Inishowen Blues von Joseph O'Connor, 2003, S. FischerInishowen Blues.
Roman von Joseph O'Connor (2001, S. Fischer - Übertragung Esther Kinsky).
Besprechung von Friedhelm Rathjen in der Frankfurter Rundschau, 16.4.2002:

Das Grab am Ende der Welt
Aus dem Baukasten der Beliebigkeit: Joseph O'Connors Roman "Inishowen Blues" zieht halbherzig an viel zu vielen Registern

Zehn Tage, zwei Welten, drei Hauptgestalten: Man kann Joseph O'Connor wahrhaft nicht vorwerfen, sein neuer Roman sei einseitig. Die zehn Tage, über die sich die Handlung von Inishowen Blues erstreckt, umfassen die Weihnachts- und Silvesterzeit des Jahres 1994, also das Ende eines Jahres. Auch die drei dominanten Figuren sind etwas am Ende: Martin Aitkins mit seiner beruflichen Karriere, Milton Amery mit seiner Ehe, Ellen Donnelly mit ihrem Leben. Und von den beiden Welten, in denen das Buch anfänglich spielt, geht es schließlich an ein Ende der Welt, an den nördlichsten Zipfel der irischen Insel.

So zusammengefasst, klingt der Inhalt nach straffer Konstruktion, aber auch das kann man dem Roman als Ganzem leider nicht nachsagen. Wenn Joseph O'Connor zwischen Dublin und New York springt, so tut er das reichlich unsystematisch, und um die Schicksale seiner drei Hauptfiguren miteinander zu verflechten, nimmt er Zuflucht zu einer ausgesprochen wirren und unausgegorenen Handlungsführung. Offenbar will Joseph O'Connor sich mit seinem vierten Roman als Alleskönner beweisen, und deswegen verrührt er vielerlei miteinander: ein bisschen Familientragödie mit leerlaufenden Ehen und unüberbrückbaren Generationenkämpfen; ein bisschen Thriller mit Raubüberfällen, Terrorismus und korrupten Polizeibeamten; ein bisschen Komödie mit Slapstick-Einlagen und mäßig flotten Sprüchen. Wo aber alle Register nur ein bisschen gezogen werden, kommt nichts richtig zu Geltung, und das Ergebnis ist ein konturloses Gemisch aus dem Baukasten der Beliebigkeit.

Immerhin bleiben die drei Hauptfiguren in Erinnerung, allesamt gescheiterte Existenzen von Mitte vierzig. Martin Aitken ist Polizist in Dublin, dessen Karriere einen Knick bekam, als sein kleiner Sohn bei einem Unfall starb. Über die Unfähigkeit der Eltern, den Tod gemeinsam zu verarbeiten, ist nicht nur die Ehe in die Brüche gegangen, sondern auch Martins Ruf als fähigster Beamter im Sicherheitsdienst. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis er endgültig gefeuert wird. Über die Feiertage hat er sich eine Woche Urlaub genommen, ist sich allerdings noch unschlüssig, was er damit anfangen soll. Er könnte sich einfach besaufen; er könnte wohl auch ins Büro fahren und einige Dinge erledigen, die strenggenommen nicht zum Dienst zählen; oder er könnte zum ersten Mal seit sechs Jahren das Grab seines Sohnes aufsuchen, der am nördlichsten Zipfel Irlands beerdigt wurde, in Inishowen.

Ellen Donnelly führt ein äußerlich sorgenfreies Leben als Lehrerin und Frau eines Schönheitschirurgen in New York, doch innerlich wird sie zerfressen - vom Bauchspeicheldrüsenkrebs, der ihren Körper zerstört und ihr nur noch ein halbes Jahr vom Leben lässt, und von der Suche nach sich selbst. Als Säugling wurde sie ausgesetzt; ihre Versuche, den Kontakt mit der irgendwo in Irland lebenden Mutter aufzunehmen, sind gescheitert; jetzt hat sie Mann und Kinder zum wiederholten Male einfach sitzen lassen und ist nach Irland gekommen, um kurz vor ihrem eigenen Tod doch noch ihre Mutter zu finden und den Ort, von dem sie stammt: Inishowen.

