene Vergangenheit gewachsen sein." Brecht bleibt für ihn ein Jahrhundert-Talent und der Ziehvater der DDR-Dramatik.

Die Grenze im Kopf wird spät überwunden. Lange nennt es "die Entdeckung des Selbst, das Pascalsche Erschrecken". Aber was nützt diese Zuspitzung der Schreibstrategie: "Alle Dinge entwachsen dem Nichts und ragen bis in das Unendliche. Wer kann diese erschreckenden Schritte mitgehen?" Aus der warmen Sicherheit, die sich mit Hegel und Marx ummantelt, wird Hartmut Lange zehn Jahre nach seiner Ankunft im Westen in ein einsames Frieren gestoßen. Aber die Entdeckung des Selbst kann in dieser Kälte an Autonomie gewinnen. Es gibt für ihn danach ein Verschnaufen bei Heidegger. Der psychologische Realismus von Ibsen und Cechov bekommt neue Bedeutung. Lange will sein "Pascalsches Erschrecken" fassen und schreibt den Roman Die Selbstverbrennung. Hier ist es Pfarrer Koldehoff nicht mehr gegeben, an Gott zu glauben. Dem Autor wird vor der Tiefe der Klippe schwindelig: "Es war mir nicht möglich, den Nihilismus, der mein neuer Wahrheitsgrund war, in seiner radikalen Schärfe auszuhalten." Eine Orientierungskrise mit Folgen. Die Hingabe an den Rationalismus ist verbraucht, aber Lange flüchtet nicht in den Irrationalismus. Die Sinngewissheit, die Hegel und Marx vorgegeben haben, rechnet er jetzt zur "Wahnwelt des gesunden Menschenverstandes".

Bei Nietzsche entdeckt Hartmut Lange dann endlich die "Willkür des Subjektiven". Es ist die Befreiung, die der Erzähler braucht. Nach langen Jahren der "Erkenntnisseligkeit" findet er mit der Novelle Über die Alpen eine neue Sprache für seine Weltabgelöstheit. Welt und Subjekt nähern sich wieder an, Erkennen wird als subjektive Eigenschaft akzeptiert. Das Lustprinzip beim Schreiben stellt sich wieder ein. Die unerhörte Begebenheit bleibt auf dem Papier möglich. Die Erzählung Wattwanderung lebt zum Beispiel von einem konkreten Erinnern, das sich dem Einbruch des Unbekannten als Grundidee unterordnet. Der Schmerzensmann wird auf Distanz gehalten.

Drei Kernerfahrungen gehören für Lange jetzt zum Schreiben: die eigenen sozialen Verwicklungen, die Einsicht in die Begrenzung des Lebens und das "unverwechselbare Ich". Fehle eine dieser Erfahrungen, schrumpfe die poetische Aussage, die immer mehr sei, als die Widerspiegelung einer Wirklichkeit. Die eindimensionale Widerspiegelungs-Erwartung ist nicht nur dem Marxismus zu eigen. Auch das geläufige Verständnis von Kunst erwartet einen direkten Reflex auf die Außenwelt. "Die Kunst aber hat ihre Wurzeln in den Untiefen der Subjektivität." Hier verteidigt ein Autor seine Aneignungsweise von Realität, die durch die Vielseitigkeit des eigenen Subjekts gebrochen wird. Lange muss es als Essayist noch einmal diskursiv sagen: Kunst "ist entweder vieldeutig oder gar nicht. Die Wissenschaft findet ihre Phänomene vor, die Kunst muss sie sich erfinden."

Diese Selbstvergewisserung dauert bis heute an. In dem Kapitel "Reflexionen" wirkt vieles wie aus einem Lektüre-Tagebuch, genau und streng geführt. Häufig belässt er es bei einem philosophischen Flanieren, immer wieder bricht er seine Reflexionen ab, setzt neu an. Aber er blickt länger und schwindelfreier in die Tiefen, als dies unter Schriftstellern gebräuchlich ist. Hartmut Lange spürt in seiner Gedankenarbeit die Gefahren für das belletristische Schreiben auf, wenn sich die Klippen zeigen, die Erkenntnis und künstlerische Phantasie trennen. Genau diese Trennung will er in seinen Texten nicht zulassen. Wiederholt untersucht er bei allem Vorbehalt der kritischen Vernunft die künstlerischen Möglichkeiten der Transzendenz, der Überschreitung der Erfahrungen des Bewusstseins. Darunter versteht Lange keine religiösen oder irrationalen Visionen, sondern die Fähigkeit, in der Vorstellung die "reale Welt ethisch zu übersteigen." In der Gewissheit, dass hier etwas "Ungeklärtes" bleiben wird, sieht er einen Trost für das tägliche Schreiben.

Am Ende kämpft Lange noch gegen den Gattungszweifel an. "Ist der Roman die wichtigste literarische Gattung der Moderne?", fragt der Novellist. Bei Thomas Mann und Musil bemerkt er ein "Totalitätsbegehren". Besonders die "enzyklopädische Selbstdarstellung" bei Mann entferne sich von der Moderne. Final steht aber das nicht unerwartete Bekenntnis, der frühe Thomas Mann und Kafka seien für sein Selbstverständnis als Erzähler unverzichtbar. Besonders Kafka: Seine Figuren "haben keine kulturellen Hinterlassenschaften (...), sie zehren am Vorrat ihrer Irritationen."

Wie nebenbei, leise, doch präzise zeigt sich hier der Autor in seinem Denken. Und das ist ursächlich philosophisch. Noch nie hat Hartmut Lange seine Schreibstrategie in ihrer ganzen Dimension so offenbart. Es handelt sich um etwas Seltenes, denn das können sich nur wenige leisten: so offen aufzutreten.

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