In einem Anfang war die Liebe Gewalt von Alejandra Pizarnik, 2007, Amman1.) - 2.)

In einem Anfang war die Liebe Gewalt.
Tagebücher von Alejandra Pizarnik (2007, Ammann - Übertragung
Klaus Laabs)
Besprechung von Ellen Spielmann in freitag 14 vom 6.4.2007:

Gespenster der Phantasie
Zum ersten Mal wurden die Tagebücher der argentinischen Dichterin veröffentlicht

Was passiert mit einer jungen argentinischen Dichterin in den Jahren von 1950 bis 1960, die unbedingt Rimbaud sein möchte? Sie wird zwangläufig ein exzessives, schmerzliches Leben führen. Und sie wird trotz ihres großen Talents, trotz Inspiration, Kreativität und trotz beharrlicher Suche nach Erneuerung der spanischsprachigen Dichtung nicht nur am ausbleibenden Erfolg scheitern, sondern ihr Leben opfern. Die Rede ist von Alejandra Pizarnik, die 1936 in Buenos Aires als Tochter russisch-jüdischer Emigranten geboren wird und 1972 mit 38 Jahren Selbstmord begeht. Ab Mitte der fünfziger Jahre thematisiert sie ihren Tod in Gedichten und in Tagebüchern (1954-1971) Dutzende Male.

Nach der Veröffentlichung ihrer Gedichte, Cenizas - Asche, Asche (2002) liefern Pizarniks künstlerische, private und öffentliche Notate deutschen Lesern nun erstmals Einblick in das Leben und Schaffen der Dichterin, die heute als bedeutendste jüdische Vertreterin spanischer Sprache der klassischen Moderne gilt und längst zur Legende geworden ist. Sie studiert Philosophie und Literatur in Buenos Aires und gilt bald als junges dichterisches Talent in Literatenkreisen. 1955 veröffentlicht sie ihren ersten Gedichtband, La tierra más ajena (Das fremdeste Land). 1961 erfüllt sie sich einen lange gehegten Wunsch und geht nach Paris. Dort lebt, dichtet, übersetzt sie bis 1964 im Kreis lateinamerikanischer Literaten wie dem mexikanischen Dichter und Intellektuellen Octavio Paz und ihrem Landsmann Julio Cortázar. Mit beiden soll Pizarnik, laut Legendenbildung, eine Liebesbeziehung unterhalten haben. Die wichtigsten Gedichtbände erscheinen nach ihrer Rückkehr in Buenos Aires. Doch an die Provinzialität der Metropole "peripherer Modernität" kann und will sie sich nicht gewöhnen. Es folgen Jahre der Krankheit, Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken und schließlich ihr Selbstmord durch die Einnahme einer Überdosis Schlaftabletten.

Die Veröffentlichung der Tagebücher geschieht, so die Herausgeberin, auf den ausdrücklichen Wunsch Pizarniks. Vielleicht wusste die Dichterin, dass diese Eintragungen in ihrem zeitdokumentarischen Charakter den Zugang zu den teils als "unlesbar" geltenden Texten erleichtern würden. Aus heutiger Sicht lässt sich - trotz existierender Leser-Fangemeinde - behaupten: das Hauptinteresse richtet sich auf ihr Schicksal als Frau und Dichterin.

Erstmals äußert sich Pizarnik zum Tagebuch als literarischem Werk 1955: "Das Beste, was mir einfällt, ist eine Art Tagebuch, gerichtet an (einmal angenommen) Andrea. Das heißt, es wären weder Briefe noch ein gewöhnliches Tagebuch. Es könnte in zwei oder drei Bereiche unterteilt sein. Einer, der der Liebe gewidmet ist, ein weiterer der Angst, der dritte, mon dieu!, hier wäre noch die Frage, sich zu entscheiden und zu wählen: die Welt einfangen oder sie zurückweisen." Damit nennt sie bereits die drei großen Themen ihrer Tagebücher. Beim dritten "Bereich" entschied sich Pizarnik eindeutig für "das Zurückweisen der Welt".

