Ingrid Caven von Jean-Jaques Schuhl, 2001, EichbornIngrid Caven.
Roman von Jean-Jaques Schuhl (2001, Eichborn - Übertragung Uli Aumüller).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 17.10.2001:

Die Diva der bleiernen Zeit

Jean-Jaques Schuhl, der Mann im Schatten von Ingrid Caven, hat ein großes Buch über sie geschrieben - den Roman eines Lebens. Jean-Jacques Schuhls Romane, die vor mehr als 20 Jahren in Frankreich erschienen, waren alles andere als umjubelt. Seither lebte der heute 59-jährige als der Mann im Schatten einer berühmten Frau, als schweigender Begleiter Ingrid Cavens. Im vorigen Jahr ist Schuhl mit einer literarischen Biographie über seine Lebensgefährtin ins Licht getreten, erntete dafür Frankreichs wichtigsten Literaturpreis und eine gigantische Auflage. Sein Buch ist denn auch in jeder Hinsicht bemerkenswert: ästhetisch raffiniert und gelungen, zeitgeschichtlich ein deutsch-französisches Kompendium über ein halbes Jahrhundert und ein Schlüsselroman seiner Generation. Ingrid Caven, die gerade als Chanteuse eine Renaissance erlebt, war von 1970 bis 1972 mit Rainer Werner Fassbinder verheiratet. Er machte sie zur Schauspielerin, nachdem er sie in einem Münchner Varieté gesehen hatte. Exaltierter Egomane trifft als Femme fatale verkleidetes Mädchen; die Unberührbare und der Stumme, die Kranke und der krankhaft Selbstbewusste, die alte Geschichte von der Schauspielerin und dem Schriftsteller. Wie bei Marylin Monroe und Arthur Miller, wie bei Claire Bloom und Philip Roth endete sie im Desaster. Immer erschöpftere Ekstasen, Sex, Drogen und Fassbinders früher Tod, den er sich als kleistschen Doppelselbstmord ausmalte, als er die Caven längst verloren hatte. Verloren an den Glamour ihrer Bühneneinsamkeit, verloren an die ihr gemäßeren Filme des Schweizers Daniel Schmid, verloren an die bleierne Zeit und die Fata Morgana einer neuen deutschen Marlene. Vor allem aber verloren an Jean-Jacques Schuhl.

Das Vermächtnis des Filmberserkers

Ausgerechnet der hat ein Vermächtnis des Filmberserkers von einer hingehuschten Skizze zum Zeitgemälde hin vollendet. Es ist ihm in faszinierender Weise gelungen, weil in cineastischen, mitunter ins Märchenhafte stilisierten Sequenzen der Weg der Sängerin zur deutschen Biographie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachgezeichnet wird, und zwar in poetischer Schönheit, emotionaler Nähe zum Modell, aber mit der Distanz des Franzosen zu den Verhältnissen im Nachbarland: Kriegskind erlebt die Stunde Null im zerbombten Saarbrücken, kommt ins Schwarzwald-Internat und später ins wirtschaftswunderliche München. Singt Schlager, Kirchenlieder und Opern, ist Gespenst und Heilige, feiert Erfolge in Paris und am Broadway, synchronisiert Pornos und gastiert bei den Juden Jerusalems. Immer verantwortlich für die Illusionen, die man für den Traum von etwas Neuem braucht. Eine Kultfigur für das Artifizielle und für das Laszive. So schneidert Yves Saint Laurent ihr ein Kleider-Markenzeichen auf den nackten Leib, die RAF verfolgt sie und für Salomé steht sie Modell. Jean-Jacques Schuhl hat sein Bildnis gemacht, ein devotes, bewunderndes und von innen leuchtendes Porträt. Er lässt es auferstehen aus Krieg, Krankheit, Terrorismus und den "Ruinen an Körper und Seele" der Stunde Null. Er verortet es in sauber-korrekten, erinnerungslosen Zeiten und lässt es von da blitzen über die Metropolen mit ihren exzentrischen Ikonen.

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Leseprobe I Buchbestellung 1202 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung