1.) - 2.)

Im Zaubergarten. Thomas Mann in Bayern.
Buch von Thomas Mann (2005, Beck, hrsg. von Dirk Heißerer).
Besprechung von Christine Diller im Münchner Merkur, 3.6.2005:

Der Überbietungskünstler in Bayern
Buchempfehlungen zum 130. Geburtstag und 50. Todestag Thomas Manns

Gleich zwei "runde" Daten machen 2005 zum Thomas-Mann-Jubiläum: Am 6. Juni vor 130 Jahren wurde der spätere Nobelpreisträger geboren. Am 12. August jährt sich zum 50. Mal sein Todestag. Und wie so oft in der zweiten Lebenshälfte der beiden Brüder müsste jetzt der vier Jahr ältere Heinrich Mann bei aller Kritik am geliebten kleinen Bruder wieder einmal anerkennen, dass Thomas literarisch der Größere von beiden ist. Denn es sind dessen Lebensdaten Anlass für das Buch "Thomas Mann - Heinrich Mann" , das die Biografien der "ungleichen Brüder" in Bezug zueinander, in der Auseinandersetzung miteinander, dem Kampf gegeneinander schildert. Helmut Koopmanns umfangreiche biografische Analyse beider Lebenswerke ist eine detaillierte germanistische Darstellung.

Das Spannende und Interessanteste an diesem Ansatz ist: Das Schaffen Thomas Manns wird nicht aus sich heraus erklärt, der "Zauberer" nicht, wie so häufig, als geheimnisvoll unabhängiger, von einem Genius beseelter Dichter beschrieben. Sondern er wird in einem sehr weltlichen, familiär begründeten, zum Teil auch unschönen Beziehungsmuster erkennbar. Da begegnet dem Leser, belegt durch Briefzitate und Tagebuchaufzeichnungen, ein junger Thomas, der den Bruder so sehr bewundert, dass er alles besser machen will als dieser. Mit "Überbietungskunst" beschreibt Koopmann Thomas Manns Anfänge, in denen der "Anti-Heinrich" Themen des Bruders übernimmt, um sich dann aber an einer neuen Umsetzung des Stoffes zu erproben. Da nimmt Heinrich ihn noch gar nicht recht ernst.

Das ändert sich spätestens mit der ersten großen Verstimmung 1903, als die beiden sich ihrer Konkurrenz bewusst werden und mit Kritik am anderen nicht sparen. Mit "Die Jagd nach Liebe" schreibt Heinrich Mann eine Antwort auf "Die Buddenbrooks" und kritisiert in deren Bürgerlichkeit auch die Kunstauffassung des Bruders. Doch Koopmann bleibt bei seiner akribischen Untersuchung freilich nicht bei ganz persönlichen Animositäten stehen. Als das Trennende zwischen dem Brüderpaar arbeitet er auch das unterschiedliche Deutschlandbild heraus: "Später Zorn" über sein Land und dessen Geschichte habe Thomas Mann erfasst, während Heinrich in seiner Kritik des Zeitalters Wilhelms II. ein "ein früher Zweifler" und Skeptiker gewesen sei.

Klar wird, über die doch streckenweise etwas diffus anmutende Darstellung aller Einzelheiten hinweg: Bei allen berechtigten Einwänden und Ungerechtigkeiten gegeneinander waren besonders für Thomas Mann die Herausforderungen durch seinen Bruder, an denen er sich anfangs messen konnte, auch ein großes Glück.

Mit Dirk Heißerers leichtfüßigem, viel schmalerem Band "Im Zaubergarten" unterm Arm empfiehlt es sich, die Studierstube Koopmanns zu verlassen und sich in München und vielen Orten der Umgebung auf die Spuren Thomas Manns zu machen. Schon 1888 hatten seine Eltern den Urlaub an ihrem "Lieblingsaufenthalt" Kreuth verbracht. Auch Heißerer geht mit engen Bezügen zum Werk, zu Entstehungs- und Inspirationsorten und mit einigen zusammenfassenden Zeitsprüngen in groben Zügen chronologisch vor.