Porträt der Dichterin als junge Frau

Wie ist Alejandra Pizarniks Zustand mit 19 Jahren? Wie den jungen Rimbaud drängt es sie, ein bedeutendes Werk zu schreiben. Ihr Arbeits- und Lebensplan für 40 Tage im Juli 1955 lautet: "1) Den Roman beginnen. 2) Die Bücher von Proust beenden. 3) Heidegger lesen. 4) Nicht trinken. 5) Keine Gewaltakte. 6) Grammatik und Französisch lernen." Doch im Gegensatz zu Rimbaud, der bereits mit 21 Jahren sein Werk vollendet hatte und den Dichterberuf an den Nagel hing, wartet Pizarnik bis an ihr Lebensende auf den großen Wurf. Schon mit 19 Jahren plagen sie massive Selbstzweifel: "Warum leide ich und quäle mich mit den Gespenstern meiner Phantasie? Warum glaube ich so fest daran, dass ich zu Höherem berufen bin?"

Was ihre Frauenrolle betrifft, bewegt sich die 19-Jährige zwischen altbekannten Stereotypen, zwischen "Weibchen" und Maniac. Sie fragt sich einerseits: "Warum kleide ich mich nicht elegant und spaziere mit meinem Verlobten am Arm durch Santa Fe? Warum suche ich mir nicht ein ruhiges Plätzchen, heirate, kriege Kinder, gehe ins Kino, in die Konditorei, ins Theater?" Andererseits kommt sie mit einem provokanten Vorschlag für weibliche Selbstverwirklichung daher: "Zum Teufel! Man müsste Bordelle einrichten speziell für Künstlerinnen!"

Zwischen diesen widersprüchlichen Selbstbildern schaltet die Tagebuchautorin den "objektiven" Blick von außen, Pizarnik spiegelt sich im Zitat eines Jugendfreunds: "Das ist Alejandra, das begabteste Mädchen der Welt. Sie hat alles, was Gott einem menschlichen Wesen schenken kann, trotzdem ist sie immer traurig." Im Rückblick auf ihre Situation als junge Dichterin in Buenos Aires liefert Pizarnik in ihrem Pariser Tagebuch 1963 eine treffende Analyse: "Was ich gern wollte, ist, dass mein Buch von der Promiskuität und dem zermalenden Bewusstsein einer einsamen, jungen Frau spricht, die voll ist von den Klischees der Einsamkeit."

Und immer wieder Rimbaud

Sicherlich gehört Pizarnik zur letzten Generation lateinamerikanischer Literaten, die in Paris die eigentliche Hauptstadt der lateinamerikanischen Intellektuellen sehen. In Octavio Paz findet sie Unterstützung. Er schreibt 1962 das Vorwort zu ihrem Gedichtband Dianas Baum. Auch Julio Cortázar bildet ein wichtiges Gegenüber. Im Nachruf auf Alejandra Pizarnik schreibt er: "Es reicht, sie zu nennen, und in der Luft erzittern Poesie und Legende". Dennoch bleiben die aufregenden Pariser Jahre von Einsamkeit und Isoliertheit geprägt, von Freunden und Kollegen grenzt sie sich ab: "Meine jungen Avantgardefreunde sind genauso konventionell wie die Literaturprofessoren. Und wenn sie Rimbaud lieben, dann ist es wegen dem, was Rimbaud gelitten hat, es ist wegen der Entzückung, die ein paar Wörter in ihnen erzeugen, die sie niemals verstehen werden."

Sehr gern wäre die junge Dichterin bei einem Meister in die Schule gegangen, wie sie 1963 in Paris notiert: "Eines gibt es, das mich fasziniert hätte: einen Meister zu haben, ich wäre gern in seine Werkstatt gegangen, hätte handwerkliche und metaphysische Dinge erlernt und über sie meditiert." Wie Arthur Rimbaud, der in Paul Verlaine seinen Meister und Freund fand? Auf Rimbauds Genie kommt Pizarnik immer wieder zu sprechen: "Rimbaud hatte keinen Schreibtisch. Darum hat es auch nie wieder einen wie ihn gegeben. Alle wollen Rimbaud sein, aber mit Schreibtisch. Quant à moi: Ich will meinen Plan erfüllen. Und, vor allem dreißig werden."

Entdeckung durch die Frauenbewegung

Ohne die Frauenbewegung und das Interesse für weibliches Schreiben in den siebziger und achtziger Jahren wäre Alejandra Pizarnik weder entdeckt noch Legende (ge)worden. Über die Schwierigkeiten, die sie als Frau zu bewältigen, den Preis den sie im sich modernisierenden, aber weiterhin patriarchal orientierten Argentinien, zu zahlen hatte, als sie als Dichterin nach öffentlicher Anerkennung strebte, erzählt ihr Tagebuch. Neben den konkreten materiellen Hindernissen, sind es vor allem die fest gefügten Frauenbilder, denen sie im Schritt von der Privatheit in die Öffentlichkeit begegnet. Beredtes Zeugnis dieser Situation liefert die Eintragung vom 5. Juli 1955 über das Alltagsleben in Buenos Aires: "Ich kann nicht eine Stunde in einem Cafe sitzen, ohne dass jede Minute zwei kleine machos auftauchen, um das Dasein zu stören, das dieses arme Weib zu führen wünscht." Öffentlichen Raum zu gewinnen, heißt für die Generation Pizarniks, vorhandene Frauenbilder aufzugreifen und produktiv umzusetzen. Als Vorbilder dienen die "Schwestern Brontë", die chilenische Dichterin und Diplomatin Gabriela Mistral, die argentinische Dichterin Alfonsina Storni, sowie Sappho und auch Rosa Luxemburg. In Pizarniks Gedichten wird das Private zum öffentlichen Ereignis. Über diesen Schritt schreibt sie geradezu programmatisch in einem ihrer letzten Gedichte: "Könnte ich doch nur in Ekstase leben, indem ich den Körper des Gedichts aus meinem Körper mache."

Die bewusste Entscheidung, aus dem Privaten in die Öffentlichkeit zu treten, hat, wie bei Alejandra Pizarnik beispielhaft zu sehen ist, seine Kehrseite: Das öffentliche Interesse an Frauen, die sich ins Rampenlicht begeben, zielt zumeist einzig auf das Private. Die Betonung des rein Biographischen, der Lebensform statt des künstlerischen Schaffens, des Werks zwingt geradezu zur Inszenierung, ermöglicht zugleich aber auch die bewusste Selbstinszenierung. Von Frauen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen, wird erwartet, dass sie es publikumswirksam in Szene setzen, ihre Biographie zu einer Art Legende ausgestalten, die dann untrennbar mit dem Werk verschmilzt beziehungsweise als das eigentliche Werk gilt. Alejandra Pizarnik gelingt es, sie wird zur Legende einer Dichterin. Doch zahlt sie dafür einen hohen Preis.

Aus der Reihe feministischer Lektüren Pizarniks sind die Arbeiten der argentinischen Literaturwissenschaftlerin Silvia Molloy hervorzuheben. In ihrem Essay Von Sappho zu Baffo - der Umgang des Sexuellen bei Alejandra Pizarnik arbeitet sie die feministische Haltung der Dichterin heraus. Das heißt, in erster Linie dem normativen Blick auf sexuelle Praktiken entgegenzuwirken. Molloys Lektüre widerspricht gängigen Interpretationen, die in Pizarnik Frauenfiguren, zum Beispiel in der blutrünstigen Gräfin aus der Erzählung gleichen Titels La condesa sangrienta (1971), das Modell des "lesbischen Bösen" alias Baudelaire sehen. Dieser weibliche Vampir sei keine Figur, die Schrecken verbreite, sondern konzipiert um die Öffentlichkeit zu provozieren, herauszufordern. Anders als Rimbaud, der von seinen Reisen nach Frankreich zurückkehrte, "um einen schönen Tod zu sterben", kehrt Alejandra Pizarnik nach Buenos Aires zurück, um einsam zu schreiben und zu leiden.

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In einem Anfang war die Liebe Gewalt von Alejandra Pizarnik, 2007, Amman2.)

