Heinrich von Kleist.Im Netz der Wörter von Lászlo F.Földényi, 199, Matthes&Seitz1.) - 2.)

Heinrich von Kleist. Im Netz der Wörter.
Buch von Lászlo F. Földényi (1999, Matthes&Seitz
- Übertragung Akos Doma).
Besprechung von Jochen Hörisch in der Neue Zürcher Zeitung, 1999:

Partisanendichtung
Sekundäres und Primäres zu
Kleists Leben und Werk

Dass die Welt aus den Fugen ist, können wir spätestens seit «Hamlet» wissen. Wie, ja ob wir überhaupt Aug' in Aug' mit dieser Einsicht weiterleben können, sollen und wollen, ist umstritten. Die Diagnose «the world is out of joint» aber ist unumstritten. Und also gibt es etwas Gewisses, an das wir uns halten können. Nämlich eben dies: dass es letzte Gewissheiten für alle nicht gibt. Denn aus den Fugen ist auch das Verhältnis von Welt und Sprache. Diejenigen, für die es fugenlose Letztgewissheiten noch zu geben scheint, sind ersichtlich die Exzentriker, welche das Ihre dazu beitragen, die Welt noch weiter aus den Fugen geraten zu lassen. Rechtschaffene Leute vom Schlag des Michael Kohlhaas, die der «Not der Welt» abhelfen und die aus den Fugen geratene «Ordnung der Dinge» wieder einrenken wollen, sorgen für zusätzliche Ex-zentrik in jedem Wortsinn.

Kleists Werke verdanken ihre anhaltend unwiderstehliche Faszinationskraft auch dieser illusionsfreien Einsicht in die Exzentrik des Ordnungswahns. Dieser Einsicht und ihrem Autor huldigen «84 Treibsätze» von Jan Christ unter dem Titel «Kleist fiktional». Sie alle starten (bis auf den letzten Treibsatz) mit dem in Grossbuchstaben geschriebenen Autorennamen KLEIST; sie alle bestehen (ähnlich wie die Kapitel in Dürrenmatts meisterhafter Novelle «Der Auftrag») aus nur einem überkomplexen Satz; und sie alle betonen die exzentrische Bahn, die Kleists Leben und Werk beschreiten. Und so stellt sich eine nicht einmal überraschende Paradoxie ein: Jan Christs Huldigung an den Aussenseiter ist in der Regelmässigkeit ihrer Regelverletzungen von eigentümlicher Verlässlichkeit.

Aus den Fugen

Jan Christs Treibsätze entsprechen nämlich Kleists Leitmotiv der aus den Fugen geratenen Welt, indem sie Kleists hypotaktischen Stil überdrehen und Sprache vollends aus den Fugen geraten lassen. Diese «Treibsätze» wollen allzu deutlich die Grammatik sprengen. Jan Christ will Kleist huldigen, indem er ihn zu überbieten versucht. Der Autor treibt dieses Spiel so weit, dass man kaum mehr entscheiden kann, ob es sich bei Wendungen wie der folgenden um einen Satzfehler oder aber um einen Treibsatz handelt: «KLEIST, der am Morgen am Fluss zugebracht, nun einen Hang bestieg . . .»

Mit Sätzen, die es so schlimm treiben, verspielt Christ fahrlässig die starken Motive seines sorgfältig komponierten Bandes. Dazu zählt die Ausgestaltung von Kleists Kampf mit Goethe. «KLEIST, der sich auf einem Turme lange Zeit durch Studien der Wolken- und Lichtverhältnisse aufgehalten hatte, wurde befragt, wieso gerade er solche Naturerscheinungen vorziehe, wo doch Goethe genug damit beschäftigt sei; der aber, so Kleists Antwort, ‹auf goethesch›; ‹und er?›; ‹auf kleistesch›; ‹und die Natur, liesse sie es zu: auf goethesch oder kleistesch?›; ‹fragen Sie sie!›; ‹aber wie? auf goethesch oder auf kleistesch?›» Das ist mit all den Hervorhebungen, Ellipsen und seltsamen Adjektivbildungen unverkennbar manieristisch formuliert und dient doch einem sehr starken Gedanken – dem nämlich, dass sich Unterscheidungen, und mögen sie noch so klar sein, nicht durch Klarheitsstiftung erledigen, sondern dadurch fortsetzen, dass sie in die beiden Teile der Unterscheidung selbst hineinprojiziert werden können.

