Irrlicht und Feuer von Max von der Grün, 2007, Mediathek/Klartext1.) - 2.)

Irrlicht und Feuer.
Roman von Max von der Grün (2007, Mediathek/Klartext).
Besprechung von Wolfgang Platzeck aus der WAZ vom 11.8.2007:

Kein Sinn für Sozialromantik

Die Bezeichnung "Arbeiterdichter" mochte er nicht, er sah sich als aufklärerischer Geschichtenerzähler. Dabei war es gerade Max von der Grün (1926 - 2005), der den Begriff der Arbeiterliteratur nach dem Krieg neu gefasst hatte.

Der gebürtige Bayreuther, den es 1951 als "Gastarbeiter" ins Revier verschlagen hatte, hielt von Sozialromantik herzlich wenig. Schon sein erster Roman "Männer in zweifacher Nacht" (1962), der vor dem Hintergrund der Bergbaukrise den Problemen der Bergleute unter Tage nachspürte, war ein Stück derb-realistischer Prosa. Der Neu-Dortmunder brachte darin nicht nur seine eigenen Erfahrungen als Bergmann auf Königsborn in Unna ein, sondern auch seine Begeisterung für den amerikanischen sozialkritischen Roman in der Tradition von Dos Passos, Sinclair Lewis oder Erskine Caldwell.

Dass ihm der nächste Roman "Irrlicht und Feuer" (1963) um den tristen Alltag des Bergmanns Jürgen Fohrmann die Kündigung und sogar eine Klage wegen Geschäftsschädigung einbrachte, nahm Max von der Grün ebenso gelassen hin wie die Anfeindungen, denen er sich - nun als freier Schriftsteller - ausgesetzt sah. Denn der Roman "Irrlicht und Feuer", der auch eine Kritik an der modernen Leistungs- und Konsumgesellschaft war, wurde als skandalös empfunden - umso mehr, als ausgerechnet das DDR-Fernsehen den Stoff verfilmte. 25 Jahre später hatten sich die Sichtweisen gründlich geändert. 1988 erhielt der Autor den Literaturpreis Ruhrgebiet.

Max von der Grüns noch immer packender Roman, der eindringlich an ein immer mehr in Vergessenheit geratendes Kapitel Industrie- und Sozialgeschichte des Reviers erinnert, ist jetzt als Band 46 im Rahmen der "Mediathek für NRW" erhältlich (7,95 Euro). Die von der WAZ Mediengruppe und dem WDR herausgegebene Reihe erscheint im Essener Klartext Verlag.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0907 LYRIKwelt © Westdeutsche Allgemeine

***

Irrlicht und Feuer von Max von der Grün, 2007, Mediathek/Klartext2.)

Irrlicht und Feuer.
Roman von Max von der Grün (2007, Mediathek/Klartext).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 22.8.2007:

Ein Skandalroman und Klassiker
Max von der Grüns "Irrlicht und Feuer" erregte 1963 wütende Proteste von Arbeitgebern und Gewerkschaften.

Irrlicht und Feuer" war schon Max von der Grüns zweiter Roman. Der erste erschien 1961 beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Als zwei Jahre später das Buch erschien, das eine neue Ära der Arbeiterliteratur begründen sollte, war die Empörung groß: Arbeitgeber droschen auf Max von der Grün genauso ein wie die Gewerkschaften, beide fühlten sich zutiefst getroffen. Und als dann auch noch bekannt wurde, dass der DDR-eigene "Deutsche Fernsehfunk" den Roman verfilmen wollte, war endgültig die Hölle los, bundesweit. Viel Aufregung um einen Roman, der eigentlich ganz schlicht erzählt ist, reportageartig geradeaus geschrieben und ohne verschlungene Handlungsstränge. Er handelt vom Hauer Jürgen Fohrmann, der im Zuge der ersten Zechenkrise seinen Arbeitsplatz verliert und eine berufliche Odyssee beginnt, vom Hilfsarbeiter auf dem Eisenverladeplatz und auf dem Bau schließlich in die Elektroindustrie, wo Fohrmann "endlich kein dreckiger Kohlen-, Eisen- und Stahlarbeiter mehr" ist, sondern bei der Arbeit einen weißen Kittel tragen kann.

Doch der Aufstieg bringt keine Besserung. Hier wie dort fühlt sich Fohrmann von Vorgesetzten ausgenutzt, ausgepresst - und von Betriebsräten verraten. Was in den 60er Jahren von Arbeitgebern und Gewerkschaften als "Sozialpartnerschaft" gefeiert wurde, nimmt sich aus der Perspektive eines Jürgen Fohrmann nur wie ein perfides System zur weiteren Profitsteigerung aus. Aus der betroffenheitsverdunkelten Sicht des Ichs schildert der Roman, wie der Frust der Arbeitswelt sich in gesteigerten Konsumbedürfnissen entlädt - und die wiederum dafür sorgen, dass der Arbeiter arbeiten geht.

Max von der Grün, der spätere Literatupreisträger Ruhrgebiet, arbeitete lange als Hauer und Grubenlokführer auf Kühlungsborn in Unna. So sind es auch die realistischen Schilderungen der Arbeitswelt jener Jahre, die an diesem Roman beeindrucken, heute vielleicht sogar mehr noch als damals.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0807 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung