Inventur.
Deutsches Lesebuch 1945-2003 von
Norbert Niemann (2003, Hanser, gemeinsam herausgegeben mit Eberhard
Rathgeb).
Besprechung von Martin Krumbholz in der Frankfurter Rundschau, 29.10.2003:
Feldherren auf Maulwurfshügeln
"Inventur": Ein nicht ganz
unparteiischer Rückblick auf beinahe sechzig Jahre Gegenwartsliteratur
Mit dem Rechthaben ist es so eine Sache. "Kein Dichter hat so wenig recht haben wollen wie diese zwei", so rühmt Martin Walser in seinem Doktortext Franz und Robert, und ironischerweise - man glaubt es ihm ja nicht - gilt das für den frühen und den späten Martin ganz genauso, so dass es also eigentlich drei wären. Und der Promovend des Jahres 1952 stellt sich vor, da hingen - in der Galerie der großen Schriftsteller - "Thomas Mann, Proust und Joyce in ihren Prunkrahmen", und dann käme, wo Kafka kommen müsste, eine leere Stelle. Man sollte das nachlesen: "Über Franz Kafka" heißt dieser Antikanonisierungs-Text, den Eberhard Rathgeb und Norbert Niemann in ihr "Deutsches Lesebuch 1945 - 2003" aufgenommen haben.
Kanonisierung oder auch nur Anthologisierung von Literatur aber artet zwangsläufig in Rechthaberei aus, jedenfalls dann, wenn man Inventur machen will und sich fragt, "was von der deutschsprachigen Literatur der letzten sechzig Jahre aus dem Blickwinkel unserer Generation bleibt". Wieso entscheidet der Blickwinkel einer Generation darüber, "was bleibt"? Obwohl die Literatur erklärtermaßen nicht "in den Sarg eines Kanons" passt, wird ausgewählt, "was heute noch Sprengkraft besitzt", und ausgeschieden, "was nur noch museal ist" (Klappentext). Was zu sprengen gewesen wäre, hat sich als nicht sprengbar erwiesen, könnte man geschichtspessimistisch dagegen einwenden. Und überhaupt kommen dann natürlich andere Rechthaber "unserer" oder irgendeiner anderen Generation und haben mit ebenso gutem Recht recht, ein gefährliches Spiel. Und "unsere Generation", das meint die Jahrgänge 1959 / 61, denen Rathgeb und Niemann, die beiden Herausgeber und Juroren, angehören; beide geben auch freimütig ihre literarischen Taufpaten an: Thomas Bernhard beziehungsweise Rainald Goetz.
Also eine eher altväterliche und eine eher
berufungsjugendliche Spielart des Beschimpfungsvirtuosentums? Mag sein, aber
das führt letztlich nicht weiter. Denn die Inventur, die von einem
"Maulwurfshügel" aus nach dem "bleibenden schönen Schaden" fragt, den die
Literatur der Nachkriegsjahrzehnte angerichtet habe (schön gesagt), hat
gediegenes und klassizistisches Maß. Auch hier hängen natürlich die
Thomas Mann,
Proust und
Joyce in ihren Prunkrahmen, nur dass sie,
was die beiden Letzteren betrifft, jetzt
Günter Grass und Hans Magnus
Enzensberger heißen (und wer könnte die Prunkrahmen, die sie "aus der
Bildmitte zwar ironisch belächeln, auf denen sie aber nichtsdestoweniger
bestehen", ernsthaft beanstanden?); während andere eher "mit einem
Reißnagel" an der Wand befestigt scheinen oder eben auch ganz fehlen.
In der Anthologie findet sich manches, das nur noch museal wirkt, aber das
ist kein gewichtiger Einwand. Interessant sind die erwähnten anthologischen
Reißnägel. Hier sind die Editoren mitunter eigensinnig verfahren und haben
einige Textseiten aus Werken gerissen, die man landläufig nicht zur schönen
Literatur zählt, die aber Epoche machten, "indem sie die Wirklichkeit anders
und folgenreich beschrieben": Canettis
Masse und Macht zum Beispiel, Blumenbergs Die Sorge geht über den
Fluß oder Luhmanns Liebe als Passion. Natürlich bekommt man von
den Texten, die in der Regel über zwei, drei Seiten zitiert werden, nur
einen kursorischen Eindruck, aber solche Grenzüberschreitungen in die
Soziologie oder Philosophie sind stets anregend. Das gilt, trotz mancher
Einwände, auch für die Kapiteleinleitungen, die jeweils ein literarisches
Jahrzehnt (etwa 1961 - 1971: "Die Riesenzwerge", nach dem legendären Roman
von Gisela Elsner) sozial- und
ideengeschichtlich einzurahmen versuchen.
Originell ist auch oft die Textauswahl: von Walser die Kafka-Dissertation
und nicht Ein fliehendes Pferd; von Grass Hundejahre und kein
lesebuchnotorisches Katz und Maus (auch Tiertitel sind museal
geworden!); von Brecht der Aufsatz
"Einschüchterung durch Klassizität" und keines der durchschlagend
wirkungslosen klassischen Dramen; von
Botho Strauß nicht Paare Passanten, sondern die Kalldewey
Farce, obwohl gerade dies ein Publikumsknüller von eher geringer
Sprengkraft ist, aber bitte schön, es geht ja nicht um den großen Konsens,
sondern um Eigensinn und Aufforderung zum Widerspruch.
In die "Debütantendisco" wollen die Herausgeber die Leser künftiger
Jahrzehnte nicht entführen; vielleicht ist deswegen die sogenannte
Popliteratur, bis auf den unvermeidlichen Guru Diedrich Diederichsen, der
bei Goetz übrigens Neger Negersen heißt, eher schmal repräsentiert.
Aber. (Marlene Streeruwitz kommt
vor, und das ist auch gut so.) Aber: Im Abschnitt 1980 - 1992 finden wir
zwar einen Peter Waterhouse, aber
keinen Peter Bichsel; wie überhaupt die
Schweiz, bis auf die Dioskuren Frisch & Dürrenmatt
und gerade mal noch Hermann Burger, bis
auf die Toten also, geradezu boshaft ignoriert wird. In der Zeitspanne 1971
- 1979, die etwas kryptisch "Die Stunde des Korrektors" heißt, wurde doch
kaum ein Buch leidenschaftlicher und folgenreicher rezipiert als Mars
von Fritz Zorn (bei dem es sich zugegebenermaßen ebenfalls um einen Toten
handelt). Dass es fehlt, kann wohl nur ein sträfliches Versehen sein, zumal
die Inventur nicht auf Literarizität im engeren Sinn abhebt, sondern
darauf, dass "Wirklichkeit anders und folgenreich beschrieben" wird.
Noch ein Aber. Ein überraschendes eigentlich. Je mehr wir uns dem Heute
nähern, desto mehr scheint die Originalität der Autorenauswahl abzunehmen.
Im Zeitraum 1993 - 2003 sind von Thomas Kling
bis Thomas Meinecke, von
Ingo Schulze bis
Michael Lentz genau die vertreten, die im
allgemeinen eine gute Presse haben. Oder doch nicht? Dass
Ortheil fehlt, ist zu verschmerzen,
Spinnen und
Stadler tun schon ein bisschen mehr
weh, Niemann macht sich sicher aus nobler Bescheidenheit rar (Bernhard wäre
anders verfahren).
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 1208 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau