In den ägyptischen Filmen.
Gedichte von Joachim Sartorius (2001, Suhrkamp, Nachwort Cees Nooteboom).
Besprechung von Angelika Overath in Neue Zürcher Zeitung vom 24.01.2002:

Die Aporien geteilter Intimität
Gedichte von Joachim Sartorius

«Weil die Sprache von allen die Sprache von niemandem ist, muss man sich eine Sprache finden, um das Intime - den toten Punkt aller positiven Diskurse - zu verbalisieren.» Mit diesem Satz beginnt die Annäherung an die ziemlich grundsätzliche Frage, was denn ein Gedicht sei. Vermutlich muss jede Generation von Lyrikern sie sich neu stellen. Joachim Sartorius tut es im Vorwort seines «Atlas der neuen Poesie». Diese 1995 erschienene Anthologie, in der er 65 Lyrikerinnen und Lyriker aus 36 Ländern versammelt, wurde für die Epoche der jüngeren Lyrik nach 1960 zu jenem Standardwerk, das Enzensbergers «Museum der modernen Poesie» für die klassische Moderne bis 1945 ist.

Vornehmerweise fehlte im Atlas die Stimme des Herausgebers selbst, obwohl Sartorius damals bereits zwei Lyrikbände veröffentlicht hatte; ein dritter war in Vorbereitung. Nun ist eine schmale Auswahl mit früheren und bisher unveröffentlichten Gedichten erschienen. Wenn Gedichte «wie Strom, wie Tankstellen» zur Verfügung stehen müssen, so ist dieses Bändchen eine sichere Energiequelle. Es passt in jede Manteltasche, als ein Gegengift, eine Kapsel reinen Sauerstoffs.

Expedition in die Sprachwelt

Das Verblüffendste ist, dass die Texte wirken, auch wenn - zumal beim ersten Lesen - durchaus nicht immer klar ist, von was sie handeln. Sie bestechen durch Sprachtrotz. Die Gedichte beschreiben die paradoxe Loslösung vom allgemeinen Sprechen, in dem die Empfindungsschocks und -irritationen nicht mehr auszusprechen sind, bei einer gleichzeitigen unbedingten Annäherung an die zu vermittelnde Erfahrung. Komplizierend wirkt dabei, dass - wie bei aller modernen Poesie - die Sprache selbst ein Feld des Erlebens wird. Wenn aber Sprache «Hinterland» ist, das es zu bereisen gilt, «oder besser Tiefsee», die zu ergründen ist, dann sind die toten und lebenden Dichterkollegen immer auch heimliche Teilnehmer der persönlichen Sprachwelt-Expedition. Sie prägen das Gelände mit; man wird sich auf sie berufen, man wird sie anrufen, John Ashbery zum Beispiel, Wallace Stevens... Fortsetzung

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