Insel 34 von Annette Pehnt, 2003, Piper1.) - 2.)

Insel 34.
Roman von Annette Pehnt (2003, Piper).
Besprechung von Stephan Maus auf der Homepage www.stephanmaus.de (mare, Nr.40):

Odyssee auf dem Müllfrachter'
Annette Pehnt auf der Suche nach Utopia: Insel 34

Alleskönner sind Langeweiler. Bei der Zeugnisvergabe haben sie ihren großen Auftritt, aber auf dem Pausenhof haben sie nichts zu melden. Zeugnisvergabe ist ein Mal im Jahr, Pausenhof jeden Tag. Während ihre Klassenkameraden knutschen lernen, pauken die hochtalentierten Langeweiler Integralrechnung. Keiner liebt die Alleskönner.

Die junge Ich-Erzählerin in Annette Pehnts Roman hat alle Begabungen. Was ihr fehlt ist eine Leidenschaft. Liebe und Zuneigung wären auch nicht schlecht; obwohl man mit einer lodernden Leidenschaft im Herzen auf beides zur Not auch verzichten könnte. Wer glüht, braucht nicht unbedingt menschliche Wärme. Das Mädchen versucht, ein inneres Trostfeuerchen zu entfachen. Sie wandelt sich zur jungen Frau und wird Inselforscherin. Vor der Küste ihrer Heimat liegen namenlose, durchnumerierte Basaltinseln. Nummer 34 ist am weitesten entfernt. Die junge Frau wird all ihre Sehnsüchte auf Nummer 34 projizieren. Utopia liegt fast vor der Tür, hat jedoch leider keine Schiffsanbindung.

Pehnts Roman zeichnet alle Stadien der gewissenhaften Inselerforschung nach. Die Erzählerin wird ihre Jugend über Inselliteratur gebeugt in der städtischen Bibliothek verschwenden, in allen Schulfächern bis auf Erdkunde immer schlechter werden, mühelos eine Stelle bei einem verschrobenen Professor für Inseldialekte finden und sich schließlich langsam auf die Reise nach Insel 34 machen. Hier beginnt die klassische Odyssee, und es würde nicht verwundern, wenn man beim Nachzählen aller Inseln, auf die es Odysseus verschlug, auf die Zahl 34 käme.

Nach exakt einem Drittel des Textvolumens läßt Pehnt ihren Roman in ein sonderbares Reich des gezähmten Exotismus’ eintauchen. Auf ihrer Reise zu Insel 34 muß die Forscherin auf Nummer 28, Nummer 32 und 33 Halt machen. Auf Insel 28 lebt ein skurriles, muffeliges Volk, dessen Zuneigung sich nur durch kräftezehrendes Sackpfeifenspiel gewinnen läßt. Auf Nummer 32 lebt eine gutmütige Männergesellschaft, die im Torfmoor nach den Resten eines alten Weges gräbt. Auf 33 wird der Müll der restlichen Inseln entsorgt. Das bevorzugte Transportmittel der Inselforscherin ist der Müllfrachter, der sie auf die Basaltinseln mitnimmt. Ihre Reise kann man als desillusionierend bezeichnen: die Forscherodyssee führt über die Stationen Kunst und Geschichte geradewegs auf die Müllkippe. Utopia wird nicht erreicht. In straffem Erzähltempo durchquert Pehnt diese Serie von existentiellen Pleiten, ohne dabei die Miene zu verziehen. Ihr Text strahlt große Selbstbeherrschung aus.

Pehnts Roman trägt leicht kafkaeske Züge, doch die unterschwellige Tragik wird immer durch lakonischen Humor gemildert. Es ist, als wäre der Käfer Gregor Samsa nur ab und an übers Manuskript gekrabbelt und hätte dort diskrete Spuren hinterlassen. In der jüngeren deutschen Literatur überwiegen mittlerweile Erinnerungstexte. Kurioserweise bestellen die jungen Gegenwartsautoren vor allem das Feld ihrer Vergangenheit. Annette Pehnts große Kunst besteht in der sehr originellen Bearbeitung dieses modischen Topos’. Die Autorin verfremdet sehr geschickt die Geschichte einer Jugend in der Provinz und erhebt ihren Text zu einem reizvollen, befremdlichen Zwitterwesen aus Realismus und parabelhafter Phantastik.

