Im Wachs klirrt Leim.
Gedichte von Roswitha Klaushofer (2001, Aphaia Verlag).
Besprechung Christoph Janacs aus Rezensionen-online *LuK*:

Verdächtige Pracht? / Zu vier neuen Gedichtbänden

"Niemand weiß, was ein Gedicht ist", schreibt Peter von Matt im Eingangsessay seines 1998 erschienenen lesenswerten Buchs "Die verdächtige Pracht. Über Dichter und Gedichte" und fährt fort: »Aber alle wissen ganz genau, warum eigentlich keine mehr geschrieben werden dürften. Und da sie trotzdem noch geschrieben werden, wird bekanntgegeben, wann sie noch zulässig sind und worüber. Keinesfalls über Bäume, oder über Bäume erst recht. Keinesfalls über die Liebe, oder über die Liebe erst recht. Der Grundsatzstreit über die Gedichte unterscheidet sich in aufschlußreicher Weise vom Grundsatzstreit über den Roman. Beim Roman geht es immer um seine Möglichkeit, beim Gedicht um seine moralische Berechtigung.«

Und dies scheint, seltsam genug, ein deutsches, besser: ein der deutschsprachigen Kultur innewohnendes Problem zu sein. Im anglo-amerikanischen Raum keine Frage, ob und, wenn überhaupt ja, was man erzählen darf, soll, kann. Im spanischen und lateinamerikanischen Raum keine Diskussion über die Rechtfertigung von Poesie. Man erzählt einfach, und man schreibt selbstverständlich Gedichte; und man liest!

Warum dies so ist, darüber gibt es stets aufs Neue Rätselraten, Kundgebungen des Bedauerns und Erklärungsversuche; befriedigt hat mich noch keiner. Aber eine interessante Spur, die zu verfolgen es wert ist, hat Dietrich Schwanitz in seinem Vorwort zu Christiane Zschirnts jüngst erschienenem Buch "Bücher. Alles, was man lesen muß" gelegt: Bildung sei in nicht deutschsprechenden Ländern im 17. Jahrhundert mit sozialer Kultur verschmolzen (man denke an den gleichermaßen galanten wie gebildeten »gentleman« oder »gentilhombre« oder »homme de lettres«), in den deutschen Landen hingegen habe Bildung nie einen Sitz im wirklichen Leben gefunden, habe sich eine Kluft zwischen »Gebildeten« und »Ungebildeten«, Urbanität und Provinzialismus aufgetan – mit allen daraus bis heute resultierenden Konsequenzen.

Eine davon, so scheint es, ist die widersprüchliche Tendenz, daß immer weniger Lyrikbände veröffentlicht, gekauft, gelesen und rezensiert werden, die Lyrikproduktion in den Schreibstuben der etablierten, zukünftigen oder auch nie in die Öffentlichkeit tretenden DichterInnen hingegen unvermindert anhält. Was den LyrikerInnen bleibt, ist, einen meist kleinen Verlag zu finden, dessen Leiter verrückt, fanatisch und meist selbstausbeuterisch genug ist, um Gedichte zu publizieren.

Vier der AutorInnen, die in Salzburg geboren wurden oder zumindest einige Zeit dort lebten, haben einen dieser wenigen und ich meine: notwendigen Verrückten für ihre Gedichte gefunden; und dies zu Recht.