Da begleitet man Thomas Mann von der Wohnung der nach München übersiedelten Lübecker Senatorenwitwe Julia Mann, seiner Mutter, in seine Junggesellenunterkünfte, bei seinen Antrittsbesuchen im Palais Pringsheim an der Arcisstraße bis zur ersten gemeinsamen Wohnung mit seiner Frau Katia Pringsheim an der Franz-Joseph-Straße. Und so weiter - bis zur großbürgerlichen Villa, der berühmten "Poschi" im Herzogpark. Und bei Ausflügen und Sommerfrischen in Garmisch-Partenkirchen und Oberammergau, am Tegernsee oder in Weßling erschließt sich nicht nur unterhaltsam Thomas Manns Werk, sondern es lässt sich auch viel Heimatkundliches entdecken.

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2.)

Im Zaubergarten. Thomas Mann in Bayern.
Buch von Thomas Mann (2005, Beck, hrsg. von Dirk Heißerer).
Besprechung von Steffen Radlmaier aus den Nürnberger Nachrichten vom 9.07.2005:

Auf Thomas Manns Spuren in Franken
„Im Zaubergarten“: Ein Buch über das Leben des Nobelpreisträgers in Bayern

Im August jährt sich der Todestag von Thomas Mann (1875-1955) zum 50. Mal. Ein bisschen in Vergessenheit geraten ist die Tatsache, dass der Schriftsteller fast die Hälfte seines Lebens in Bayern verbracht hat. Der Münchner Literaturwissenschaftler Dirk Heißerer folgt in seinem gut recherchierten Buch „Im Zaubergarten“ den Spuren Thomas Manns in München und Umgebung, aber auch in Franken.

Aktualität gewinnt die Spurensuche auch durch das neu erwachte Interesse an der legendären Münchner Villa, in der die Familie Mann zwanzig Jahre wohnte. Das Haus wurde 1952 abgerissen, doch nun baut ein kunstsinniger Bankmanager auf dem Gelände an der Poschingerstraße eine Villa, deren Fassade aussieht wie das einstige Dichterdomizil. Ende des Jahres soll die Rekonstruktion fertig sein.

Die repräsentative Villa im feinen Stadtteil Bogenhausen war Entstehungsort von Weltliteratur und Schauplatz vieler Erzählungen des Nobelpreisträgers. Im Arbeitszimmer schrieb Thomas Mann den „Zauberberg“ und die ersten beiden „Joseph“-Romane. Die Villa selbst, die seine Kinder liebevoll „Poschi“ nannten, schilderte er in der Erzählung „Unordnung und frühes Leid“ als Ort der Geborgenheit.

München und Obernbayern spielen natürlich die Hauptrolle in Heißerers Buch, dokumentiert sind aber auch die Lesereisen nach Nürnberg, Coburg, Bamberg, Ansbach, Erlangen sowie eine „Gotteslästerung“ in Gunzenhausen. Durch die Freundschaft mit der Nürnberger Buchhändlerin Ida Herz entwickelte Thomas Mann ein persönliches Verhältnis zu Franken. Wenig bekannt ist die familiäre Verbindung der Manns mit Nürnberg. In dem Buch wird Viktor Mann zitiert: „Der Stammbaum der Manns weist in seiner ältesten Fassung - einer braun verschnörkelten Kielfederschrift - nach Nürnberg. Dort soll ein Ahne Gewandschneider gewesen sein.“

1919 kam Thomas Mann zum ersten Mal nach Nürnberg, residierte im Grand Hotel und hatte eine Lesung (aus „Herr und Hund“) vor 600 Zuhörern in der Landesgewerbeanstalt. Bei einem weiteren Besuch im Februar 1924 kam es in der Straßenbahn der Linie 21 zwischen Nürnberg und Fürth zu der folgenreichen Begegnung mit Ida Herz (1894-1984), die in den folgenden Jahren zu einer wichtigen Vertrauten des Schriftstellers werden sollte. Ihr ist es zu verdanken, dass zwei Drittel der Bibliothek von Thomas Mann die Zeit der Nazi-Diktatur und des Exils überdauert haben.

1930 hielt Mann in Ansbach einen Vortrag über August von Platen, 1931 im Erlanger Redoutensaal eine „Rede für Pan-Europa“. Die Veranstaltung endete mit einem Tumult, ausgelöst von pöbelnden NS-Studenten. Noch zwei Mal kam Mann nach Nürnberg: 1932 sprach er im ausverkauften Verkehrsmuseum über „Goethe’s Laufbahn als Schriftsteller“. 1949 kehrte er, sechzehn Jahre nach Beginn seines Exils, nach Deutschland zurück und besuchte dabei auch das zerstörte Nürnberg. Im Tagebuch vermerkt er: „Es war zum Weinen.“

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