Im Schaufenster im Frühling von Melinda Nadj Abonji, 2005, Ammann1.) - 3.)

Im Schaufenster im Frühling.
Roman von Melinda Nadj Abonji (2005, Ammann).
Besprechung von Beatrix Langner in Neue Zürcher Zeitung vom 21.09.2004:

Verschwommene Landschaft
Melinda Nadj Abonjis Prosadébut

Über jeder Kindheit liegt der Zauber des Anfangs, ein dichter Schleier aus Bildfragmenten, Sprachfetzen, Gerüchen, Traumzitaten. Darum, und weil der Zauber des Anfangs auch über jedem ersten Buch liegt, greifen beginnende Schriftsteller gern auf halbbewusstes Erinnerungsmaterial aus der Kinderzeit zurück. Nun ist die 1968 in der Vojvodina geborene Schweizerin Melinda Nadj Abonji in diesem Sinne keine literarische Anfängerin mehr. Ihre Wort-Musik-Programme sind zumindest dem Schweizer Publikum ein Begriff. Dass sie sich für ihr Prosadébut in die vagen, traumverwehten Landschaften der Vorpubertät begeben hat und damit beim diesjährigen Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb erwartungsgemäss ein hohes literarisches Risiko einging, muss andere Gründe haben als bloss den Wunsch, aus dem eigenen seelischen Depot eine Art poetisches Eau de Parfum zu destillieren.

Nun liegt der ganze Roman vor und beweist einmal mehr, dass in der Literatur das Ganze stets mehr ist als die Summe seiner Auszüge. Er erzählt von dem kleinen Mädchen Luisa Amrein, das lange Haare trägt und zu einem grossen Mädchen heranwächst, in dem das kleine Mädchen noch vollkommen frisch enthalten ist. Wie die mumifizierte Verkörperung personaler Erinnerung wickelt sich Schicht um Schicht die grosse um die kleine Luisa. Es wird bald klar, dass ein Mensch, dessen Gedächtnisspeicher mit solcher grausamer Genauigkeit Traumatisierungen übereinander stapelt, nicht glücklich sein kann. Und so ist Luisa, die in einer Art innerem Monolog sich selbst aus dem Gefängnis fixierter Infantilität zu wickeln versucht, ein gutes Beispiel für die Tücken literarischer Kindheitsprosa, aber zugleich dafür, ihnen ziemlich kühn zu entschlüpfen.

Luisas Ich-Gedächtnis erwacht in einem Friseurladen, dessen Inhaber, der weise Herr Zamboni, ein Schutzheiliger ihrer Kindheit, dem Roman Titel und organisierendes Zentrum leiht. «Im Schaufenster im Frühling», wo der Hund des Herrn Zamboni schläft und die kleinen Mädchen der Irgendwo-Kleinstadt sich zufrieden im Spiegel betrachten, ist die Welt noch gut und heil, unverstümmelt wie die Haare als Symbol weiblicher Identität. Aber später, wenn die Männer, Väter und Liebhaber die kleine Luisa und ihre Freundinnen in ihr Bett nehmen, wenn sie sie lieben und missbrauchen und schlagen - was meist auf dasselbe hinausläuft -, dann ist Herr Zamboni längst tot, und die grosse Luisa verliebt sich in Frauen wie in Männer und erfährt wieder und wieder, was auch die kleine Luisa schon ahnt: dass Väter und Liebhaber sich in dieser Welt verschworen haben. Ein Trug ist die Liebe, scheint dieser spröde, traurige Text sagen zu wollen, und der permanente Krieg beginnt mitten in der Kindheit: in den Familien.

Das Verschleierte, Somnambule dieser Prosa wirkt verstörend, weil es Undeutlichkeit als Stilprinzip demonstriert. Die Handlung wird durch Rückspulen und Überschreiben dauernd verwischt. Das funktioniert, weil sich der Text auf einer Ebene von Alltagssprache bewegt, in der Gespräche und Gedanken in ihre Partikel zerlegt werden. Viel zu viele Figuren irrlichtern durch den Text, Kindheitsgefährten, Figuren der reinen Ambivalenz, die wie Luisa Gewalt erfahren haben und ausüben, von denen aber die meisten keine eigenen Geschichten haben und blosse Namen bleiben, sogar die Brandstifterin Valerie, Luisas Geliebte und Rivalin, und ihr gemeinsamer Geliebter Frank, die beide tragende Rollen im apokalyptischen Reigen innehaben.