Nicht nur die Welt und die Syntax, auch die klaren Unterscheidungen sind aus den Fugen. Nach traditioneller Sprachregelung hat Jan Christ ein Stück Primärliteratur vorgelegt, das die Grenze zur Sekundärliteratur streift. Der ungarische Essayist László Földényi hat umgekehrt das vorgelegt, was man in herkömmlicher Weise Sekundärliteratur nennt. Sein ungemein sorgfältig gesetztes Buch besteht aus Meisterstücken aufmerksamster Kleist-Lektüre. Die Beobachtungen dieses erstrangigen Werkes sind deshalb so erhellend, weil sie dem schwer zu realisierenden Ideal der gleichschwebenden Aufmerksamkeit verpflichtet sind. Soll heissen: Földényis Kleist-Lektüre folgt keinem roten Faden, seine alphabetisch geordneten Beobachtungen sind vielmehr Einzelaspekten, auffallenden Ticks, abstrusen Vorlieben und häufigen Wendungen Kleists gewidmet. Gerade dadurch zünden und illuminieren sie.

Textur der Schlüsselworte

Von «Ach» über «Gedankenstrich» und «Rechtschaffenheit» bis «Zufall» reichen die Schlüsselworte der Textur, die Földényi eben nicht in dem Sinne dechiffriert, dass er sie auf die Schnur einer distinkten Botschaft bringt. Eine stimmige Konstellation aber ergibt sich gerade aus der vermeintlichen Willkür einer bloss alphabetischen Anordnung (zu wissen, wie die Reihenfolge der Eintragungen im Ungarischen aussieht, wäre sicherlich spannend; kein Register verrät es uns).

Kleists Texte geben uns harte Nüsse zu knacken – und Földényi liest hinreissend und bestürzend neu die Szene des «Findling», in der Nicolo «so die Nüsse knackt, wie Norman in Hitchcocks ‹Psycho› immer wieder anfängt, Kerne zu kauen». Lauter kleine listige und hinterlistige Objekte wie Schweinekoben, Schlüssellöcher, Peitschen und Keulen stehen in Kleists Texten für verwirrend viele Möglichkeiten, die aus den Fugen geratene Welt wieder zurechtrücken zu wollen. Und dabei zu scheitern. – Ihre semantische Entsprechung finden diese hinterlistigen Dinge in den Logogriphen, die durch Kleists Texte spuken: Gustav und Avgust, Nicolo und Colino – man braucht nur ein paar Buchstaben zu verschieben, um zu merken, dass jemand nicht mit sich, wohl aber mit einem anderen so gespenstisch identisch ist wie Norman Bates mit seiner toten Mutter. «Was! Du nimmst sie jetzt nicht, und warst der Dame versprochen? / Antwort: Lieber! Vergib, man verspricht sich ja wohl.» So heisst es in Kleists Aphorismus «Sprachversehen» (was für ein synästhetischer Titel!). Einmal verspricht sich auch, nein: verschweigt Földényis wunderbares Buch Zentrales bzw. Exzentrisches. In der Artikelfolge «Paradies» – «Paradoxie» – «Peitsche» – «Plötzlich» klafft eine signifikante Lücke. Es fehlt ein Artikel über den Partisanen Kleists. Der aber ist mitsamt den sehr sorgfältigen Verweisen auf die Forschungsliteratur (in diesem Fall auf Carl Schmitt und Wolf Kittler) in fast allen anderen Artikeln präsent. Ist Kleists Dichtung doch Partisanendichtung von der ersten bis zur letzten Zeile.

