In Hackensack.
4 minimale Stücke von Jürg Laederach (2005, Edition Engeler).
Besprechung von Friedhelm Rathjen in Die Zeit, 7.4.2004:

Splitterrede
Jürg Laederachs minimale Stücke

Der Chaosforscher ist wieder da: Es gibt doch ein Leben nach Suhrkamp. Der Schweizer Altmeister Jürg Laederach meldet sich auf der literarischen Bühne zurück, in dem er uns vier „minimale Stücke“ präsentiert. Was das sein soll? Nun denn, Stücke sind nichts Ganzes, die Figuren dieser Einakter sind folglich keine Individuen, sondern ganz entschiedene Dividuen: teilbar mehr denn mitteilbar. Und minimal sind die Stücke, weil im Grunde immer nur eine Stimme spricht, zudem über sich selbst, über ihr Sprechen, das sich dividuiert.

Das erste Dividuum heißt Mister Thelonious, steht nicht allein auf der Bühne, doch seine Partnerin Nellie bleibt stumm, „näht meist“ und „trägt ein einfaches Hauskleid“. Thelonious trägt Splitter einer Geschichte über „Mein Ich als Thelonious“ vor. Man weiß nichts Genaues, schon gar nicht als Leser, aber das muss auch so sein, denn „sobald man weiß, ist nichts mehr am Wissen dran“.

Wir nehmen Lift spielt „zwischen drei Stockwerken“ und gibt sich verstockt durch Dauerplappern. Alle auftretenden Personen heißen Noanoa, freilich ist Noanoa jedes Mal ein anderer. Noah? Arg verwässert. „Wovon träumt der Mann, wenn er kopuliert?“ Noanoa und Noanoa und ihre gleichnamigen Mitlifter debattieren wortreich und sinnarm über „die Befreiung von allen Resten der Brunft“. Was sehen wir auf der Bühne? „Ich sehe euch mit Besorgnis und mich mit hoher Besorgnis, wie ich euch sehe.“ Das sind Perspektiven, die sich in sich selbst verknäulen, wir sehen nichts außer abgeschalteter Anschaulichkeit, „Kübel und Kabel sind, was übrig bleibt, wenn man aufs Bild verzichtet“.

Codge’s Phase ist eine dialogisierte Phrasensammlung im Gangstermilieu; alle Gangster heißen Man. Jeder Man leidet an einer „Dysfunktion“, vielleicht auch an mehreren. „Ich funktioniere noch immer“, sagt Man, vermutlich ist das die Dysfunktion. „Muss geprüft werden.“ Es geht um Koffer, um Inhalte, freilich ist der Koffer leer. „So ist Al Codge.“ Alfred Kolleritsch? Skripte für Man. Schließlich finden wir uns „im typischen neufundländischen Flughafenimbiss“ wieder, wir wissen sofort, was gemeint ist, speisen wir doch habituell in neufundländischen Flughäfen. Und Abflug: „In einer Stunde stellt er die Uhr zwei Stunden zurück.“

Bleibt noch ein letztes minimales Stück, Kanner heißt es und lockt mit einer unerwartet langen Dramatis-Personae-Auflistung. „Die Stimmen“ sind freilich nur Stimmen, der Papagei plappert sein Echo, der Pfleger pflegt fast stumm. Bleiben Sriver und Kanner, zu einem Brettbett verschmolzen. Kanner heißt Kanner, weil er noch etwas kann; Sriver heißt Sriver, weil er sagen kann: „Mein Name ist Sriver.“ Schreber? Daniel Paul, vielleicht. Sriver erzählt in der zweiten Person eine Krankengeschichte, die wohl Kanners ist, „in triebhafter Unruhe“. Diese fragmentarische Geschichte fokussiert schließlich die Gestalt eines weiblichen „Duschraum-Ichs“, das freilich gern „einen zweiten Mich in der Nähe gesehen“ hätte. Dividuierung gescheitert, viele Ichs ergeben kein Ich, fliehen es vielmehr.

Falsch gezählt und falsch erzählt. Laederach erzählt nicht, er „entzählt“, und das tut er auch, wenn er seine „verknoteten Reden“ auslagert aus seinem gewohnten Prosa-Ich und sie Bühnenfiguren in Kopf und Mund legt. Ich ist ein anderer, so lernten wir früher einmal, aber nein, ich sind in Wahrheit viele; ob sie wirklich anders sind, ist freilich die Frage. Das Ich hat weiter nichts zu sagen als: Ich bin ich, ich bin ich als ich, ich spreche hier als viele Ichs. Laederach rächt sich als Laederach (das ist womöglich seine Dysfunktion), er weigert sich, etwas auszusagen, indem er etwas sagt (diese Weigerung ist seine Funktion). Der Sprechakt des minimalistischen Plapperers muss sich darauf beschränken, vom Sprechen zu sprechen, einem Sprechen, das alles negiert, wovon es spricht.

Übrig bleiben Sätze nicht etwa ohne Sinn und Verstand, denn sie referieren stets eindeutig auf Welt, aber diese Referenz kippt die referierte Welt stets in Aberwitz. „Der Bürger muss in die bauliche Frage rein“ – das ist so ein Satz. Die stumme Nellie, erfahren wir von Thelonious, ist „die tüchtigste zuverlässigste Arbeiterin, die ich kenne, aber müsste ich genau sagen, was sie arbeitet, käme ich in Verlegenheit“. Bei Laederach sind wir pausenlos in solch herrlicher Verlegenheit.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

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