Präzise im sprachlichen Detail und traumverhangen im Handlungshintergrund: Nur so gelingt es Nadj Abonji, die pseudonaive Sicht der kleinen Luisa mit der Erwachsenenperspektive der verletzten Frau kitschfrei zu verleimen. Im letzten Satz des Romans schaut Luisa auf das Bild einer «verschwommenen Landschaft». Es ist dieselbe, aus der der Leser soeben benommen herausgetreten ist: Hat er jetzt einen Roman über die Unmöglichkeit der Liebe gelesen oder ein literarisches Bravourstück über die Unschärfe als poetisches Prinzip?

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 1010 LYRIKwelt © NZZ

***

Im Schaufenster im Frühling von Melinda Nadj Abonji, 2005, Ammann2.)

Im Schaufenster im Frühling.
Roman von Melinda Nadj Abonji (2005, Ammann).
Besprechung von Martin Krumbholz in DIE ZEIT, 23.03.2005:

Wenn die Kolportage über die Lust an der Sprache triumphiert
Melinda Nadj Abonji: Im Schaufenster im Frühling

Im Schaufenster liegt der Hund des Friseurs Zamboni. »So wie andere Leute Kochbücher haben, habe ich Bücher über Haare«, sagt der menschenfreundliche Herr, er lässt den Schaum von seinen Fingern tropfen, bietet Tee an und ermutigt die zwölfjährige Luisa zu erzählen. Im ersten Roman von Melinda Nadj Abonji, die 1968 in der Vojvodina geboren wurde und in Zürich lebt, stehen höchst merkwürdige Sätze. »Das Schulhaus sah aus wie ein geschmackloser Fleischkäse ohne Kruste« zum Beispiel. Manchmal fällt es schwer zu entscheiden, ob solche Sätze aus einer kindlichen Anschauungslust heraus entwickelt oder ob sie allzu kunstvoll gebastelt sind. Der Rhythmus ist kurzatmig, die Dramaturgie verzwickt. Luisas Geschichten spielen um 1978 in einem Dorf und 1992 in Wien, sie handeln von prekären Mädchenfreundschaften und einem undurchsichtigen Dreiecksverhältnis. Die Geschichten bilden Kreise, einzelne Passagen wiederholen sich wortwörtlich wie ein Refrain, und sehr häufig ist dabei von Gewalt die Rede, einer jäh hervorbrechenden Alltagsgewalt; von Schlägen ins Gesicht, von angezündeten Häusern.

Eine Tabak-Trafikantin namens Valérie gibt es auch in Horváths Stück Geschichten aus dem Wiener Wald, und vielleicht ist ihre Wiederauferstehung in Abonjis Roman ja ein Indikator für die heimlich-unheimliche Horváth-Affinität dieser Prosa, mit ihren schillernden Liebes- und Gewaltakten, ihren bizarren Initiationsritualen und schiefen Affären. Luisas verheirateter Liebhaber Frank nennt sich Kommunikationsberater; als er sonntags einmal weggerufen wird, fragt Luisa, ob es sich um einen »Kommunikationsnotfall« handele. Eigentlich sollte es bei Abonji wie bei Horváth um nichts anderes gehen als um Kommunikationsnotfälle. Unterm Bett ihres Liebhabers spioniert Luisa nachts herum und findet Fotos von ihm und seiner Frau und, in ein Seidentuch verpackt, eine Schusswaffe. Mit solchen gewichtigen Ingredienzien versehen, wirkt der Roman doch eher geheimniskrämerisch und symbollastig als grotesk und abgründig. Aber auch dabei bleibt es nicht: Wenn Valérie, zwar in elliptischen Andeutungen, ihr trauriges Geheimnis ausplaudert, triumphiert letztlich die Kolportage über die Lust an der Sprache und am darstellerischen Experiment.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0405 LYRIKwelt © M.K./Die ZEIT

***

Im Schaufenster im Frühling von Melinda Nadj Abonji, 2005, Ammann3.)

