1.) - 4.)
In seiner
frühen Kindheit ein Garten.
Roman von Christoph
Hein (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Martin Lüdke in der Frankfurter Rundschau, 29.1.2005:
Ein Held aus dem Hause Hein'
Zwischen Rechtsprechung und Rechtsgefühl:
Christoph Heins neues Buch "In seiner frühen Kindheit ein Garten" ist
nicht nur ein RAF-Roman
Wieder ist Deutschland ein Stück weiter zusammen
gewachsen. Nach Christa
Wolf (Leibhaftig) ist nun auch Christoph Hein, einer der wichtigsten
Schriftsteller der DDR, endgültig (und leibhaftig) in der Bundesrepublik
Deutschland angekommen, und zwar genau dort, wo einst, etwas verächtlich, von
unserer FDGO, der freiheitlich-demokratischen Grundordnung gesprochen wurde,
einem ersichtlich mangelhaften politisch-rechtlichen System, für das sich
aber noch keine Alternative gefunden hat. Dieser Befund lässt sich Heins neuem
Roman ablesen: In seiner frühen Kindheit ein Garten.
Nur geht der Roman in dem Befund nicht auf. Hein selbst möchte ihn, gewiss auch
augenzwinkernd, aber zu Recht, als Liebesgeschichte gelesen haben. Wie zuletzt
in Landnahme wird auch in dem neuen Roman die soziale und politische
Problematik aus den individuellen Reaktionen der Figuren heraus entwickelt. Das
mag man für antiquiert halten. Doch schärft es den Blick auf unsere Verhältnisse.
Das Buch greift einen bekannten und brisanten Fall auf. Am späten Nachmittag
des 27. Juni 1993, einem Sonntag, melden die Nachrichtenagenturen, dass bei
einem Schusswechsel in der Nähe des Schweriner Sees, auf dem Gelände des
Bahnhofs von Bad Kleinen, die beiden RAF-Mitglieder Birgit Hogefeld und Wolfgang
Grams festgenommen worden sind. Grams habe dabei lebensgefährliche Verletzungen
erlitten. Ein Beamter der GSG 9 sei bei dieser Aktion ums Leben gekommen. Ergänzend
heißt es wenig später, Grams sei gegen 18 Uhr in der Uni-Klinik Lübeck seinen
Verletzungen erlegen. Die erste Meldung wurde in der Folge vielfach korrigiert.
Behauptet wurde: Grams habe zuerst den Beamten erschossen, dann sich auf den
Gleisen des Bahnhofs selbst getötet. Schließlich lässt die Bundesanwaltschaft
wissen, der Beamte sei versehentlich durch einen Kollegen getötet, der
Terrorist durch einen Kopfschuss, der "nicht" aus seiner eigenen Waffe
abgegeben wurde, erschossen worden.
Ein Informationsdesaster. Eine Nachrichtensperre wurde verhängt.
Videoaufnahmen, die es gab, verschwanden spurlos. Beweise wurden vernichtet.
Eine widersprüchliche Darstellung ersetzte die andere. Die Konsequenz: Der
damalige Bundesinnenminister trat zurück. Der Generalbundesanwalt wurde
entlassen, Beamte wurden zur Rechenschaft gezogen. Aber: Was wirklich geschah,
bleibt bis heute im Dunkeln. Klar ist nur, dass einiges nicht mit rechten Dingen
zugegangen ist.
Ist das Stoff für einen Roman? Für einen Thriller vielleicht. Aber können die
Fragen, die sich in dem Skandal um die Tötung von Wolfgang Grams stellen, über
das moralische Empfinden hinaus auch auf ein ästhetisches Interesse rechnen?
Eher nicht. Lässt es sich bei der psychologischen Aufbereitung dieses Skandals
vermeiden, ins Triviale abzugleiten?
William Gaddis, der amerikanische Erzähler, beginnt seinen großen Justiz-Roman
Letzte Instanz mit der lapidaren Bemerkung: "Gerechtigkeit gibt's im
Jenseits, hier auf Erden gibt's das Recht." Hein weiß das, er gibt sich
aber mit dieser Feststellung nicht zufrieden. Er übernimmt den juristisch
umstrittenen Sachverhalt getreu den vorliegenden Akten, rückt ihn aber - sein
Kunstgriff - in einen neuen, durch und durch fiktiven Zusammenhang. Der Stoff,
den der Fall Grams bietet, dient ihm auf diese Weise als Ausgangspunkt und Motor
einer ganz anderen Geschichte.