Milton Amery ist Ellens Mann oder vielmehr ihr Noch-Mann, denn an den Weihnachtstagen wird ihm die Scheidungsklage zugestellt: Ellen verlangt viereinhalb Millionen, eines der beiden Häuser, eines der drei Autos. Das ist selbst für einen erfolgreichen Mann wie Milton ein heftiger Schlag ins Kontor. Der Trost mit der derzeitigen Geliebten, die so jung ist wie seine Tochter, will ihm nicht recht gelingen, und dies um so weniger, als er feststellen muss, dass er seine wechselnden Affären wohl doch nicht diskret genug abgewickelt hat. Ellen ist über alles im Bilde, weiß sogar, welche kindischen Gewohnheiten Milton annimmt, wenn sie wieder einmal verschwunden ist. Milton ist nicht nur ein großer Verächter von allem, was Ellen interessiert, er ist vor allem ein großer Abwarter. Erst seine Kinder zwingen ihn, aktiv zu werden und Ellen nachzufliegen: natürlich nach Inishowen.

Joseph O'Connor besitzt ein beneidenswertes Talent, Figuren zu schaffen, die gerade in ihren Brüchen und ihren Verschrobenheiten plastisch und glaubwürdig daherkommen. Martin ist knallharter Polizist, aber auch zärtlicher Familienvater, dem es nur an dem Menschen mangelt, dem er sich öffnen kann: Da kommt Ellen gerade recht. Sie ist mit allen möglichen Sentimentalitäten gewappnet, aber auch mit diversen Schrullen und Egoismen. Milton schließlich ist die flachste der drei Hauptgestalten, überzeugt aber doch durch die krude Art und Weise, wie sich in ihm Versager- und Erfolgsmenschentum paaren. In den entscheidenden Momenten reagiert er nie ganz falsch, aber auch nicht wirklich richtig. "Er gehörte zu den Menschen, die ihre angeborene Anständigkeit als peinlich empfinden": Das ist Ellens Ansicht über ihn, aber doch auch nur ein Teil der komplexen Wahrheit.

O'Connor ist am besten, wenn er Situationen des Innehaltens schafft, in denen die Figuren ihre Vergangenheit auskramen und die Herkunft ihrer Versehrungen preisgeben. Wenn Martin Aitken den Tag Revue passieren lässt, an dem sein Sohn starb, und die anschließende Lethargie in Worte fasst, dann beginnt O'Connors Schreibe auf stille Weise zu leuchten; auch die Erinnerungen der Figuren an ihre Jugend lassen auf unprätentiöse Weise eine dichte Erzählatmosphäre entstehen. Unterschwellig werden in diesen Passagen Themen angerissen, die man anderswo gespiegelt und gebrochen finden kann: das Thema der Unreife etwa oder das des Verschwindens.

Nur gibt sich O'Connor damit leider nicht zufrieden, sondern meint, seinen Hauptgestalten möglichst viel Handlung angedeihen lassen zu müssen, und dabei trägt er immer mehrere Spuren zu dick auf und treibt seinem Roman alle Ansätze atmosphärischen Erzählens wieder aus. Brennende Autos, sonnenbebrillte Verfolger und ähnliche Albernheiten verwandeln das Buch in einen ziemlich lahmen Unterhaltungsroman. Der O'Connorsche Witz war anderswo schon schärfer als im Inishowen Blues, und vor allem wirkt er hier selbstzerstörerisch, weil ein Blues, der sich karikaturistischer Elemente bedient, kein Blues mehr ist. Es gibt, das sei zugegeben, ein oder zwei Stellen, an denen der krampfhafte dialogische Witz einzelner Figuren sich als Deckmantel für untergründige Tristesse entpuppt, aber auch das wird nicht konsequent als erzählerischer Befund ausgestaltet und bleibt in den Ansätzen stecken.

All das ist schade, weil Joseph O'Connor sehr viel mehr kann, als er in Inishowen Blues zeigt: Wenn er sich endlich entschließen könnte, sich einmal einen Roman lang auf ein Thema, einen Erzählmodus und vor allem einen Ton zu konzentrieren, könnte er vielleicht doch noch das Versprechen einlösen, das in seinem Erstling Cowboy und Indianer steckte. Dem Inishowen Blues hätte etwas mehr Einseitigkeit nur guttun können.

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