Im Schaufenster im Frühling.
Roman von Melinda Nadj Abonji (2005, Ammann).
Besprechung von Martin Zingg aus der Frankfurter Rundschau, 02.11.2005:

Mädchenunglück
Melinda Nadj Abonji lässt unangenehme Erinnerungen brodeln

Luisa ist schon Mitte zwanzig und wohnt längst nicht mehr im Dorf, wo sie aufgewachsen ist, horcht aber noch immer mit großer Intensität ihren frühen Erfahrungen nach, denn sie kommt nicht von ihnen los. Inzwischen ist sie in Wien zuhause, in einer kleinen, überschaubaren Umgebung. Da ist zum einen die Nachbarin Frau Sander, die ihre Großmutter sein könnte und mit der sie einen erfrischend unkomplizierten Umgang pflegt. Und da ist Valérie, die Zeitungen und Zeitschriften verkauft und von seltsamer Unbeschwertheit ist. Und schließlich gibt es Frank, einen Unternehmensberater, dessen Wochenendgeliebte Luisa wird. Von diesem Frank, der sich Luisa gegenüber immer ein wenig distanziert gibt, reicht auch eine Verbindungslinie zu Valérie, die zuweilen wie eine Doppelgängerin von Luisa wirkt. In dieser winzigen Runde wirkt Luisa durchaus heiter, wenn auch stets wachsam. Sie scheint nirgends ganz zu Hause, immer ein wenig auf dem Sprung, eine Person, die wenige feste Moment hat.

Ruhigere Umrisse gewinnt Luisa meist dann, wenn sie ihre Kindheitserinnerungen aufruft. Darin thront lange Zeit, gleichsam als Schutzpatron und Gegenpol in der Welt der Erwachsenen, Herr Zamboni. Bei ihm, der einen Friseurladen führt, geht die junge Luisa Amrein immer wieder vor Anker, hier kann sie sich für Momente wohl fühlen. Hier kann sie sich einen Tee kochen, und im Schaufenster liegt der Hund des Friseurs, als müsste die Welt beweisen, dass sie auch angenehme Seiten hat. Herrn Zamboni kann sie von allen Qualen erzählen, die sie zu Hause erleidet, vom schreienden und schlagenden Vater, von der weinenden Mutter - von allem, was sie sonst mit einem kühlen Schweigen quittiert. Denn Schweigen ist ihre Rache. Schon als Kind kann sie schweigen, und erst recht wird sie es als Jugendliche tun. Erst allmählich wird sich herausstellen, dass sie nicht aus freien Stücken schweigt: Über vieles kann sie nämlich gar nicht reden.

Luisa Amrein ist die Hauptfigur des Romans Im Schaufenster im Frühling, mit dem die Zürcher Autorin Melinda Nadj Abonji auf beeindruckende Weise debütiert. Melinda Nadj Abonji, 1968 in der Vojvodina geboren, hat einige Bekanntheit erlangt als Textperformerin, mit Texten, die sich im Vortrag zu bewähren haben. Und nun legt sie einen Roman vor, der frühkindliche Traumatisierungen mit den Erfahrungen einer jungen Frau verwebt. Jede neue Erfahrung von Luisa verweist auf eine frühere und wird von dieser gleichzeitig verdunkelt und erhellt. Gegenwart und Vergangenheit belagern einander in beinahe unmerklichen Überblendungen.

Lange Zeit verharrt der Roman in der Kindheit und Jugend Luisas, in vielen kleinen Episoden, die oft merkwürdig zerrissen nebeneinander stehen. Bis dann deutlich wird, dass diese Geschichten alle weit über die frühen Jahre hinaus wirken und in der 25jährigen Luisa immer noch präsent sind. Die frühen Kindheitserfahrungen waren oft von Gewalt geprägt. Die häusliche Gewalt ging später über in sexuelle Gewalt, und irgendwann war das eine vom anderen nicht mehr zu unterscheiden. Vergleichbare Erfahrungen hat auch Valérie gemacht. Als sie nicht mehr weiterwusste, hat sie das elterliche Haus in Flammen gesetzt. Vor Gericht ist der Vater mit einem Staranwalt angetreten und hat die Tochter verurteilen lassen - und bleibt selbst ungeschoren.

Die zahllosen kleinen, mal umrissscharfen, dann wieder absichtsvoll opaken Bilder verknüpft Abonji mit großer Behutsamkeit. Beim Lesen überraschen die vielen Schnitte und Schleifen, die oft gewagten Wiederholungen geben dem Text etwas Flackerndes und erinnern an Träume. Dass Luisas Leben eher unfroh ist, ein Alptraum, das wird nur zum Schein kaschiert. Denn alles steckt unter der Decke einer vorgeblich naiven, stark rhythmisierten Sprache - und unter der locker drapierten Decke brodelt es heftig. So sehr, dass dieser außergewöhnliche Roman am Ende sein Geheimnis bewahrt, nicht anders als seine Hauptfigur.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 1105 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau