Insgesamt so, diese Welt von Lydia Daher, 2014, Voland&QuistInsgesamt so, diese Welt.
Gedichte mit Audio-CD von Lydia Daher (
2014, Voland&Quist).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, August 2014:

Aber gut ist zu glauben, dass uns etwas zusteht
Manchmal fehlen vielleicht die Worte, um Gedichte wie die von Lydia Daher, unter dem Titel „INSGESAMT SO, DIESE WELT“ im Verlag Voland und Quist erschienen, zu charakterisieren,  damit man ihnen annähernd gerecht werden kann.

Diese Gedichte sprechen eine neue moderne Sprache, obwohl sie gekonnt die alten Themen der Poesie aufnehmen wie Abschied und Verlust, Schmerz und Leid, Utopien und Visionen, Ängste, Liebe und nicht zuletzt Politik.

Für mich sind es intensive Gedichte, die im Gedächtnis und über den Tag hinaus bleiben, eigenartig, präzise und ehrlich, überraschend in der Diktion, überraschend mit ihrem persönlichen trefflichen Blick, unangepasst und bewegend.

„Blätterzwitschern,/ Vogelrauschen. Dieser Tag wie/ ein gestohlenes Lied,“, schreibt die Dichterin, um eine Momentaufnahme festzuhalten: „Auch wenn die Zeit der Eiligen naht, / das Licht sich gegen uns verbündelt hat, / lass uns versuchen ruhig zu bleiben.“

Wie kritisch man diese einzigarten Gedichte auch betrachten und hinterfragen mag, für mich sind sie bis ins Betrachten der Welt Liebesgedichte der anderen, ungeahnten Art. Denn wann hat man schon Zeilen wie diese gelesen?

„Und ist es nicht merkwürdig, / dass ausgerechnet wir/ hier sitzen, unter den vollen Regalen des Himmels, / mit wohlsortierten Bewegungen, in diesem/ besonders privilegierten Universum, // in dem es Radios gibt/ und Samstagnächte?“

Das Sehen der Dichterin ist heiter sezierend, „Zwischen den Lippen/ leuchtendes/ Schweigen, / in dem unsere Küsse/ wie Spaceshuttles/ schwebten.“

Oder: „Später zog ich/ dem Kaktus im Bad seine Stacheln./ Er braucht sich vor mir/ nicht zu fürchten.// Wir wachsen langsam/ und werden alt./ Ich glaub, unsere Kopfform/ ist ähnlich.“

Sie ist Realistin genug, um sich beeindrucken zu lassen: „Schau, da stolpert ein Spross/ einem Lächeln entgegen./ Chirurgen verschwinden in Plastik./ Jemand greift im Schlaf/ nach seinem Bier.“

Sie ist aber auch neugierig genug, um Fragen zu stellen: Nun sag, wie geht es weiter, / Fred? Und was, bitte, was/ löst uns auf?“

Und sie ist mit der Antwort offensichtlich unzufrieden: „Doch das sind nichts als Einzelheiten, / Fred. Das sind bloß Fabeln./ Möglichkeiten unter Erwachsenen./ Mittel gegen die Kälte. Das ist nichts.“

Sie ist skeptisch: „Da streunt ein Rudel/ Laub um die Häuser/ Da steht ein Echo/ im Fensterflügel./ Da ist ein Junge, / der ins Ohr/ seines Vaters spricht./ Wir wissen nicht; / was er ihm anvertraut.“

Lydia Dahers Gedichte empfinde ich emotional und sprachlich als Kostbarkeiten. Sie sind Bestandsaufnahmen: „In diesem Stadium/ leben wir also, / Astronauten sind wir und// wissen es nicht.“

Sie dienen der eigenen Standortbestimmung, der eigenen und der anderer: „In der Schwebe, sag mir, / wie sollte da etwas wachsen?“

Oder: „Die Sache mit unserem Alleinsein// müssen wir lernen. So wie man Sonne lernt oder/ den Regen, an dessen Tropfen Licht sich beugt wie/ eine Hoffnung, unter den Flügeln behaupteter Hähne.“

Lydia Dahers Gedichte sind trotz ihres lakonischen und ironischen Anstriches von ungewöhnlichem Ernst beseelt, den ich Schwermut nennen möchte. Womöglich findet sich hier der tiefere innere Grund, aus dem heraus der Dichterin ihre grandiosen Formulierungen und Sprachbilder gelingen, sozusagen in größeren Dimensionen: „Und leere Taschen, / auf links gezogen, flattern/ als weiße Fahnen/ im Aufwind.“

Jemandem wie ihr begegnet man selten. Sie rät uns: „Rufe alle Menschen an, / die sagen, dass sie hinter dir stehen.// Beschwere dich darüber.“

Ihre Gedichte sind, ich bleibe dabei, Liebesgedichte der anderen, ungeahnten Art. Traurige: „Dein Haar wächst nach, / wo du auch bist.// Nur kurz hält es an/ auf Fotoabzügen.“

Oder: „Alles was fällt, fällt auf/ einen Punkt zu. Alles/ was geht, geht auch vorbei.“

„UNS BLEIBT NICHT MAL PARIS“ betitelt sie ein Gedicht.

„Wir kehren zurück/ vor Nachrichteneinbruch.“, schreibt sie oder: „Noch ahnst du nichts von/ meiner Angst, die da ist/ und noch aufzuklären wäre/ wie ein Parkmord.“

Aber es bieten sich Perspektiven an: „GESTERN// Immerhin war dort Licht./ Über die Worte hinaus folgte ich/ den Erzählungen.“

Und ganz konkret: „In mir sind zerbrechliche Grillen, / die auf das Zusammen-/ wachsen der Himmel hoffen./ Oder sagen wir, / auf Nachricht von dir.“

Lydia Daher, denke ich, ist wahrhaftig jemand, der Poesie verkörpert und wer in die beigelegte CD hört, wird sich selbst davon wiederholt überzeugen wollen.

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