Dr. Richard Zurek, der ein beruflich
erfolgreiches Leben als Gymnasialdirektor hinter sich hat, sicher ein guter
Lehrer, wohl auch ein guter Vater war, wird von den Umständen, unter denen sein
Sohn Oliver ums Leben kam, zunehmend irritiert. Damit beginnt zögerlich, fast
stockend eine Entwicklung, die am Ende Kohlhaas'sche Züge annimmt. Die Grundsätze,
ja die ganze Lebensauffassung des alten Herrn werden mehr und mehr in Frage
gestellt. Der Titel, In seiner frühen Kindheit ein Garten, verweist
nicht nur auf den utopischen Überschuss, den jede Kindheit produziert, sondern
auch auf das idyllische Selbstbild der Familie, das nach dem gewaltsamen Tod des
Sohnes zerbricht. Zur Trauer kommt die Enttäuschung. Das Verhalten der Medien
hat die Zureks nicht weiter überraschen können. (Olivers Freundin heißt hier
nicht Hogefeld, sondern - ein Gruß von Heinrich
Böll - Katharina Blumenschläger.) Darauf waren sie, trotz übler Auswüchse
gefasst. "Mutter eines Monsters" etwa stand unter einem Bild von Frau
Zurek. Womit sie nicht gerechnet hatten, war das üble Spiel der staatlichen Behörden.
Und hier zeigt sich Richard Zurek als wahrer Held aus dem Hause Hein. Der
Direktor beginnt, gestützt von einer Moralität, die noch aus dem 19.
Jahrhundert stammt, seinen Kampf um Gerechtigkeit - für seinen Sohn. Hein
versteht es, plakative Zuschreibungen zu vermeiden, Zwischentöne und
Ambivalenzen herauszustellen. Der alte Mann weiß auch um das Unrecht, das allen
Überlebenden anhaftet. Der theologische Horizont, vor dem sich solche Fragen
stellen, wird sichtbar. Zurek fühlt sich verpflichtet, seinen Sohn vor
ungerechtfertigten Schuldzuweisungen zu schützen. Aus dem gleichen Grund, aus
dem er, keineswegs blind, doch etwas zu arglos, dem Staat vertraut hatte, kämpft
er jetzt mit rechtlichen Mitteln gegen diesen Staat um Aufklärung. Die
Entwicklung, die der alte Direktor dadurch nimmt, verändert sein Weltbild und
damit sein ganzes Leben, auch das Verhältnis zu seiner Frau und den beiden
anderen Kindern. Es ist verblüffend, mit welch sparsamen Mitteln, etwa einer
fast spröde zu nennenden Sprache, Christoph Hein diesen Prozess einer mentalen
Radikalisierung im und am Alltag dieses alten Ehepaars buchstäblich spürbar zu
machen versteht.
Anfangs fragte sich der alte Herr, was er in der
Erziehung alles falsch gemacht habe. Er suchte die Schuld bei sich. Für die
politischen Ansichten seines Sohnes konnte er nie die geringste Sympathie
aufbringen. Doch am Ende ist er - fast! - so weit, die extreme
Radikalisierung seines Sohnes nachzuvollziehen. Wer weiß, fragt er sich, was er
getan hätte beziehungsweise tun würde, wenn er jünger wäre.
Auf diese Weise geht es plötzlich nicht mehr um richtige oder falsche
Tatsachenbehauptungen, nicht einmal um den Politskandal, der damals die
Bundesrepublik erschütterte, sondern wieder um die Grundlagen unserer
Rechtsordnung: Recht und Gerechtigkeit. Und um die gegenwärtigen Bedingungen,
unter denen beides zu haben ist. Richard Zurek verzweifelt fast an diesen Verhältnissen.
"Wo leben wir eigentlich?", fragt er eines Tages seinen Rechtsanwalt,
der ihn überrascht ansieht und dann erwidert: "Ja, so ist es, Herr Zurek,
wo leben wir?" Die strafrechtlichen Möglichkeiten sind erschöpft. Auch
der letzte Widerspruch wurde abgewiesen. Alle Ermittlungen sind eingestellt.
Doch nun kommt es zu einer wundersamen Volte. Zurek wird nicht wie Kleists
Kohlhaas zum "Märtyrer seines Rechtsgefühls", sondern zum Repräsentanten
unserer Zivilgesellschaft.
