1.) - 2.)
Innere
Zirkel.
Gedichte von Claudia Wädlich (2006,
Karin Fischer Verlag).
Besprechung von Hans Jansen aus der WAZ vom 17.5.2008:
Doch blau die Gedanken
»Die Betonzeiten/verrotten/durch Knopfdruck/auf das
Turbozeitalter/schneller höher leichter ? glasklar/ist der Durchblick/auf die
Corbusier?schen/Slums/der gefeierten Zukunft.«
So illusionslos kommentiert Claudia Wädlich in ihrem Gedicht »Schon vorbei« die
Segnungen eines immer rapider vorpreschenden Fortschritts. Was der Homo faber
gestern noch als Gipfel technischer Machbarkeit feierte, ist morgen unter den
»Fassaden hochgetürmter Phrasen« verrottet.
Der Hinweis auf Le Corbusier ist insofern aufschlussreich, als gerade die
Entwürfe dieses berühmten Baumeisters der Utopie eines humanen Städtebaus sehr
nahe kamen, ehe sie zu Slums verkamen. Will sagen, Wädlichs Zivilisationskritik
operiert nicht im leeren Raum, sie benennt Ursachen und Folgen einer Entwicklung
auch dort, wo sie in existenzielle Bereiche stößt.
Claudia Wädlich wurde 1958 in Oberhausen geboren. Nach dem Jurastudium wandte
sie sich u. a. der Literatur und der Archäologie zu. Exkursionen nach Ägypten
machten sie mit den versunkenen Kulturen Nordafrikas vertraut. Nicht zuletzt
diese Erfahrung spiegelt sich in ihren Gedichten, so sie im Rückgriff auf Mythos
und Geschichte aktuelle »Befindlichkeiten« reflektieren ? gegen die Schönreden
in der modernen Mediendemokratie. Das geschieht nicht mit dem Pathos plakativer
Anklage, sondern in konzentrierten, poetischen Bildern. So auch in unserem
Beispiel aus Wädlichs erstem Gedichtband »Innere Zirkel« (deutscher lyrik verlag,
9 Euro), das Element klassischer Natur- und Gedankenlyrik kunstvoll ineinander
verwebt.
Im Zeitalter globaler Umweltkatastrophen ist das Meer mit seinen Geheimnissen
nicht mehr nur ? wie noch bei Heine oder in
Debussys grandioser Tondichtung ? Anlass für romantische oder impressionistische
Verklärung. Schon der Titel beschwört jene Krise, der sich das lyrische Ich
bewusst ist. Noch sieht es, tief verwurzelt in den Gezeiten des Lebensspenders
Wasser, das Meer »silbrig perlend« schimmern.
Doch Poseidons »ölige« Ernte trübt die Idylle. Und hinter der vieldeutigen
Metapher sehen wir Bohrinseln und die Öltanker, die heute die Weltmeere
durchpflügen. Gegen den Befund der »Krise« aber setzt das Gedicht, jede Strophe
mit einem sanft abklingenden Reim schließend, eine Vision von elegischer
Schönheit: Zeit und Vergänglichkeit fließen durch blaue Gedanken, »die um
maritime Gärten ranken«.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]
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2.)
Innere
Zirkel.
Gedichte von Claudia Wädlich (2006,
Karin Fischer Verlag).
Besprechung von Harry
Michael Liedtke im Lokalkompass vom
2.11.2011:
Lyrisches Zirkeltraining
Gesellschaftskritik, die hohe Politik, Kulturgeschichte, Naturkunde und
Mythendeutung – eigentlich sind diese Themen aufgrund ihrer Komplexität und
Umfänglichkeit Elemente für einen Roman.
Claudia Wädlich hat das Kunststück vollbracht, daraus einen Lyrikband zu machen.
Und dabei bleibt die Oberhausener Autorin nicht etwa schwammig, sondern wird
sehr konkret. Man muss nicht unbedingt zwischen den Zeilen lesen, um zu wissen
wen und was sie meint.
Claudia Wädlichs Blick auf das von unheiligen Verflechtungen zwischen Politik,
Medien und Big Business geprägte Weltgeschehen ist ungetrübt kritisch, bei ihrem
Angriff auf die Cliquenwirtschaft vermeidet die streitbare Aufklärerin
allerdings den Einsatz von waffenfähigem Moralin. Sie hat ein anderes, viel
wirksameres Kampfmittel: die Sprache!
Das Werk ist nicht frei von Bitterkeit, verströmt aber auch eine ungeheure
Kampfeslust – nicht zuletzt aufgrund der Wortgewalt der ganz klar dem
intellektuellen Spektrum zuzurechnende Schriftstellerin.
Bring in transparency!
Glasklar
ist der Durchblick
auf die Corbusier’schen
Slums
der gefeierten Zukunft.
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