In Amerika von Susan Sontag, 2002, HanserIn Amerika.
Essay von Susan Sontag (2002, Hanser).
Besprechung von
Christine Diller aus dem Münchner Merkur, 19.3.2002:

Das Idol eines fernen Landes
Tragikomödie und geistreicher Essay: Susan Sontags Roman ''In Amerika''

Manchmal ist es eine Ausflucht, sich bei der Beschreibung von komplexen Eindrücken mit der Aufzählung von Gegensätzen zu behelfen. Hier aber rechtfertigt es das Kunststück selbst, das Susan Sontag gelungen ist: Ihr Roman "In Amerika", der jetzt auf Deutsch vorliegt, vereint Gegensätzlichstes. Das ist natürlich auch deshalb möglich, weil sich auf fast 500 Seiten eine Vielzahl von Erzählformen unterbringen lässt.

Vor allem aber liegt es am Charakter der zentralen Figur, die für ihre Freunde den Mittelpunkt der Welt darstellt, ihren Verehrern unersetzliches Idol ist, die in allen Theaterstücken die Heldin spielt und sich in den Herzen amerikanischer Theaterfreunde die Königsloge sichert: Die polnische Schauspielerin Maryna Zalezowska, deren Name im Polnischen mit einigen Akzenten geschmückt ist, die in ihrer neuen Heimat Amerika aber keiner aussprechen kann.

Natürlich glaubt Maryna nicht, was Kritiker schreiben, "zumal, wenn es aus nichts anderem als Lob bestand, und dann auch noch wegen völlig gegensätzlicher Eigenschaften". Und die hat sie nicht nur auf der Bühne: Ihren Diva-Hofstaat braucht sie so sehr wie die einsamen Ausflüge in Berge und Wüsten. Bei ihrem Ehemann fühlt sie sich so geborgen wie ungebunden bei ihren Verehrern. Und die extravagante Lebensweise als Nationalheldin des besetzten Polen um 1876 verachtet sie so sehr wie die Unfähigkeit, in Südkalifornien mit einer Kommune eine Ranch zu betreiben. Einen Traum erfüllt sie sich mit diesem Versuch einer Pastorale. Dass er aus ideellen und materiellen Gründen scheitert, macht sie im Amerika der unendlichen Möglichkeiten als Schauspielerin größer denn je.

Der Traum Susan Sontags, selbst Nachfahrin polnischer Juden, war es, ein Buch über Amerika als Einwanderungsland zu schreiben. Und er ist nicht gescheitert, immerhin erhielt sie den National Book Award für den historischen Roman, in dem sich die Einwanderer-Mentalität in dem Theatersujet mit seinem Wechsel von Rollen, Identitäten und Lebensentwürfen vielfach spiegelt. In einem fernen Land und einem noch ferneren Jahrhundert, dem 19., spielt die Story und ist durch viele Verweise auf Europa doch ganz nah. Fremd wirkt die willensstarke, freigeistige polnische Diva, die genauso stark zweifeln oder an ihrer persönlichen Moral festhalten kann und den Ratschlägen des Ehemanns fast blind vertraut. Aber so allgemein gültig wie Sontag sie beschreibt, wird sie auch zum bekannten Archetypus einer weiblichen Selbstverwirklichung. Natürlich hat Sontag für derart konträre Perspektiven ihre Mittel: Wie sie in Kapitel Null eine Beobachterin ihren Figuren annähert und zur Erzählerin macht, so entfernt sie sie am Schluss mit einem langen Monolog eines Schauspielers, in dem das Bild der Maryna noch einige Male aufblitzt. Dazwischen aber führen Briefe Marynas in deren Innerstes, Tagebuchaufzeichnungen ihres Mannes zeichnen sie von Außen, eine ganze Passage Dialogrepliken bei einem Polenbesuch machen Maryna zu ihrer eigenen Parodie.

So fließend geht alles trotz formaler Brüche ineinander über, dass das Buch zum inneren Film wird, der noch weiterläuft, wenn der Roman längst und leider zu Ende ist. Denn das Amerika der Maryna wird einem zur Lektüre-Heimat, zugleich ist es fiktive Biografie, Tragikomödie und geistreicher Essay über Mentalitäten, ein Buch wundersam vereinter Gegensätze.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

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