Ohnmacht und Unrecht
Gerechtigkeit besteht einem Wort Luhmanns zufolge
im gleichen Verfahren für jedermann. Wenn alle über den gleichen Kamm
geschoren werden, spielt die Länge der Haare keine Rolle mehr. Das mag
unbefriedigend sein, es ist aber so. Auch Kleists Kohlhaas erlebt schließlich
den Tag, an dem ihm "Recht geschieht", und das im doppelten Sinn. Er
bekommt seine Pferde zurück, gesund und wohlgenährt. Und dann, auch das
rechtens, wird er geköpft.
Das explosive Gemisch, das dort entsteht, wo in einer Person Ohnmacht und
Unrecht zusammenstoßen, lässt sich in unseren Gesellschaften, zum Glück,
meist mit rechtlichen Mitteln wieder entschärfen. So bekommt auch Zurek sein
Recht. Das Landgericht Bonn, das die Klage auf Erstattung der Beerdigungskosten
zurückweist, attestiert seinem Sohn in der (verklausulierten) Begründung des
Urteils, worauf es dem Vater ankam: Sein Sohn war kein Mörder und auch kein
Selbstmörder. Trotzdem nimmt der seriöse alte Gymnasialdirektor in einer Rede
vor Schülern seines ehemaligen Gymnasiums öffentlich seinen Amtseid zurück.
Danach fühlt er sich "unternehmungslustig" wie seit langem nicht
mehr.
Dieser neue Roman zeigt uns wieder den alten Christoph Hein, auf einer neuen
Stufe seiner Entwicklung. In den Auseinandersetzungen um seine Bestellung zum
Intendanten des Deutschen Theaters in Berlin, dem Rücktritt noch vor Antritt,
hatte der Autor keine glückliche Figur abgegeben. Da stand die Mauer im Kopf im
Weg. Der neue Roman ist weiter. Er ist zu einem Lehrstück geworden. Zu einer
Geschichte, die uns anrührt. Mehr noch - zu Geschichte, die uns angeht.
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2.)
In seiner
frühen Kindheit ein Garten.
Roman von Christoph
Hein (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Wolf
Scheller aus den Nürnberger
Nachrichten vom 01.02.2005:
Ein alter Lehrer kämpft gegen Justiz und Staat
Der Fall des Terroristen Wolfgang Grams im Roman: „In seiner frühen Kindheit
ein Garten“ von Christoph Hein
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3.)
In seiner
frühen Kindheit ein Garten.
Roman von Christoph
Hein (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Roman Bucheli aus der Neue
Zürcher Zeitung vom 1.2.2005:
Die bleiernen Jahre als Rührstück
Christoph Hein schreibt einen RAF-Roman
Es war ein seltsames Schauspiel, als vor einem Jahr Christoph Hein mit seinem Roman «Landnahme» quer durch die Bundesrepublik reiste und sich auf seinen Lesungen von Prominenz aus Kultur und Politik begleiten liess. Jutta Limbach, die erste Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes und heutige Präsidentin des Goethe-Instituts, und der vormalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, um nur diese zu nennen, stellten dem Publikum den Autor und das Buch vor, das in seiner Substanz auch einem nicht sonderlich argwöhnischen Leser als verharmlosende Darstellung der DDR vorkommen konnte. Fast erweckte der Roman den Eindruck, seine Figuren trauerten den einst überschaubaren Verhältnissen nach, denen man allenfalls kleinbürgerlichen Mief, doch nichts Schlimmeres nachzusagen gewusst hätte.
Nun veröffentlicht Christoph Hein mit «In seiner frühen Kindheit ein Garten» einen Roman über eine der letzten Episoden des deutschen Terrorismus. Vor den Kopf stossen könnte das Buch manchen, der vor Jahresfrist noch mit Christoph Hein vor die Leser trat. Denn nicht weniger als die Bundesrepublik und der Rechtsstaat sitzen in diesem Roman auf der Anklagebank. Und wenn Christoph Hein in diesem Roman über die RAF auch nicht umhinkommt, das Wort Terrorismus da und dort hinzusetzen, so sucht man doch vergeblich nach der Buchstabenfolge RAF.