In einem Anfang war die Liebe Gewalt.
Tagebücher von Alejandra Pizarnik (2007, Ammann - Übertragung
Klaus Laabs)
Besprechung von Jan Wagner in der Frankfurter Rundschau, 9.5.2007:

"Die Wörter, diese Hunde"
Mit bestürzender Zwangsläufigkeit laufen die Tagebücher der Dichterin Alejandra Pizarnik auf ihren Selbstmord zu

"Plötzlich wundere ich mich über alles, was ich getan habe. Über mein Geschreibsel. Eines Tages wird es im Museum eines psychiatrischen Instituts ausgestellt sein. Daneben ein Schildchen: Gedichte einer neunzehnjährigen Kranken. Unfähigkeit zum logischen Denken. Hat niemals meditiert. Niemals reflektiert. Nicht ein einziges Mal nachgedacht. Scheint sensibel zu sein. Neigung, sich für genial zu halten. Aggressiv. Komplexbeladen. Lasterhaft. Beißt nicht."

Es mag sein, dass solche Schübe von Selbstzweifel nicht wenigen 19-Jährigen eigen sind und sie ihren Tagebüchern ganz ähnliche, wenn auch vielleicht weniger präzise und mit weniger Selbstironie formulierte Passagen anvertrauen. Doch die Gedichte Alejandra Pizarniks, die just zum Zeitpunkt dieses Eintrags erstmals in Buchform publiziert wurden, liefen nie Gefahr, als bloße Zeugnisse einer reizbaren Psyche in den Krankenakten zu landen oder gar dem Vergessen anheimzufallen, ganz im Gegenteil: Pizarnik, die als Tochter jüdischer Emigranten aus der Ukraine in Buenos Aires geboren wurde, dort behütet und vielsprachig aufwuchs und früh zu dichten begann, wurde rasch als großes Talent erkannt und nahm schon sehr bald eine zentrale Stellung in der literarischen Szene Argentiniens ein. Förderer wie Italo Calvino und Octavio Paz setzten sich für sie ein, fünf weitere Gedichtbände folgten ihrem Debüt, bevor sie sich im September 1972 im Alter von nur 36 Jahren das Leben nahm.

Vor fünf Jahren publizierte der Ammann Verlag erstmals alle zu Lebzeiten erschienenen Gedichte in einer zweisprachigen Ausgabe unter dem Titel Cenizas - Asche, Asche. Nun lässt sich mit der Herausgabe ihrer Tagebücher der Nährboden von Pizarniks Poesie erkunden: 20 Schreibhefte, sechs mit der Maschine geschriebene Manuskripte und zahlreiche lose Blätter, auf denen die Dichterin ihre "beißende, verwirrte Innerlichkeit" zu fassen suchte, und deren Zentrum, wie in den Gedichten, der alles beherrschende Todeswunsch ist.

"Todglücklich" in Paris

Mit bestürzender Zwangsläufigkeit scheinen die Tagebücher von Anfang an auf Pizarniks Selbstmord zuzulaufen. "Da ist auch ein großes Verlangen, zu schlafen und nie wieder aufzuwachen", schreibt sie schon 1957, 14 Jahre, bevor ein erster Versuch mit Tabletten scheitert. Und selbst während ihrer in Paris verbrachten Jahre, fern vom mal verachteten, mal widerwillig geschätzten Argentinien, in einer Zeit, in der sie, wie sie selber rückblickend erstaunt feststellen muss, kein einziges Mal ernsthaft krank war, mag sich Pizarnik doch allerhöchstens als "todglücklich" bezeichnen.

In der Literatur sucht sie Rettung und Ruhe, in den eigenen Gedichten (und in dem Gedanken an den Roman, den sie zeitlebens zu schreiben wünscht und doch nicht schreiben kann, weil die Prosa ihr zu fremd ist) - und in den Werken anderer. Pizarnik bewältigt ein enormes Pensum an Lektüre: Neruda, Apollinaire, Joyce, Julien Green, dazu die Klassiker, Cervantes und die gesamte spanische und argentinische Literatur - und immer wieder Kafka, den sie bewundert, dessen Tagebücher sie immer wieder studiert und dem sie sich nahe fühlt.

