Im
Sechsten Arm.
Roman von Hans Perting (2005,
Provinz Verlag).
Besprechung von Helmut Schönauer,
2005:
Im Sechsten Arm
Es gibt Jahre, die dicht sind. Und es gibt
Jahre, die durchlässig sind. Immer wieder läutet diese Weisheit der Chronisten
ein neues Kapitel in der Lebensgeschichte eines zum Katholizismus konvertierten
Vinschgers ein. Salomon Glauber hat in der Identitätsleere Südtirols nach 1918,
als das Land zwischen Koma, Saint Germain, Italien und verblichener Habsburger
Monarchie zu verschwinden droht, seine Konfession gewechselt, der Liebe willen.
Als Jude ist er Katholik geworden, obwohl das irgendwie nicht geht, und auch
Südtirol ist italienisch geworden, was scheinbar auch nicht geht.
Hans Perting erzählt episch weitläufig und dennoch in kurzen atemlosen Sätzen,
wie es die Glaubers durch Italien treibt, jedes Jahr in eine andere Stadt, mal
dem Reishandel hinterher jagend, mal der Hungersnot vorauseilend. Die Sätze
gleichen dabei Aufschriften oder Menetekels. Egal, ob Beschreibung, Bericht oder
Zitat, in schroffem Satzbruch wird der Roman atemlos zu Ende erzählt. Der Sohn
Salomons wird in die Zeitgeschichte des Duce verwickelt. Als die Juden Italiens
deportiert werden, kommt auch er noch dran und wird im berüchtigten „sechsten
Arm“ des Gefängnisses in Rom eingekerkert, dort wo die „Politischen“ und
Querdenker einsitzen. Der Schluss bleibt offen wie ein Projektil, das gerade den
Gewehrlauf verlassen hat.
In einer Nachbemerkung erzählt Hans Perting den Zusammenhang zwischen Roman und jenen Fakts, die er erzählt bekommen hat. Das Schicksal der Glaubers ist authentisch auf konkrete Geschehnisse bezogen, andererseits repräsentieren die Glaubers auch jenes Südtirol, das hastig durch die Zeitwallungen driftet.
Ein Glossar und jede Menge Fußnoten
verknoten die Fiktion beinahe reibungslos mit lexikalischen Fakts.
Erzähltechnisch interessant ist der Spielraum zwischen Meinung der Figuren und
Meinung des Kommentators in den Fußnoten. Da wird etwa Papst Pius XII in einem
Kommentar aus der
Hüfte heftig gelobt (269), weil er trotz der Deportation der Juden 4500 von
ihnen in Klöstern rund um Rom verstecken ließ. Diese Fußkommentare sind eine
interessante Möglichkeit, Meinung diskret zu platzieren. Andererseits erfahren
scheinbar triviale Begebenheiten eine religiöse Würdigung, indem sie mit Zitaten
aus jüdischem oder katholischem Glaubensschatz unterlegt werden. „Die Jugend
nährt sich von Träumen. Das Alter von Erinnerungen.“(98) Im Jiddischen klingt es
dann noch wahrer und glaubhafter und passt an jeder Stelle.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenhauer-literatur.com]
Leseprobe I Buchbestellung 0509 LYRIKwelt © Helmuth Schönhauer