Frei erfunden
«Die namentlich genannten Personen des Romans sind frei erfunden», heisst es. Das stimmt nur bedingt. Fast alles, was wir von der (toten) Hauptfigur Oliver Zurek erfahren, alles, was uns berichtet wird von seinem Tod und den darauf folgenden Untersuchungen, deckt sich passgenau mit Ereignissen, die in den neunziger Jahren die Bundesrepublik in ihren Fundamenten erschütterte (tatsächlich ist denn auch einmal am Rande von einem kleinen Erdbeben die Rede). Oliver Zureks Geschichte ist weitgehend dem Leben des RAF-Terroristen Wolfgang Grams nachempfunden. Dieser wurde 1979 unter einem nie erhärteten Vorwurf der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung für fünf Monate inhaftiert; fünf Jahre später tauchte er unter, um sich der RAF anzuschliessen; im Juni 1993 wurde er zusammen mit seiner Gefährtin Birgit Hogefeld von einer Einheit des deutschen Grenzschutzes auf dem Bahnhof in Bad Kleinen gestellt; im anschliessenden Schusswechsel starben ein Mitglied des Einsatzkommandos sowie Wolfgang Grams selbst.
Ungeachtet widersprüchlicher Gutachten und Zeugenaussagen, trotz verlorenen oder absichtlich vernichteten Beweismitteln hielt damals der abschliessende Untersuchungsbericht fest, dass der Grenzschutzbeamte von Wolfgang Grams erschossen worden sei und dieser hernach sich selbst gerichtet habe. Die Zweifel an dieser amtlichen Darstellung konnten jedoch nie vollends ausgeräumt werden. Eine Zivilklage der Eltern von Wolfgang Grams gegen die Bundesrepublik wurde 1998 abgewiesen; der Richter indes liess durchblicken, dass nicht rechtskräftig erwiesen worden sei, ob der verletzte Wolfgang Grams tatsächlich Suizid begangen habe oder ob er nicht doch, wie Zeugen es gesehen haben wollten, von den Grenzschutzbeamten aus nächster Nähe hingerichtet worden sei.
Dies also ist die Ausgangslage des Romans. Christoph Hein erzählt uns die Geschichte, wie man sie in jedem Zeitungsarchiv nachlesen kann. Andere Hintergründe scheinen ihn kaum oder überhaupt nicht zu interessieren. Oliver Zurek ist bei ihm eine verschwiegene Blindstelle, seine Biografie wird weder mit fiktiven Geschichten noch mit recherchierten Fakten plastisch. Hein schränkt unseren Blick auf die Ereignisse in Bad Kleinen (Kleinen heisst die Stadt bei ihm) und deren juristische Nachspiele ein. Er erzählt ausschliesslich aus der Perspektive von Olivers Eltern, die zwar auch verstehen wollen, was mit ihrem Sohn geschehen ist, die aber immer verzweifelter sich an die Vorstellung klammern, der Staat habe sich gegen sie verschworen und ihr Sohn sei kein Täter, vielmehr ein Opfer.
Hatte Christoph Hein in früheren Romanen - etwa in «Horns Ende» oder zuletzt in «Landnahme» - jeweils die erzählte Geschichte in mehrere und zum Teil sich widersprechende Perspektiven aufgebrochen, so unterlässt er eine solche Parallelisierung unterschiedlicher Sichtweisen in diesem Fall, da es sich doch durch die nie vollends aufgeklärten Umstände von Oliver Zureks Tod geradezu aufgedrängt hätte. So kann denn der Erzähler zusammen mit den Eltern und deren Anwalt «finstere Vermutungen» über eine «riesige Verschwörung» des Staates und der Presse gegen ein paar irregeführte junge Leute anstellen. Dafür mag es Anhaltspunkte geben; in der Ausschliesslichkeit, mit der diese Ansichten hier vorgetragen werden, liegt freilich die Problematik des Romans. Statt eine Bruchstelle in der neueren Geschichte der Bundesrepublik in ihre widersprüchlichen Facetten zu zerlegen, verwandelt Christoph Heins Roman die letzte Episode des deutschen Terrorismus in ein sentimentales Rührstück.
Zudem leistet Hein einer Verharmlosung der bleiernen Jahre Vorschub, wenn er die Eltern reichlich unbedarft den Gründen nachgehen lässt, die ihren Sohn in «diese anderen Kreise» - «Mörderbande» nennt Olivers Schwester die RAF dann immerhin etwas unverblümter - haben abgleiten lassen. So schildert die Mutter etwa jene Episode, als sie mit ihrem Sohn einen Anzug für die Abiturfeier kaufen wollte und dieser Zeuge eines brutalen Polizeieinsatzes wurde. Oliver sei danach völlig verstört gewesen. Der Vater spricht aus, was die Mutter nur andeutungsweise sagt: «Wenn Oliver wirklich ein Terrorist geworden ist, so hat ihn der Staatsschutz dazu gemacht.»
