Instanzen der Ohnmacht von Doron Rabinovici, 2000, SuhrkampInstanzen der Ohnmacht. Wien 1938-45. Der Weg zum Judenrat.
Buch von Doron Rabinovici (2000, Suhrkamp).
Besprechung von Clemens Berger, 2000:

Die Beraubung der Opferwürde

Als im Jahre 1961 Adolf Eichmann in Jerusalem der Prozeß wegen seiner zentralen Rolle bei der Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden im „Dritten Reich“ gemacht wurde, entsandte die Zeitschrift „The New Yorker“ die bekannte jüdische Philosophin Hannah Arendt als Korrespondentin nach Israel. Ihre Artikel, die später zusammengefaßt in ihrem berühmten Werk „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ erschienen, wurden hitzig diskutiert. Auf der einen Seite wegen ihrer Charakterisierung Eichmanns als opportunistischen Beamten, dessen Stelle ebenso ein anderer innegehabt haben könnte; auf der anderen wegen ihres harschen Angriffs auf die sogenannten Judenräte, die sie der Kollaboration mit dem Naziregime bezichtigte. Freilich war die Rolle der Judenräte in der innerjüdischen Diskussion bereits nach Kriegsende intensiv thematisiert worden, allein Arendts Ausführungen rückten diese Fragestellung in eine breitere Öffentlichkeit.

Doron Rabinovici liefert mit seinem Buch „Instanzen der Ohnmacht“ einen wichtigen Beitrag zu dieser Diskussion. Schon in seinem Roman „Suche nach M.“ wie auch in dem Erzählband „Papirnik“ wurden jüdische und innerjüdische Themen von einem Shoah-Nachgeborenen behandelt. Die Thematik der jüdischen Gemeinde Wiens von 1938-1945 erforderte andere Mittel als die der Prosa. „Davon leichthin zu erzählen war mir nicht möglich. So versuchte ich der Materie mit Wissenschaftlichkeit beizukommen, wobei ich wußte, daß dadurch vieles nicht zur Sprache kommt.“

Was zur Sprache gebracht werden soll, ist das moralische Dilemma, in dem sich die Israelitische Kultusgemeinde Wiens ebenso wie andere – bald darauf verbotene – jüdische Organisationen nach der Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich befanden. Einerseits hatten sie den Nazis zu gehorchen, andererseits sich um die eigene Gemeinde zu kümmern. Im März 1938 wurde die Kultusgemeinde von den Nazis geschlossen, bald darauf aber wieder geöffnet; nicht mehr gewählt durch die jüdische Gemeinde, sondern eingesetzt von den Machthabern; nicht mehr autonom, sondern dem nationalsozialistischen System unterworfen. Adolf Eichmann gründete in Wien die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“, mit der die Kultusgemeinde zu kooperieren hatte; ein Modell, das später in anderen Städten des Reichs wegen seiner Rationalität kopiert werden sollte. Nachdem man jüdische Menschen sukzessive entrechtet und beraubt hatte, wurde danach getrachtet, sie aus dem Reichsgebiet zu entfernen. Für die Kosten der eigenen Vertreibung mußten die Jüdinnen und Juden selbst aufkommen, ihre Habe wurde einbehalten, bürokratische Schikanen harrten ihrer. Für die Durchführung der Auswanderungen, und nach Kriegsbeginn für die der Deportationen, war die Kultusgemeinde (ab 1942: „Ältestenrat der Juden in Wien“) verantwortlich. Der Zynismus der Nazis dekretierte einer jüdischen Stelle, am Verbrechen am eigenen Volk zu partizipieren. Wurde Zusammenarbeit verweigert, behandelte man die Jüdinnen und Juden noch schlechter.

Rabinovici liefert ein Porträt Wiens zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft: Von den antisemitischen Gesetzen über die jüdische Auswanderung und spätere Deportation in die Vernichtungslager im Osten bis hin zum Ende des „Tausendjährigen Reiches“. Es wird deutlich, wie unhaltbar der hierzulande gepflegte Mythos von Österreich als dem ersten Opfer Hitlerdeutschlands ist – besonders in der Frage der Behandlung jüdischer Menschen. In Wien, wo Hitler in Karl Lueger und Georg Ritter von Schönerer seine bewunderten antisemitischen Lehrer fand, brach der latente Antisemitismus nach dem 12. März 1938 besonders stark aus. Der „Völkische Beobachter“ gar mußte die hiesige Bevölkerung zur Besänftigung und Mäßigung aufrufen. Es gehe nicht an, wurde verlautbart, wild und unorganisiert zu plündern; das sei Aufgabe der Behörden. Zudem war Hilfe und Unterstützung aus der nichtjüdischen Bevölkerung äußerst gering. „Auf den Punkt gebracht ließe sich sagen: Während im März 1938 der ‚Anschluß‘ Österreichs an das Deutsche Reich erfolgte, wurde mit dem Novemberpogrom 1938 der Anschluß des ‚Altreichs‘ an die ‚ostmärkische Judenpolitik‘ vollzogen.“

Im Gegensatz zu Hannah Arendt argumentiert Rabinovici, daß die Judenräte, aufgezeigt am Beispiel jüdisch-österreichischer Repräsentantinnen und Repräsentanten, die mit den nationalsozialistischen Behörden zusammenzuarbeiten hatten, selbst Opfer des Regimes waren, wenn nicht gar oft besonders tragische. In der Annahme, Menschen retten zu können, wurden sie von den Nazis in das System des Massenmordes eingebunden und mußten nach dem Krieg denjenigen, die die Lager überleben konnten, als Verräter und Kollaborateure erscheinen. In einer anhand vieler Quellen sehr sorgfältig gearbeiteten Studie beschreibt Rabinovici eindringlich das grausame System der Judenräte und „daß der Mensch durch die nationalsozialistische Vernichtungspolitik sogar noch der Würde des Opfers beraubt wurde.“

Leseprobe I Buchbestellung 1003 LYRIKwelt © Clemens Berger