Daß Roswitha Klaushofer, 1954 in Salzburg geboren, seit 1976 in Zell am See als Instrumentallehrerin und Schriftstellerin lebend, noch nicht die gebührende Resonanz gefunden hat – trotz mehrerer Lyrikbände –, ist einerseits darauf zurückzuführen, daß sie ausschließlich Gedichte schreibt, und andererseits, daß diese bislang nur in Klein- und Kleinstverlagen, zum Teil in bibliophiler Form, publiziert wurden. Ihre Gedichte zeichnen sich durch eine ausgeprägte Tendenz zu Verdichtung und Verkürzung aus – die meisten ihrer Texte überschreiten die Zahl weniger Verse kaum – sowie eine starke Bildhaftigkeit und eine geringe Abstraktion (vielleicht auch ein Grund, warum sie bislang zu wenig beachtet wurden…). Nun legt sie mit "Im Wachs klirrt Leim" ein schmales Bändchen mit 15 Anagrammen und ebenso vielen Radierungen von Roger Troks vor: in einer Auflage von 300 Stück, auf ausgewähltem Papier, mit Fadenbindung, und in einer Vorzugsausgabe von 45 Exemplaren – alles Qualitätsmerkmale, die den Berliner APHAIA Verlag auszeichnen. Zu dessen 15-jährigem Bestehen hat Klaushofer 15 Titel seines Buchprogramms ausgewählt und daraus Anagramm-Gedichte geschaffen und damit eine lyrische Form gewählt, die ihrer genauen Arbeit der Verkürzung entspricht. Bei den kurzen, wenige Buchstaben umfassenden Buchtiteln ergaben sich naturgemäß Schwierigkeiten, die den Gedichten anzumerken sind; aus den längeren Titeln allerdings gelingt es ihr erstaunliche Verse und Gedichte zu destillieren. Zum Beispiel bei »Ein Traum muss bleiben zuletzt«: »Mutstaub reibt. Zeit zum Lesn. / Zirbenbett, Zimtmaul, Nusseule. // Im Azur Silben zum Test: Blueten. // Zarte Blume lebt uns im Stein zu. / Lernt summen. Leib zu Staub. Zeit. // Bis zuletzt: Raum, Steine, Blumen.« Gerade im Zusammenspiel mit den expressiven Radierungen Roger Troks ein Lese- und Schau-Erlebnis.

Birgit Müller-Wieland, 1962 in Schwanenstadt geboren, studierte Germanistik und Psychologie in Salzburg, war jahrelang Leiterin der Peter-Weiss-Gesellschaft und journalistisch, kulturpolitisch und wissenschaftlich tätig, bevor sie nach Berlin zog, wo sie zur Zeit als freie Schriftstellerin lebt. Erst ein Band mit lyrischer Prosa – Die Farbensucherin – ist bislang erschienen, dennoch hat sie bereits mehrere namhafte Preise erhalten. Im Haymon-Verlag veröffentlichte sie vor kurzem ihren ersten Gedichtband: "Ruhig Blut", eine Sammlung von 61 hochpoetischen, bild- und metaphernreichen Gebilden, die aufhorchen lassen. Schon der Eingangstext »Haus und Hof« nimmt mich als Leser gefangen: »Aus Sand gebaut sind Haus und Hof. / Hell gestrichen schließt der Ring. Er hält // Erde und Himmel zusammen. Draußen / kommt die Welt vorbei. // Innen sind Lichtsammler / am Werk. Sie lassen // Pfiffe steigen. Hinter den Mauern / werden dunkle Schleier genäht.« Müller-Wieland berichtet in einer expressiven, an großen Vorbildern geschulten und gleichzeitig eigenständigen Sprache von Privatem stets so, daß es nie nur privat klingt, und dabei gelingen ihr Sätze, die hängenbleiben – wie im Gedicht »Frage«: »Großmutter warum / wirft mein Leben / so kleine Falten / in dein Gesicht«. Viele ihrer Gedichte sind stark rhythmisiert, entwickeln bei lautem Lesen weitere Qualitäten, und das bewirken der von ihr gezielt eingesetzte Reim, Lied- und andere Zitate, Stilbrüche und der manchmal gallenbittere Humor, wie das »Blaue Lied« beweist: »Es plappern die Sender / am rauschenden Strom / plapplapp plapplapp / plapplapp // Was sollen uns / unsere Ränder schon / schnippschnapp schnippschnapp / schnippschnapp // Seid ruhig legt euch nieder / flieg Blauhelm flieg / was klappert sind Knochen noch / vom vorletzten Krieg« – Ein Buch, das mit dem ersten Gedicht viel verspricht und es mit den folgenden Texten scheinbar spielend einlöst.