Extreme Fokussierung
Um dieser Darstellung etwas Rückhalt zu geben, verkürzt Hein (in einer der wenigen Abweichungen von der sonst sehr genau der realen Geschichte von Wolfgang Grams folgenden Erzählung) die Frist von der Entlassung aus der ungerechtfertigten Haft bis zum Eintritt in die RAF von fünf Jahren bei Wolfgang Grams auf ein halbes Jahr bei Oliver Zurek. Die Absicht ist klar: Der Zusammenhang zwischen dem Übergriff der Justiz und dem Entschluss zum terroristischen Kampf soll als existenzieller evident werden. Das wiederum erinnert fatal an die Argumente, die in früheren RAF-Prozessen von den Angeklagten vorgebracht worden waren: «Ich kann doch nur dann nicht mehr straffällig werden an der Gesellschaft, wenn sie mir keinen Anlass dazu gibt», argumentierte etwa Thorward Proll 1968 beim ersten RAF-Prozess nach der Frankfurter Kaufhaus-Brandstiftung.
Indem Christoph Hein seine Erzählung vor dem Jahr 2001 abbrechen lässt, vermeidet er ausserdem die Konfrontation mit unbequemen Fakten. Da nämlich gelang den Behörden mit einer DNA-Analyse der Nachweis, dass Wolfgang Grams 1991 an der Ermordung von Karsten Rohwedder, dem damaligen Chef der Treuhand-Behörde, beteiligt gewesen sein dürfte. So trägt «In seiner frühen Kindheit ein Garten» wenig zur Durchleuchtung einer dunklen Epoche bei. Der Roman porträtiert die RAF-Terroristen als harmloses Grüppchen von Verführten, die es doch eigentlich gut gemeint hatten. Und Christoph Hein geht mit seinem Roman immer haarscharf am Kitsch vorbei. Dabei muss man anerkennen, dass hier ein tatsächlich ungeklärtes Kapitel der bundesdeutschen Terrorabwehr unter die Lupe des Erzählers genommen wird; die partielle Blindheit freilich, die der Autor dem Leser durch die extreme Fokussierung auferlegt, ist weder in der Sache noch ästhetisch angemessen, aber wohl Absicht. Denn folgenden Subtext glaubt man nun in «Landnahme» und Heins jüngstem Roman zu lesen: Während östlich der Elbe die Dinge erst nach 1989 richtig unangenehm wurden, waren sie es in der BRD schon lange und noch immer.
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4.)
In seiner
frühen Kindheit ein Garten.
Roman von Christoph
Hein (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Thomas
Groß in Rheinischer
Merkur, 03.02.2005:
Was geschah wirklich an jenem 27. Juni 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen? Erschoss der mutmaßliche RAF-Terrorist Wolfgang Grams zuerst einen Polizisten und dann sich selbst? So lautet die offizielle Lesart. Fest steht, dass die zwei Männer bei einer wilden Schießerei ums Leben kamen, als Grenzschutzbeamte Grams und seine Begleiterin Birgit Hogefeld zu verhaften versuchten. Doch Zeugen wollten gesehen haben, dass Grams von einem Beamten aus nächster Nähe durch einen Kopfschuss regelrecht exekutiert worden war.
Zweifel an der amtlichen Version konnten nie ausgeräumt werden und nährten Bedenken am deutschen Rechtsstaat. Nicht zuletzt bei Grams' Eltern, die fünf Jahre nach den Vorkommnissen einen letzten Prozess anstrengten, um ihren Sohn vom Vorwurf, ein Polizistenmörder zu sein, womöglich zu befreien und Klarheit in die Umstände seines Todes zu bringen. Die Klage hatte keinen Erfolg, die Zweifel blieben bestehen.
So weit die Fakten, an denen literarische Phantasie sich leicht entzünden könnte, um Licht ins Dunkel zu bringen. Bei einem Autor wie Christoph Hein findet freilich ein anderer Aspekt die besondere Aufmerksamkeit. Er erzählt am Beispiel von Grams' Vater, der bei ihm Richard Zurek heißt, wie sich dessen Vertrauen in die bestehende Ordnung in Misstrauen und Enttäuschung verkehrt. Und in Zweifel an seinem eigenen Lebensweg gleich mit.
