In den Gedächtnisfächern von Walter Neumann, 2006, AlliteraIn den Gedächtnisfächern.
Frühe Gedichte 1961-1977 von Walter Neumann (2006, Allitera Verlag).
Besprechung von Ludwig Steinherr, Herbst 2006:

In den Gedächtnisfächern 
Der Lyriker Walter Neumann, dessen leise und beharrliche Stimme in der deutschen Poesie seit Jahrzehnten präsent ist, wurde am 23. Juni 80 Jahre alt.

Grund genug, daß er nun noch einmal zurückblickt - und sichtet, was sich "In den Gedächtnisfächern" gesammelt hat.

Zum großen Glück für diesen eben erschienenen Geburtstagsband handelt es sich dabei nicht um den Versuch eines Lebensresümees - es ist einfach eine Sammlung früher Gedichte aus den Jahren 1961 bis 1977, in denen das Thema Erinnerung wohl anklingt, doch ohne jede Sentimentalität und Verklärung. Illusionslos, mit der kühlen Stimme der Lebensmitte gesprochen, heißt es zur Lektüre in alten Manuskripten: "Hoffnungen wurden nicht erfüllt,/ was du liebtest, wandte sich ab von dir."

Oder wenn ein Gedicht anhebt "Einmal waren die Sommer schöner -", so wird die in der Anfangszeile scheinbar beschworene Idylle gleich wieder zerstört: "Wir vergaßen freilich die Henker, /die manchmal durch unsere Dörfer kamen. /Wir wußten nichts mit ihnen anzufangen./ Sie waren freundlich und ließen uns leben."

Auf ebenso einfache wie subtile Weise gelingt es hier, zwei sich ausschließende Wirklichkeiten - die schöne Kindheit in Riga und die Realität des Nationalsozialismus - übereinanderzublenden und ohne Verfälschung in ihrer Gleichzeitigkeit auszuhalten.

Während in manchen der frühesten Verse noch Spuren von naturmagischer Lyrik zu finden sind ("Tage mit Trauer beladen/ treiben ums Sonnenriff"), auch Ingeborg Bachmann anklingt ("Im Sprachland"), dominieren in den Siebzigern bald härtere Töne in knappen, klaren Texten, die durchaus eine Nähe zum politischen Gedicht Bertolt Brechts verraten: "Paraphrase// Was sind das für Zeiten, wo/ Brüder einander niederschlagen,//weil ihr Schrittmaß/ nicht gleich ist."

Wenngleich also Walter Neumanns Lyrik durchaus im Kontext der jeweiligen Zeitgenossenschaft steht und sich mit ihr verändert und entwickelt, bleibt doch stets auch eine spürbare Distanz zum literarischen Tagesgeschehen.

Die Ernsthaftigkeit und Kompromißlosigkeit seines existentiellen, auch religiösen Fragens behütet ihn davor, in der Naturlyrik nur Naturlyrik und in politischen Gedichten nur politische Gedicht zu schreiben. Nie läßt er sich ganz mit einer Strömung ein, immer bleibt er auf der Schwelle, wie in dem bewegenden Gedicht "Antwort// Liebe und Wahrheit: / Zwei Schwellen, kein / Haus."

Sehr eindrucksvoll belegt dieser Band, daß Walter Neumann durch alles Zeitgeschen und durch alle dichterischen Moden hindurch sich eine unverwechselbare Stimme erhalten hat.

So wirken diese Verse an keiner Stelle verstaubt. Auch wenn sie aus "Gedächtnisfächern" stammen - die Tinte ist frisch und leuchtend. Sie könnten eben erst entstanden sein.

Leseprobe I Buchbestellung 1106 LYRIKwelt © Ludwig Steinherr