In Deutschland leben.
Ein Gespräch von Said mit Wieland Freund (2004, Beck).
Besprechung von as in Neue Züricher Zeitung vom 24.07.2004:

Wer ist hier der Fremde?

Die eigene Kultur und Gesellschaft im Auge eines von aussen kommenden Betrachters gespiegelt zu sehen, ist eine verlockende, gelegentlich auch irritierende Prüfung. Wenn der iranische Lyriker Said sich von Wieland Freund, dem Münchener Kulturkorrespondenten der «Welt», zu deutschen Themen befragen lässt, verschieben sich freilich die Rollen: Der Dichter, der seine Heimat 1965 verlassen hat und seither in Deutschland lebt, kennt das Land aus längerer unmittelbarer Erfahrung als sein 1969 geborener Gesprächspartner. So weiss Said über «68 und die Folgen» aus erster Hand Bescheid zu geben: Der Beginn der Bewegung in Deutschland fiel zusammen mit den Demonstrationen gegen einen Besuch des Schahs von Persien, an denen teilzunehmen der junge Said - der in seiner Heimat die Allmacht des Regenten hautnah miterlebt hatte - als einen Moment der persönlichen Befreiung erlebte. Freilich kommen in der Folge auch die zunehmend autoritären, ausgrenzenden Strukturen der als «antiautoritär» proklamierten 1968er Bewegung zur Sprache; und Freund insistiert auf noch ungemütlicheren, wenn auch nicht wirklich konkretisierbaren Bezügen, indem er Gerd Koenens These aufgreift, die Revolutionäre von 1968 hätten sich «ein Stück von phantastisch nachgeholter Weltkriegserfahrung» sichern wollen. - Weiter finden sich in dem Buch Gespräche über Literatur und Politik, über die Wiedervereinigung und die damit verbundene Aufbruchszeit sowie Saids Definition des «typisch Deutschen», die den Ordnungssinn der Nation pointiert, aber liebevoll aufs Korn nimmt. Flankiert werden  die Gespräche von drei autobiografischen Texten; hier passen die einführenden Erinnerungen an Saids «Grenzgänge» zwischen Iran und Deutschland und seine zögernde, aber dauerhafte Quartiernahme in der deutschen Sprache eher in dieses sachorientierte Bändchen als der letzte, inhaltlich wie auch in seinem literarischen Anspruch nicht ganz überzeugende Versuch einer Selbstverortung in Europa.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0804 LYRIKwelt © NZZ