Inzest oder Die Entstehung der Welt.
Roman in Briefen von Barbara Bongartz und Alban Nikolai Herbst (2002, Rigodon-Verlag, hrsg. Norbert Wehr).
Besprechung von Stephan Maus auf der Homepage stephanmaus
(NZZ 23.7.2002):

Gefährliche Brieffreundschaft
Barbara Bongartz und Alban Nikolai Herbst tändeln: Inzest oder Die Entstehung der Welt

Die Zeitschrift für Literatur „Schreibheft“ hat sich als Forum für experimentierfreudige Texte einen ausgezeichneten Ruf erworben. Anläßlich ihres 25jährigen Bestehens hat der entdeckungslustige Herausgeber Norbert Wehr zwei Autoren zu einem Briefwechsel angeregt, den er in der Jubiläumsausgabe des Literaturmagazins als Briefroman veröffentlicht. Mit Barbara Bongartz und Alban Nikolai Herbst hat Norbert Wehr zwei bekennende Manieristen gewonnen, die an der durchlässigen Schnittstelle zwischen Realität und Fiktion operieren.

„Inzest oder Die Entstehung der Welt“ ist ein Roman über die Verführung. In Begleitung der fiktiven Frauengestalt Solange Sauvage tritt Barbara Bongartz an Alban Nikolai Herbst heran, um ihn zur Korrespondenz zu animieren. Ziel ist ein gemeinsames Buchprojekt, aber das dämmert Herbst erst nach achtzig Seiten. Während Solange Sauvage erotische Briefe mit einer Figur aus Herbsts fiktivem Universum austauscht, kommunizieren die beiden Autoren über ihre schöpferische Arbeit und das Leben an sich. Diese inzestuöse Spiel zwischen Autoren und ihren Figuren entwickelt anfangs eine reizvolle Dynamik.

Bongartz erweist sich als raffinierte Verführerin, die den Autor Herbst in eine literarische Korrespondenz zu manövrieren versucht, was ihr bei Herbsts Temperament nicht allzu schwer fällt. Bongartz zieht alle Register einer launischen Korrespondentin, und ihre Strategien erinnern in den Anfangspassagen dieses Brief- und E-Mailwechsels durchaus an die eleganten Verführungsstrategien in Choderlos de Laclos´ „Liaisons dangereuses“. Die ständig wechselnden Kräftefelder zwischen den Autoren und die Stellvertreter-Affäre ihrer beiden Figuren sind gelungene Inszenierungen. Die Snobs Bongartz und Herbst lassen ihre Perücken rauschen und die kostbaren Stoffe ihrer Kostüme knistern. Sie betreiben mal mehr, mal weniger geistreiche Causerien auf dem glatten Parkett der Salonerotik. Durch den Anfang des Romans weht der verspielte Geist des XVIII. Jahrhunderts.

Doch bald ist der gespielte oder echte Widerstand zwischen den Korrespondenten gebrochen, und es entwickelt sich eine herzliche Brieffreundschaft. Die geistreichen Verführer lassen sich zum weit ausholenden Dozieren verführen, als wollten sie innerhalb von wenigen Monaten noch einmal eine große literarische Korrespondenz in der Tradition von George Sand und Gustave Flaubert in die Bücherregale stemmen. Die aggressive Eitelkeit beider Autoren strapaziert zunehmend die Geduld des Lesers. Der Pfau schlägt sein Rad, das Täubchen gurrt. Herbst gefällt sich in der Rolle des prometheischen Genies, das sein Werk vor allem als literarisches Sommerquiz begreift, in dem nur der fleißigste Bildungsstreber den Hauptgewinn einstreichen darf: „Das hat natürlich wieder kaum einer begriffen, nicht mal Preisendörfer, der ja ansonsten nicht dumm ist.“ Das wäre Ihr Preis gewesen, Herr Preisendörfer...

Die gefährliche Liebschaft verwandelt sich in geschwätzige Tändelei. Unter dem Eindruck der New Yorker Terroranschläge rücken die beiden Autoren noch enger zusammen, suchen Wärme, geben Rat und Halt und verbreiten Ad-Hoc-Analysen zur prekären Weltlage. Menschlich sehr verständlich, doch unter literarischen Gesichtspunkten leuchtet es nicht ein, noch jede SMS zum 11. September lesen zu sollen. Manierismus und Barock bedeuten vielleicht doch nicht nur das sorglose Ausleeren aller Schubladen, Zettelkästen und Computerdateien.

Doch trotz aller selbstgefälligen Wucherungen verstecken sich in diesem krausen Brief-, Mail- und SMS-Kompendium weitaus kunstvollere Texte, brillantere Passagen, verblüffendere Bon Mots und Formulierungen, als in sämtlichen gängigen Anthologien neuerer deutscher Literatur; so zum Beispiel das folgende treffende Kompliment an den Herausgeber und unbestechlichen Anwalt einer wilden Literatur Norbert Wehr: „Den Biberverhau „Schreibheft“ macht ihm so schnell niemand nach.“ Da hat Herbst Recht. Und Biberverhaue sind allemal interessanter als gepflegte Eigenheime mit Gartenzwergen hinterm Jägerzaun.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.stephanmaus.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1002 LYRIKwelt © Stephan Maus