Pehnt verwendet alle Versatzstücke einer klassischen deutschen Entwicklungsgeschichte, von Klassenzimmerszenen über die obligatorische Einführung in die Liebe bis hin zu Campus-Anekdoten. Doch im Fokus der befremdlichen Leidenschaft für Insel 34 verwandeln sich diese traditionellen Stationen einer jungen Biographie in Etappen einer märchenhaften Odysse. Die Kulissen des Romans bleiben abstrakt, doch sie sind mit eindringlicher Detailgenauigkeit gezeichnet. Es scheint, als wäre die ostfriesische Inselkette eines Morgens aus einem besonders milchigem Nebel aufgetaucht und hätte sich in eine Ansammlung von exotischen Eilanden verwandelt.

Die Odyssee endet kurz vor dem Ziel aller Sehnsüchte, auf Insel 33. Endstation Müllkippe. Allzu leicht ließe sich diese Erzählung als melancholische Parabel auf zahllose Banalitäten lesen: als ein Gleichnis über das Erwachsenwerden, die Sinnlosigkeit aller Leidenschaften, die Einsamkeit der grundlos lodernden Künstlerseele oder die Unerfüllbarkeit aller Sehnsüchte. Doch dazu wäre dieses fein verästelte Kunstwerk zu schade. Man sollte lieber die interessanten Schwingungen dieses sehr ungewöhnlichen Textes zwischen Realismus und Phantastik, den kunstvoll ausbalancierten Rhythmus seiner Sätze und die halluzinierende Genauigkeit dieser Autorin genießen wie die lockenden Schemen einer fernen Insel, deren genaue Silhouette sich immer wieder dem Forscher entzieht. Alleskönner sind Langeweiler. Man weiß nicht, über welche Talente Annette Pehnt sonst noch verfügt, aber Bücher schreiben kann sie.

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Insel 34 von Annette Pehnt, 2003, Piper2.)

Insel 34.
Roman von Annette Pehnt (2003, Piper).
Besprechung von Thomas Kraft aus der Frankfurter Rundschau, 8.10.2003:

Die Insulanerin
Annette Pehnt hat das Talent der Teilnahmslosigkeit entdeckt

Mit Dorst hat Annette Pehnt in ihrem großartigen Erstling Ich muß los (2001) eine der eigenwilligsten und gleichzeitig einprägsamsten Figuren der neueren deutschen Literatur geschaffen. Es scheint, als ob sie ihm nun ein weibliches Pendant an die Seite stellen wollte. Die namenlose Ich-Erzählerin aus dem neuen Roman Insel 34 ist genauso eigenbrötlerisch wie Dorst, allerdings eher aus Not als aus eigenen Antrieben. Pehnt zeichnet mit wenigen, aber akzentuierten Strichen eine junge Frau, die mit ihren vielen Talenten und Fähigkeiten bei ihren Mitschülern auf Abneigung stößt. "Über Leidenschaft macht sich niemand lustig", sagt ihr Vater, "aber die alles gleich gut können, die mag niemand."

Um eine Leidenschaft, um die Sehnsucht nach einem unbestimmten Ort geht es in diesem von subtilem Humor und erzählerischer Ökonomie geprägten Text. Anfangs scheint es der Erzählerin, vor allem in den Augen ihrer Eltern, genau daran zu mangeln. Im Grunde gäbe es ja nichts zu meckern; sie ist intelligent, sportlich und sozial eingestellt. Sie teilt und hilft, obwohl sie nur Neid und Misstrauen erntet. Die Lehrer lieben sie, die Noten stimmen auch. Und sie zeigt sich geduldig, denn "sonst wird alles nur schlimmer". Hier deutet sich bereits eine eigentümliche Situation an, die letztlich auf ein besonderes Verständnis von Schuld verweist. Die Erzählerin sucht diese nämlich bei sich, wenn in ihrem sozialen Umfeld Probleme auftauchen. Sie empfindet ihre Existenz als reichlich defizitär, den allgemeinen Konventionen gegenüber unangemessen. Alle Menschen scheinen sich für etwas zu begeistern, sind mit Herzblut bei einer Sache. Nur sie fühlt nichts Besonderes, steht den Dingen gleichgültig und teilnahmslos gegenüber.