Als „Chronisten ohne Hass und Eifer“, der sich nicht mit Moral, sondern mit der Genauigkeit einer direkten Beobachtung der Welt beschäftige, hat sich Hein einmal charakterisiert. Diesem Ruf wird er auch im neuen Buch gerecht.
Richard, dem ehemaligen Gymnasialdirektor Anfang siebzig, geht es um Gerechtigkeit. Er will zudem endlich verstehen, wieso sein Sohn, der bei Hein Oliver heißt, in den Untergrund gegangen ist. Und je mehr seine Zweifel am Rechtsstaat wachsen, umso mehr wächst das Verständnis für den Sohn und wird Richard Zurek, der ehemals hoch geachtete, stets korrekte Musterbürger, zum ratlosen Außenseiter. Sehr zum Missfallen seiner Tochter Christin, die wenig Verständnis für die Bemühungen ihres Vaters zeigt und gar keins für den Lebensweg ihres toten Bruders, und skeptisch begleitet von seiner Frau Friederike, die freilich jede Entscheidung ihres Mannes mitträgt.
Die zeitgeschichtlichen Fakten bilden den erzählerischen Rahmen, doch der Blick des Autors geht vor allem nach innen, betrachtet Richard Zureks Seelenlage und Entwicklung. Die Sprache bleibt der Hauptfigur immer angemessen: Wie Zurek ein korrekter, nüchterner Zeitgenosse ist, so auch Heins Sprache. Er, der ohnehin nicht zu den metaphernverliebten Autoren zählt, schreibt knappe Sätze, die präzise beschreiben und damit eine Spannung zu den ungeklärten Vorkommnissen in Bad Kleinen erzeugen, die so nur umso bedrängender wirken.
Überzeugend ist dabei, wie Hein die Beziehung der Eheleute bis zu ihrem Anfang zurückverfolgt und Richards Nüchternheit mit seiner Kriegsgefangenschaft erklärt. Die Figur erhält so mehr Tiefe. Allerdings wirkt sie nicht dadurch lebendiger, dass ihr Hein in der Vergangenheit noch eine Affäre andichtet. Das wirkt lediglich bemüht und aufgesetzt. Richtung und Ziel des Romans sind mit den Worten des Gemeindepfarrers vorgegeben, der ziemlich am Anfang zu Richard Zurek sagt: „Furcht und Schrecken sind wie Recht und Unrecht eine Frage der Gewichtung, und was für den einen unerträglich ist, das ist für einen anderen der Alltag.“
Heins Roman erzählt von der Unerträglichkeit dessen, was für die meisten nur Alltag war, und hat von daher natürlich eine zeit- und gesellschaftskritische Note.
Sie will bedacht sein und ist, wie oft bei Hein, politisch korrekt; sie drängt sich aber nicht auf. Zuletzt dreht sich das Buch ja doch um allgemein menschliche Aspekte. Dies bringt wiederum ein Pfarrer, bei Olivers Grabrede, auf den Punkt: „Gedenken wir seiner im Wissen um unsere Unvollkommenheit“, empfiehlt dieser den Anwesenden und den Lesern.
Entsprechend quält Zurek angesichts des Todes seines Sohnes das allgemeine Gefühl, „irgendwo versagt“ zu haben, und spricht er gegenüber seiner Tochter vom „Schuldgefühl der Überlebenden“; dieses nämlich verspürten nicht nur Überlebende der Konzentrationslager. Schließlich solidarisieren sich die Zureks untereinander durch die Einsicht in ihre Ohnmacht. Bei der Beerdigung heißt es über sie: „Sie sagten nichts, sie weinten nicht, sie hielten sich nur minutenlang in den Armen.“
Der 60 Jahre alte Ostdeutsche Hein hat zuletzt mit seinen Zeitromanen „Willenbrock“ und „Landnahme“ unterstrichen, dass er auch in gesamtdeutscher Perspektive zu den wichtigsten Gegenwartsautoren zählt. Hier nun wählt er einen kleineren und überschaubaren Wirklichkeitsausschnitt, um dennoch große Fragen durchzuspielen. Ein Ansatz, der überzeugt.
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Leseprobe I Buchbestellung I home 0205 LYRIKwelt © Rheinischer Merkur