Insektarium von Gert Jonke, 2001, Verlag Jung & JungInsektarium.
Roman von Gert Jonke (2001, Jung und Jung).
Besprechung von Hauke Hückstädt aus der Frankfurter Rundschau, 7.4.2001:

Anabolika Miniaturen
Wohlberechnete Pisa-Prosa: Gert Jonkes "Insektarium"

Immer wieder hatte man etwas nicht überlesen von Gert Jonke und also vorab einiges Zutrauen in eine Insektarium betitelte Novität investiert. Dabei nicht ohne die Hoffnung, dass solch ein Insektarium bündeln würde, was versprengt wirkte, und in Fassung setzt, was bislang flirrend erschien. Doch wenn man dann ernüchtert die Lektüre beendet, greift es sich unweigerlich, selbige Ernüchterung nicht wahrhaben wollend, noch einmal zur verlagsseitigen Beipackprosa auf Klappentext und Waschzettel. Da steht dann: Es würde durch dieses Buch nur so sausen, zischen, surren, sogar summen und brummen und nicht zuletzt auch krabbeln, krauchen, tappen, springen und fliegen. Von Einfällen, Fantasieblitzen und Bilderfindungen ist die Rede. - Hat man das gleiche Buch gelesen?

Es handelt sich um 14 Theaterpoesien, Monologe, Hyperbeln und Dramolette, die zum Teil unter der Regie des Grazer Ernst M. Binder bereits uraufgeführt sind. In ihnen geht es vielleicht am ehesten um die Aufhebung der Wirklichkeitswahrnehmung, deren a-polyphonische Konventionen. Der diese Texte verbindende höhere Anspruch ist eine Sprache, die über sich hinausweisen möchte, um Automatismen herkömmlichen Sprechens und Wahrnehmens zu durchbrechen. Nur so, hat Jonke schon vor mehr als einem Jahrzehnt formuliert, sollte es gelingen, "bislang Unbekanntes, wenn schon nicht zu benennen, dann wenigstens anzutippen und zu berühren und auf solche Weise neue, uns bislang unbekannt gewesene Empfindungen, Gefühle oder auch Ideen zu erzeugen, die wir vielleicht gerade heutzutage dringender benötigen als sonst was."

Sofort und gerne glaubt man das, fühlt sich versichert, dass das gelingen könnte und denkt frohlockend an die durchgeknallten Wahrnehmungssprengsätze Anselm Glücks, einem weiteren Österreicher mit Kunstwohnhaft Wien. Doch die Künstlichkeit der Jonkeschen Insektarien ist beklemmend unerheblich, geradezu aseptisch. Ihre Possierlichkeit (ein insektenhaft hängender Eiserner Vorhang mit "Mauerschauer" und "konjunktivischen Nachrichten aus der hypothetischen Zirbeldrüse der Milchstraße" etwa) wirkt selbstgenügsam und bleibt dabei auch noch unendlich harmlos. An welchen Punkten greifen solche Fantastereien auf die "wirklich schöpferischen Eigenschaften in uns" zurück? Und warum überhaupt, wie Jonke es in seinem Essay "Meine Sprach-, Nacht- und Traum-Heimaten" aussprach, würden sie bedingen, dass wir uns von den "vorherrschenden Mentalitäten Macht, Geldgier, Besitz" abkehren?

Nicht wenige der im Insektarium aufgenommenen Stücke hatte man bereits 1996 und 1999 in der Literaturzeitschrift manuskripte wahrnehmen können. Und tatsächlich angesagt wäre es nun, die Genese der Texte en détail zu verfolgen. Aus der dialogisch sprechenden Prosaminiatur "Gottesanbeterin - ein Unfreundlichkeitsgeheuer" von 1996 wird in Insektarium das Bonsai-Dramolett "Gottesanbeterin". Der dafür aufgebrachte Aufwand besteht in einer kunstvollen Regieanweisung, einer Absatzmarke und der Sprecherzuordnung "SIE oder ER (zu ihm oder ihr)" sowie erwidernd umgekehrt. Bearbeitet findet sich auch das Stückchen "Muttersprache - Mutterschweigen", das im Juni 1999 sowohl in den manuskripten als auch am Volkstheater Wien ein erstes Aufscheinen hatte.

Wir lesen es jetzt stark gekürzt, gekürzt vor allem auch um die schiere Formulierungswut dieses Autors. In etwa: "eine Art Zerwuselung von Milliarden von Fäden hindurchgezogen zerstichelter tausendfach hindurch sich in rasender Geschwindigkeit den ganzen Dreck durchhaufender Ein- und Ausverfädelungshindurchgezogenheit viele mal sich tausendfach sich rasend durchstechend...". Das ist schon nur unter Verbiegungen fehlerfrei abzutippen.

Was in diesem Band kurz und verschroben daher kommt oder aber "himmlische Längen" aufweist, ließe sich undramatisch auf weitere Kürze eindampfen. Die Mieterschutzbundprosa eines sich samt seines "Bewohners" den Hausmauern entziehenden "Zimmers" ("Du hast jetzt ein Zimmer in den Lüften") oder die kleine dialogische Vogelmanipulation "Elvira und die Vögel", die ihren Punkt und kühne Schönheit in dem Jonke eigenen Glaubensbekenntnis findet, dass Vögel "Künstler sind, aber sich heute noch verstecken müssen".

Vielleicht bedarf es der Inszenierung, einer Bühne und befähigter Schauspieler, dem Leser Augen und Verstand zu öffnen. Wenn es auch nicht um Verständlichkeiten geht, bleibt es doch stets dabei: Ein Film, eine Theaterinszenierung, ein Buch sollte einen mit auf die Reise nehmen, etwas zeigen, was man so zuvor noch nicht gesehen hatte. Es dürfte einen durchdrehen, gefrieren, lachen lassen und eher über- als unterfordern, nur in Anteilnahmslosigkeit, wie Jonkes kalkulierte Schrägheiten, sollte es uns nicht versetzen.

Seine ins Schiefe bemühte Miniaturdramatik ist kunstgewerblich anmutende, wohlberechnete Pisa-Prosa. Man staunt ein wenig über die Exzentrik. Ein paar Schnappschüsse nehmen wir mit, die noch entwickelt werden. Aber dann freut man sich fast auch schon auf den nächsten Imbiss, die nächste Wurst, um die es ja immer noch geht. Eine "neue Sprache, die sich nicht einfach von uns überreden lassen wird", das ist der noch anstehende Zieleinlauf von Jonkes Stückwerken. Doch die Mittel, die sie dafür unter die Bretter geschraubt kriegen, sind dann doch nur anabolische Substantivkomposita, eine grundweg dimunitiv erscheinende Erzählpose und, natürlich, entfesselte Zeit- und Handlungsverläufe.

Die Niedlichkeit, die dabei noch jedem Sujet anhaftet, eliminiert jedoch, was hier vielleicht zuvörderst geholfen hätte: Irrwitz.

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