Im Spinnhaus.
Roman von Kerstin Hensel (2003, Luchterhand).
Besprechung von Petra Kohse in der Frankfurter Rundschau, 2.6.2003:

Nur eine Handvoll Fädchen
Schöne Passagen von schlichter Seltsamkeit: Kerstin Hensel erzählt in ihrem Roman "Im Spinnenhaus" von bizarren, berührenden und biestigen Figuren

Ein altes Spinnhaus im erzgebirgischen Schwarzenberg, zwischen 1860 und Anfang 2004. Hier wohnt, wer es woandershin nicht geschafft hat. Die alte Klöpplerin Uhlig zum Beispiel, die mit sechzig Jahren schwanger wird, von einem Verrückten oder einem Tier, aber das Kind nie gebiert und noch heute mit dickem Bauch in ihrer Küche sitzt. Und Gundel Zschiedrich. Die kleine Tochter der Wäschereibesitzerin im Spinnhaus, die sich im Wald herumtreibt und sich von Giftpilzen ernährt, ihrem toten Vater zu Ehren. Oder die Lehrerin, die den Dutt ihrer im KZ ermordeten Mutter im Haar trägt, der klöppelnde Mann in Frauenkleidern, der Lehrling mit dem Stofftier in der Brottasche und die drei alten Frauen, die an Weihnachten ein Kästchen voller Kinderknochen geschenkt bekommen.

Bizarr, berührend und biestig sind die Figuren in Kerstin Hensels Buch Im Spinnhaus, und die Sprache, in der die 42-jährige Berliner Autorin von ihnen erzählt, ist voll lakonischer Poesie. So lakonisch zuweilen, dass sie schon wieder ins Bedeutungshuberische lappt, wie überhaupt von allem, was man über dieses Buch sagen kann oder was es von sich selber sagt, auch immer das Gegenteil wahr zu sein scheint.

Weder fügen sich nämlich die insgesamt 33 kurzen Texte zu einem "Roman", noch handeln alle Geschichten von Leuten, die Im Spinnhaus leben. Eher hat man es mit einer Art heimatkundlichem Bilderbogen zu tun, einer nicht chronologischen Reihung von Begebenheiten in einer Region, die in den letzten 150 Jahren von Bergbau und Kunstgewerbe, Armut und Aberglaube, Freiheitsträumen und Tourismus bestimmt wurde.

Manche Figuren und Geschichten werden dabei zeitlich übergenau bis zur Uhrzeit verankert, andere bleiben historisch vage oder sind gleich doppelt zu verorten, wie die Wäschereigehilfin Susanne, geborene Mühl, die im Jahr 1914 bereits als Nobis-Susanne auftaucht, den dazu gehörigen Herrn Nobis, einen Alkoholfabrikanten, aber erst 1925 heiratet. Anschlussfehler oder konzeptionelles Ungefähr? Man weiß es nicht.

Einerseits jedenfalls lässt Kerstin Hensel in der Geschichte "Die Fiedlern" keinen Zweifel daran, dass das Spinnerinnenhandwerk nicht einmal mehr zu touristischen Zwecken belebt werden kann, andererseits ist es ganz deutlich, dass sie selbst es auf literarische Weise eben doch versucht.

Warum sonst kommt sie nicht ins Webmuster eines Romans, sondern belässt es dabei, aus ihrem aus Fakten und Ausdeutungen, Mythischem und Möglichem zusammengesetzten Material jeweils nur eine Hand voll Fädchen herauszuzupfen, sie zu parallelisieren, stückweise in die Länge zu ziehen und dann abzuschneiden und fallenzulassen? Wobei, natürlich: nicht immer fallenzulassen. Manches wird wieder aufgegriffen, und das mitunter so oft, dass es schon zu verfilzen beginnt.

Die Geschichte mit dem Bären zum Beispiel. Im ersten Text des Buches wird beschrieben, wie in der letzten Novemberwoche des Jahres 2003 aus dem Böhmischen ein Bär nach Neuwelt bei Schwarzenberg herüberkommt, sich im Waschhaus des dortigen Spinnhauses einnistet und nach sieben Wochen wieder verschwindet. In ernstem, chronikhaftem Ton wird das Auftauchen des Bären als Einschnitt markiert, als erstes Zeichen der beginnenden Renaturierung einer kulturell nicht zu rettenden Region. Eine Setzung. Im Folgenden erwartet man die Beschreibung des Verfalls.

Statt dessen aber wird vor allem das Motiv selber abgenutzt. In bald jeder dritten Geschichte kommt es vor oder wird zitiert. Es gibt den russischen Bären, den schwängernden Bären, den Teddybären, den Tanzbären der Kriegsbegeisterung, den Zoobären und den Berliner Bären. Darüber hinaus zeigt es sich, dass es bereits im Jahr 2000 und im Sommer 2003 zu engen Begegnungen der Schwarzenberger Bevölkerung mit einem (dem gleichen?) realen Bären gekommen ist, so dass das, was zu Beginn des Buches ein Ereignis war, am Ende fast den Charakter einer Plage hat.

Das alles ist nicht erfreulich und tut einem als Leserin furchtbar Leid, weil es eben doch immer wieder schöne Passagen von schlichter Seltsamkeit gibt in diesem Buch, und man merkt, dass Kerstin Hensel wirklich etwas zu bieten hat und nur nicht weiß, wie sie es auswählen und gruppieren soll.

Fast ungerecht mutet es entsprechend an, dass das Lektorat, von welchem die Autorin so hängengelassen wurde, mit seinem Klappentext ganz unverdient noch auf der richtigen Seite steht. "Nicht unweit von Dresden, zwischen den Ortschaften Lauter, Neuwelt und Schwarzenberg", hat hier jemand geschrieben, befinde sich das Spinnhaus. "Nicht unweit von Dresden", das bedeutet: weit von Dresden, was wohl kaum gesagt werden sollte, was aber letzten Endes doch stimmt, weil Schwarzenberg von der Landeshauptstadt fast 120 Kilometer entfernt ist. An dieser Stelle also konnte die Flüchtigkeit einen falschen Ehrgeiz aufheben. Den Rest des Buches hat sie ungeschützt erwischt.

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