In Begleitung des Windes von Abbas Kiarostami, 2004, SuhrkampIn Begleitung des Windes.
Gedichte von Abbas Kiarostami (2004, Suhrkamp - Übertragung
Shirin Kumm und Hans-Ulrich Müller-Schwefe, Nachwort von Peter Handke).
Besprechung von Angela Schader in Neue Züricher Zeitung vom 06.01.2005:

Nach-Bilder
Der iranische Regisseur Abbas Kiarostami als Lyriker

«Meine Bäume». Ein paar wenige von ihnen, vom oberen Bildrand zu abstrakten Fragmenten beschnitten, wie Schriftzeichen im Schnee. Ein schiefes Stämmchen eng in die linke untere Ecke gelehnt, und auf der weiten, weissen Fläche nur ein einzelner kleiner Baum; wie auf Zehenspitzen vorgebeugt mit dem vom Stämmchen wegziehenden Schwung eines Hauptasts, zwei Seitenzweige hochgereckt, als riefe er in die Leere hinein.

Nicht wenige der Fotografien aus der Serie «Meine Bäume» suggerieren solche Beziehungen und Bewegungen: Ist dies darauf zurückzuführen, dass ein Meister des bewegten Bildes hinter der Kamera steht? Die Schwarzweissaufnahmen des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami sind jedenfalls eine Entdeckung für sich - und nicht allein im artverwandten Kontext eines filmischen Œuvres, das den Menschen immer wieder auf die ins Hier und Jetzt gebundene Essenz des Lebens zurückverweist: «Wenn wir die Natur mit uns nehmen könnten», sagt Kiarostami in einem Interview, «dann würde der Tod jede Bedeutung verlieren.» Die kargen Aufnahmen könnten auch eine Art Brücke darstellen zwischen Kiarostamis Filmen und seinen Gedichten, die, im persischen Original 1999 veröffentlicht, nun auch deutschsprachigen Lesern zugänglich sind.

Gegenwartsferne

Eidola, kleine Bildchen, nennt Peter Handke diese Dichtungen in seinem Nachwort, welches Kiarostamis Lyrik konzis, aber nicht undifferenziert, in literarischen Kontexten verortet; nahe dem japanischen Haiku, wesentlich ferner der klassischen persischen Lyrik - wobei schon auffällt: Moderne, zeitgenössische Parameter werden hier nicht angelegt. Kein Wunder, wenn in 220 Gedichten gerade einmal ein Jet den Himmel kreuzt und die aufheulende Lokomotive ihre Abfahrt verzögert, weil ein Schmetterling auf den Schienen ruht.

Die Gesetzlichkeiten des japanischen Vorbilds hält Kiarostami vielleicht nicht in der exakt bemessenen Silbenzahl, wohl aber im Blick auf grundlegende Kriterien ein. Das einzelne Gedicht entfaltet sich aus dem Momenthaften, Gegenwärtigen; Naturphänomene und der - freilich zunehmend sprunghafte - Wechsel der Jahreszeiten schaffen die Textur der Sammlung. Episodisch, stellenweise verdichtet, sind menschliche Figuren eingewoben, so dass sich da und dort sogar die Gedichteinheit übergreifende Erzählbögen andeuten: Wiederholt tritt ein Grüppchen Nonnen ins Bild, manchmal stolpernd auf dem Pfad zu Demut und klösterlicher Zucht; eine Familie in dumpfer Hütte, wo bald ein weiterer hungriger Mund zu füttern sein wird; ein Kind auf dem Schulweg, malend neben der Lampe, krank hinterm Fenster; der Ich-Sprecher schliesslich, der die in seinen Gedichten gefassten Phänomene erneut in Frage stellen muss: «Wenn ich es recht bedenke / Verstehe ich nicht / Warum der Schnee so weiss ist».

An zwei vom Sujet her fast identischen Schnee-Gedichten lassen sich auch die qualitativen Unterschiede aufzeigen, die in dem Band öfters spürbar werden. «Es schneit / Schneit / Schneit / Der Tag geht zu Ende / Es schneit / Die Nacht»: Hier wird mit minimalen Mitteln nicht nur die dämpfende Stille des Schneefalls evoziert, der Konturen, Geräusche, Zeit zu absorbieren scheint; fast filmisch ruft der Schluss des Gedichts den verwirrenden Eindruck hellen Flockenwirbels vor dem Nachthimmel vors Auge, der irgendwo im visuellen Gedächtnis des Lesers abgelegt sein mag, ohne dass man das Phänomen je bewusst registriert hat. «Es schneit / Aus einer schwarzen Wolke / Schneeweiss» dagegen bleibt flach - als Bild wie als Aussage.

Zwei Herbstgedichte zum weiteren Vergleich: «Das Platanenblatt / Fällt sanft / Und liegt / Auf dem eigenen Schatten / In der Mitte des Herbsttags». Hier bringen die Schlusszeilen das beobachtete Phänomen - das auf dem eigenen Schatten ruhende Blatt -, die Tageszeit und die Stimmung eines windstillen, sonnigen Herbsttags vollendet zur Deckung. «Rhabarber und Gebirgsklee / Plaudern miteinander / Sie schätzen / Den milden Sonnenstrahl des Herbstes» - das ist die ins Menschliche einbezogene Natur, wie man sie aus den Versen des Haiku-Meisters Issa kennt; aber um die ein, zwei entscheidenden Striche überzeichnet, die den feinen Humor, der die Gedichte des Japaners prägt, ins Illustrative und allzu Gefühlige kippen lassen... Fortsetzung

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