Ob Michael Kohlhaas oder Hermann der Cherusker, ob Congo Hoango oder Sosias in der Nacht, in der alle schwarz sind, ob Penthesilea oder die durchs Erdbeben in Chili aufgerührte Masse: sie alle kämpfen in einer aus den Fugen geratenen Welt ihren Partisanenkrieg. Warum das Würzburger Rundtor aus schweren Steinen nicht einstürze, war eine der Denk-Nüsse, die Kleist in einer Zeit der antinapoleonischen Partisanenkriege sich und anderen zu knacken aufgab. Weil jeder Stein einzeln hinabstürzen wolle. Der Absturz stürzt ab: zusammengehalten wird die aus den Fugen geratene Welt, wenn überhaupt, dann für eine Weile durch solche Doppelnegationen und nicht etwa durch Letztintegrale, heissen sie Transzendentalsubjekte, Absolutes, Verständigung oder Kommunikation. Földényis Buch ist eine unwiderstehliche Verführung, Kleist zu lesen – auch in dieser aus den Fugen geratenen Welt. Kleists Prosa ermuntert, eine Sprache zu schätzen, die nicht nur vom Beben fester Fundamente handelt, sondern selbst bebt.

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Heinrich von Kleist.Im Netz der Wörter von Lászlo F.Földényi, 199, Matthes&Seitz2.)

Heinrich von Kleist. Im Netz der Wörter.
Buch von Lászlo F. Földényi (1999, Matthes&Seitz
- Übertragung Akos Doma).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 31.1.2003:

Im Wort-Stau

László F. Földényis Lesung

Kreisende Suchbewegung, assoziatives Abtasten, spiralförmiges Denken - die Essays des 1952 geborenen Literaturhistorikers und Kunsttheoretikers László F. Földényi folgen keiner linearen Struktur. Selbst wenn sie, wie sein großes Werk Heinrich von Kleist. Im Netz der Wörter als vorgeblich streng geordnetes, weil alphabetisch aufgebautes Wörterbuch daher kommen, sind sie in Wahrheit Ausdruck einer permanenten intellektuellen Umkreisung des Gegenstandes, an den der Autor sich vorsichtig heran tastet.

So verwunderte es auch nicht, dass Földényi zu Beginn seiner Lesung im Frankfurter Literaturhaus verkündete, beide Bücher, aus denen er vortrage, seien "irregulär", da sie keinen Anfang und kein Ende hätten, sondern den Einstieg in die Lektüre an beliebiger Stelle ermöglichten. Földényi, der in Budapest vergleichende Literaturwissenschaften lehrt, ist nach Peter Handke der zweite Träger des mit 15 000 Euro dotierten Blauen Salon Preises, den das Frankfurter Literaturhaus "für ästhetische Innovation und Eigensinn" vergibt.

Den stellte Földényi bereits mit dem ersten von ihm vorgetragenen Essay vor, der sich mit dem Kleistschen "Ach" auseinander setzt, das für Földényi in der Erzählung Die Verlobung in St. Domingo nicht nur Signal dafür, dass sich in den Figuren "zu viele Wörter aufgestaut" haben, um ausgedrückt zu werden, sondern auch eine typographische Markierung im Text ist. Auch Alkmenes Schluss-Seufzer im Amphitryon ("das berühmteste ‚Ach' der Weltliteratur") unterminiere die Allmacht der Sprache - der Rest ist Schweigen.

In Földényis Kosmos ist es nur ein kurzer Weg vom "Schweinekoben" zum "Starrsinn". Er forscht nach Parallelen, etwa zwischen Michael Kohlhaas und Kafkas Landarzt, um dann bei Kleist das "zum Leben erwachte Oxymoron" zu entdecken, melancholisch und heiter, leidenschaftlich und kalt, "der leibhaftige rasende Starrsinn."
Seine kunsttheoretischen Fähigkeiten zeigte Földényi im zweiten Teil der Lesung mit Das Schweißtuch der Veronika, einer Sammlung von Einträgen während seiner Museumsbesuche in den Neunzigerjahren. Auch hier: überraschende Wendungen und Pointen und vor allem, erstaunliche Fragen des Betrachters an das Kunstwerk. Beim Anblick von El Grecos Begräbnis des Grafen von Orgaz erwacht in ihm die Lust, "als Toter selbst die Hauptperson einer solchen Beerdigung zu sein." Und im Angesicht von Vermeers Glas Wein fragt Földényi: "Das wievielte Glas ist es? Und warum lässt der Mann die Frau nicht in Ruhe?", um dann zu bemerken, dass der Museumsbesucher aus den sich ins unendliche ziehenden Augenblicken der Kunst im Grunde ausgeschlossen ist.

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