Bis eines Tages im Geographieunterricht die vor der Küste liegenden Inseln thematisiert werden. Über die ist wenig bekannt, kein Tourist verirrt sich dorthin, keine nennenswerte Industrie oder Sehenswürdigkeit befindet sich dort, lediglich ein seltsam mythisches Flair umweht diese namenlosen "grauen Flecken" auf der Landkarte. Von exaltierten Tanten und Liebesnestern ist da plötzlich die Rede, ein argwöhnisches Geraune begleitet diese Schulstunden.

Die Erzählerin fängt unversehens Feuer - "endlich schlug ihr Herz für etwas" -, und so beginnt sie, sich intensiv mit der Geschichte der Inseln zu beschäftigen: Sie studiert deren vorwiegend aus Räuspern und Spucken bestehende Sprache, recherchiert deren Historie und stochert im sprichwörtlichen Nebel nach Anhaltspunkten, die ihr so plötzlich erwachtes Interesse am Leben erhalten könnten. Am Ende ist es das Bild eines Inseljungen mit geraden Augenbrauen, das sich in ihrem Kopf festsetzt und ihre Suche spürbar forciert. Sie verändert sich, wird in der Schule schlechter und sieht plötzlich aus wie ein "ausgespucktes Käsebrötchen", eine der wenigen bildhaften Einlassungen der Autorin, die ansonsten mit sanfter Lakonie dicht an der Realität klebt. Ihre Passion mündet schließlich in ein Studium der Geographie, Völkerkunde und Dialektologie - privat ergibt sich nur eine zweitklassige Affaire mit dem Lebemann Zanka und die Freundschaft mit Lerke und Nessel, der sie gelegentlich befummelt.

Im vierten Kapitel geraten die Dinge allmählich "außer Kontrolle". Der lang gehegte Plan, auf die Inseln zu fahren, und dort Feldforschung zu betreiben, wird endlich umgesetzt. Die entfernteste Insel Nummer 34, über die gar nichts in Erfahrung zu bringen war, hat es ihr besonders angetan. Und so beginnt eine Reise in Etappen, die bei den Zurückbleibenden vor allem Unverständnis auslöst. Die Erzählerin taucht ein in eine fremde Welt mit überwiegend skurrilen Gestalten, die sich aufs Sackpfeifen verstehen und sich ansonsten wortkarg und abweisend geben: "Hier sagt keiner was." Auf Insel 28 gewährt ihr eine ausnahmsweise muntere Damenrunde ein Stipendium zur Erforschung der Konsonanten, sie lernt selbst Sackpfeife spielen und erfährt von silbernen Muscheln und dem Dichter Koweleit. Auf Insel 32 stößt sie auf ein Team aus Archäologen, die im Moor Grabforschungen anstellen, und auf Insel 33 besucht sie den Verwalter einer Mülldeponie. Das Ziel quasi vor Augen packt sie ihre Sachen und kehrt wieder nach Hause zurück.

Der Abbruch der Reise mag unvermittelt erscheinen, aber er fügt sich in diese nur mit knappen Andeutungen fast skizzenhaft anmutende Handlung. Dass diese seltsam trostlos erscheinende Inselwelt nicht in epischer Breite erzählt wird, erscheint als Vorteil. So wirkt sie als aufgeraute Oberfläche, über die man gar nicht viel erfahren will. Das Wenige, das die Erzählerin berichtet, genügt, um zu begreifen, dass die Wirklichkeit nur als Folie für eine Reise der Erzählerin in das eigene Bewusstsein dient. Mögen das nun friesische oder sonstige Inseln sein, in ihnen wird das Wort vom Einzelnen, der eine Insel ist, versinnbildlicht und erzählerisch aufgefaltet. Das geschieht im Zuge einer langsamen Selbstwerdung konsequent nur stockend, sprunghaft, irritierend. Pehnts auffallend schmucklose Sprache ordnet sich den Motiven unter; die Wand des Schweigens, die die Erzählerin immer wieder umhüllt und an Grenzen bringt, korrespondiert mit der Suche nach einer Sprache, die es vielleicht gar nicht gibt.

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