Im Winter der Löwen von Jan Costin Wagner, 2008, Eichborn1.) - 2.)

Im Winter der Löwen.
Roman von Jan Costin Wagner (2009, Eichborn).
Besprechung von Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau, 30.01.2009:

Auf Nebenspuren
Jan Costin Wagners neuer Finnland-Krimi

Skandinavische Krimiautoren sind auf dem deutschen Markt besonders erfolgreich - es scheint aber auch überproportional viele gute zu geben. Das Letzte, was man da braucht - könnte man meinen -, ist ein Hesse, der finnische Krimis schreibt. Allerdings sind Jan Costin Wagners Romane um den jungen Polizisten Kimmo Joentaa so herausragend, dass es völlig egal ist, wo sie spielen, so lange sie es nur irgendwo tun.

Im ersten Buch stirbt Joentaas Frau an Krebs. Im zweiten und nun dritten - "Im Winter der Löwen" - macht ihn sein aus Trauer geborenes Fingerspitzengefühl zum besseren Ermittler. Immer noch ist er etwas neben der Spur; aber kann nicht eine professionelle Mordkommission jemanden vertragen, der über eher abgelegene Wiesen schlendert und dabei hübsche kleine Hinweise pflückt, die zuletzt den Gesamtermittlungsstrauß aufs Beste ergänzen?
Jan Costin Wagners Krimis sind trotzdem nicht von der ausschweifenden Art. Zügig - und elegant - bringt er die Handlung voran, in Dialogen zumeist, die nicht aussprechen, was nicht ausgesprochen werden muss: Welche Möbel bei jemandem rumstehen, welche Farbe die Haare des Verdächtigen haben. Wagner traut seinen Lesern was zu, und er nimmt im "Winter der Löwen" in Kauf, dass sie früh ahnen, wie sich das mit den ermordeten Talkshow-Gästen verhält - die den Tod gerade noch leicht genommen hatten.

Es macht gar nichts, die Lösung bereits zu vermuten. Spannung entsteht hier nur zum Teil aus der Frage: Wer war's? Viel interessanter sind die Beweggründe der Menschen - auch der Polizisten -, und wie ihre privaten Entscheidungen Rückwirkungen haben darauf, wohin ihre Ermittler-Gedanken sie führen. Und sei es die eher zufällige Wahl des Fernsehprogramms.

Jan Costin Wagner, geboren 1972, lebt inzwischen in Hessen und Finnland, und vielleicht gibt es seinen Romanen ja einen zusätzlichen Charme, wenn man sich in ihnen seehundbärtige, schwermütige Kaurismäki-Finnen vorstellt. Ganz zu schweigen von skandinavischer Winter-Dunkelheit, -Regen, -Kälte. Aber Wagner ist vor allem eben ein Meister der Seelenzustände, der mal mehr, mal weniger stillen und für die Umwelt bedrohlichen Verzweiflung. Und er hält, im Gegensatz zu vielen Krimiautoren, seinen Figuren stets die Türen offen zu anderen Entscheidungen, einem anderen Leben.

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Im Winter der Löwen von Jan Costin Wagner, 2008, Eichborn2.)

Im Winter der Löwen.
Roman von Jan Costin Wagner (2009, Eichborn).
Besprechung von Annette Wieland in der Westf. Rundschau, 15.04.2009:

Ermittlungen in Norwegen und Finnland

Prominente skandinavische Kommissare kommen in der Regel aus Dänemark und Schweden. Aber auch in Norwegen und Finnland wird gemordet. Dort sind meist etwas kauzige, ältere Ermittler im Einsatz, die auf eigenwillige Art ihre Kriminalfälle lösen. In diese Reihe passt Kommissar Gunnarstranda aus Norwegen ohne weiteres, während sein Kollege Kimmo Joentaa aus Finnland schwerer einzuordnen ist.

Der Norweger Kjell Ola Dahl lässt in „Blutfeinde" seinen Kommissar Gunnarstranda zum sechsten Mal in Oslo ermitteln. Ein Polizist, an des-sen Suspendierung Gunnar-stranda beteiligt war, wird ermordet. Erst mit der Aufklärung betraut, dann ins zweite Glied gestellt, wird er schließlich vom Fall abgezogen, weil die Kollegen ihm nicht vertrauen. Nun soll er mit seinem alten Kollegen Frohlich im Vermisstendezernat verschwundene Personen ausfindig machen.

Aber nicht Gunnarstranda! Als er feststellt, dass Verbindungen zwischen einem Vermisstenfall und dem Mord bestehen, beginnt er, wie zu erwarten, auf eigene Faust zu ermitteln - hart an der Grenze des Erlaubten. Spannend und nicht vorhersehbar nehmen die Ermittlungen ihren Lauf.

Nicht vorhersehbar ist auch der Handlungsverlauf in „Im Winter der Löwen" von Jan Costin Wagner, einem tatsächlich deutschen Autor, dem man den Finnen aber ohne weiteres abnimmt. Sein Protagonist, Kimmo Joentaa, schwebt förmlich durch das Geschehen. Ein Gerichtsmediziner und ein Puppenbauer werden ermordet. Bindeglied zwischen beiden ist eine Fernsehshow, in der sie gemeinsam zu Gast waren. Als auf den Moderator dieser Sendung ebenfalls ein Anschlag verübt wird, kommen die kriminalistischen Steine ins Rollen.

Erzählt wird in mehreren Strängen, wobei das Privatleben des Ermittlers wie auch der Täterin ausgebreitet wird. Wer es ist, wird schon nach wenigen Seiten klar, nur das Warum erschließt sich erst ganz zum Schluss. Die Story strahlt eine selbst für skandinavische Verhältnisse seltsame Kühle aus.

Während Dahls Kommissar durch das Geschehen prescht, wirkt Wagners Joentaa manchmal etwas zaghaft. Beide Bücher jedoch sind für Krimiliebhaber- und liebhaberinnen eine Bereicherung. Fortsetzungen erwünscht!

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