Tatsächlich fällt es schwer, nicht Kafkas berühmten Eintrag "Im Kino gewesen. Geweint" mitzulesen, wenn Pizarnik von einem Abend in Paris berichtet: "Im Theater habe ich niemanden angeschaut, das heißt, ich habe den gesamten Abend - in den Pausen - auf den Boden oder zur Decke geschaut, weil jedes menschliche Gesicht in mir das Verlangen auslöste, in Schreien und Tränen auszubrechen." Sie liest, und sie wird gelesen - Yves Bonnefoy schreibt ihr, "Octavio" wird des öfteren erwähnt, sie trifft Marguerite Duras, von der sie, weil sie ihr zu sehr im Einklang mit der Welt zu sein scheint, maßlos enttäuscht ist. Sie verachtet die literarische Szene, all die hommes de lettres und den schönen Stil; ihr Antrieb ist die Angst, die eigene Zerrissenheit, ihre Gedichte sind keine Kunstwerke, sondern ein Mittel zum Leben, zum Überleben: "Ich werde nicht schreiben, bevor nicht mein Blut explodiert", heißt es an einer Stelle - was vielleicht nicht zufällig an die berühmte Definition Emily Dickinsons denken lässt: "If I feel physically as if the top of my head were taken off, I know that is poetry".

Pizarniks Analysen anderer Autoren, ihre Leseeindrücke, ihre Kritik sind höchst subjektiv, weil von den eigenen seelischen Bedürfnissen und Stimmungsschwankungen abhängig, aber immer aufschlussreich. Ihr scharfsinniger Humor, der trotz aller fundamentalen Traurigkeit immer wieder aufblitzt, führt zu hinreißenden Sentenzen: "Rimbaud hatte keinen Schreibtisch. Darum auch hat es nie wieder einen wie ihn gegeben. Alle wollen Rimbaud sein, aber mit Schreibtisch."

Trotz der literaturkritischen und poetologischen Passagen aber, und obwohl Pizarnik Treffen mit Freunden und Bekannten beschreibt, Arztbesuche und Psychoanalysesitzungen verzeichnet, Namen und Orte nennt, kreisen die Tagebücher doch immer vor allem um "die riesige Wunde", als die sie sich selber empfindet. Das Äußere ist nur von Belang, als es die eigene Befindlichkeit, das eigene Leiden beeinflusst: "Ich wollte nicht nach Pompeji mitfahren. Anstelle einer Geisterstadt nahm ich mit meinen Geisterlieben vorlieb". Auch von Buenos Aires, von Paris erfährt der Leser wenig, ebenso wenig von den Lebensumständen der Dichterin. So oberflächlich diese Details angesichts des qualvollen Ringens Pizarniks um Standhaftigkeit, um die Sprache, um "die Wörter, diese Hunde" auch erscheinen, es wäre doch für die mit ihrem Leben und Werk unvertrauten Leser hilfreich gewesen, die Tagebucheinträge, die täglichen Anstrengungen anhand einer beigegebenen Chronologie, eines Lebenslaufes der Lyrikerin einordnen zu können.

Doch auch so bilden die Tagebücher eine eindringliche, bedrückende Lektüre, sind sie Dokument einer hochsensiblen, fiebrigen Persönlichkeit, die zwischen Selbstdemütigung und Überheblichkeit schwankt, zwischen sexuellem Begehren und Niedergeschlagenheit, Exzess und Schuldgefühl, Ekel und Zerknirschung - Gefühle, die nicht nur in den Gedichten, sondern schon hier mit einem unbedingten Sprachwillen zu Literatur werden, zur Dichtung geschliffen werden: "Doch das Schweigen ist so gewiss, so wahrhaftig. Darum schreibe ich. Ich bin allein und schreibe. Nein, ich bin nicht allein. Jemand - womöglich viele - zittert neben mir. Menschen, die ich geliebt habe." Mehrere Male wird diese Passage wieder aufgegriffen, umformuliert - und taucht schließlich, leicht gekürzt, in einem Gedicht wieder auf.

Mit den Jahren fallen die Notate immer spärlicher aus. 1971, das Jahr, in dem sie zwei Selbstmordversuche mit Tabletten und Gas unternimmt, umfasst nur noch wenige Seiten, 1972 verstummt die Tagebuchschreiberin endgültig - fehlende Blätter als letzte Konsequenz jenes Satzes, den die 18-Jährige gleich zu Beginn ihrer Aufzeichnungen notiert hatte: "Ich muss schreiben oder sterben. Ich muss Hefte vollkritzeln oder sterben".

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