Fritz Popp, 1957 in Vöcklabruck geboren, studierte Germanistik und Theologie in Salzburg, wo er seitdem als Lehrer, Schriftsteller und Kabarettist lebt. Bislang gibt es von ihm zwei Prosabände, zwei CDs mit Satiren und einem Querschnitt aus 5 Jahren »Salzburger Affronttheater«, für das er seit 1989 Beiträge schreibt, sowie zwei Videos eben dieses Kabarettensembles. Sein Hang zum Satirischen und seine Lust am Wortspiel haben schon seine Erzählungen und den Roman geprägt, und auch die Gedichte seines ersten beim Grasl-Verlag erschienenen Lyrikbandes Verirrte Schläfer, ungeschützte Träumer können – und wollen – dies nicht verhehlen; dies trifft aber nur auf die Methode zu, inhaltlich entführt er uns in vier Zyklen und 52 Gedichten in die – wie es der Titel bereits vorgibt – bisweilen gespenstische Welt von Traum und Schlaflosigkeit. Das erste Gedicht »In den Nächten aber« gibt schon die Richtung vor: »Unsere Träume / tragen wir wie Briefe / durch den Tag // In den Nächten aber / öffnen wir manchmal / das Siegel // Weit hinter / dem Augenscheinlichen / diktiert uns jemand // einen neuen Brief / der seinen Adressaten / vielleicht nie findet«. Und in dieser Tonart geht es weiter: seelische Abgründe tun sich auf, der Mensch als von seinen Alpträumen Verfolgter, der keinen Ausweg findet aus der Traummühle, die so gar nichts Romantisches an sich hat – da ändern Rhythmus, Liedhaftigkeit und der sparsam eingesetzte Reim nichts, im Gegenteil: sie verstärken den Eindruck von einem einsamen, gejagten Ich, das sich nur noch in die Sprache und das Spiel mit Worten flüchten kann: »Ungebeten tritt ein / und verlangt Gastrecht // Unzeit verstellt / die Uhren // Unglaublich erzählt / wahre Geschichten // Unfassbar / umarmt uns«.

Gerlinde Weinmüller, 1960 in Salzburg geboren, wo sie wie Popp Germanistik und Theologie studierte und als Lehrerin und Schriftstellerin lebt, legt mit Himmel voller Asphalt ihre erste eigenständige Buchpublikation vor, eine Sammlung von 62 Gedichten, die – sprachlich wie inhaltlich – gegensätzlicher nicht sein können, auch wenn der Titel vielleicht anderes erwarte ließe: Weinmüllers Texte strahlen – trotz eingestreuter (Gesellschafts-)Kritik – Wärme und Einverständnis mit dem Leben aus, sprechen vom Glück gelungener Beziehung und der Bereicherung durch die Begegnung mit Natur; und das ist es, was den LeserInnen anfangs Schwierigkeiten bereiten wird – denn, siehe der eingangs zitierte Peter von Matt, von Bäumen und Blumen und den schönen Seiten des Lebens zu schreiben ist heute so verpönt wie in den 60er Jahren den Reim zu verwenden; und den setzt sie provokanter Weise ebenfalls ein. Daß ihre Gedichte dennoch überwiegend gelingen, liegt an Weinmüllers sicherem Sprachgefühl, wie Auszüge aus »Nachtgedicht« beweisen: »Ich liege auf dem Leben, / das Ohr an deiner Brust. / Wir lassen Hände weben, / bis du sie lösen musst. // …Ich bette mein Gesicht / in dieses Armenest. / Die Welt vergisst sich nicht. / Dagegen halt mich fest!« Bisweilen gelingt ihr an Bildkraft Erstaunliches, und wenn es stimmt, daß Reim und Rhythmus wieder literaturfähig sind, werden viele ihrer Gedichte wie der »Herbsttag« Bestand haben: »Die Blätter glühn der Erde entgegen. / Sie träumen von Kohle, schwarz erst, dann rot. / Ich will mich auf laue Windbesen legen / und wärmen den wartenden Tod. // …Die Kürbisse geben ihr Erz noch nicht preis. / Sie stehlen der Sonne das Angesicht. / Ich atme die Farben im endlosen Weiß / und taste nach Erde und Licht.«

Verdächtige Pracht? Keineswegs! Statt dessen vier neue Gedichtbände, vier eigenständige Stimmlagen, vier Verführungen, Gedichte zu lesen.

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