Immanuel Kant.
Biographie von Immanuel Kant (2003, Reclam, hrsg. von Steffen Dietzsch)

Besprechung von Christine Pries in der Frankfurter Rundschau, 26.11.2003:

Die Sterne vom Himmel holen
Drei neue Biographien nähern sich dem Mythos Immanuel Kant

Ein Mann? Ein großer Denker? Ach was, ein Mythos: Immanuel Kant war schon zu Lebzeiten eine Legende. Als er im für seine Zeit wahrlich biblischen Alter von fast 80 Jahren starb, war dieser kleine Mann, der sich trotz schwächlicher Konstitution ein gigantisches Werk abgerungen hatte, bereits ein Phantom geworden. Stereotyp die immergleichen Anekdoten über seine Schrulligkeit: einst ein galanter Magister mit feiner Zunge, der Königsberg nie verließ, penibel einen Tagesablauf einhielt, nach dem die Bürger seiner Heimatstadt die Uhr stellen konnten, desorientiert ohne seinen Diener Lampe - und daneben das alles überragende Werk, die drei großen Kritiken, mit denen der "Alleszermalmer" (Moses Mendelssohn) die Philosophie auf neue Füße stellte und das moderne Denken aus der Taufe hob. Es sind diese Stereotypen, die von den drei ersten Kant-Biographen Ludwig Ernst Borowski, Reinhold Bernhard Jachmann und E. A. Ch. Wasianski gleich nach seinem Tod in die Welt gesetzt wurden und noch heute - kolportiert und zementiert durch weitere Biographen - gang und gäbe sind.

Über Kants wirkliches Leben war indes immer wenig bekannt. Anlässlich seines 200. Todestages am 12. Februar 2004 sind nun gleich drei neue Versuche erschienen, sich Kants Leben und Werk zu nähern. Allen drei Biographen ist daran gelegen, Heines wirkungsmächtiges Diktum zu entkräften, dass dieser Mann "weder Leben noch Geschichte" hatte, er also sozusagen in seinem Werk aufging. Doch wie die Biographie eines Mannes schreiben, über dessen erste 60 Lebensjahre man kaum etwas weiß? Die Informationen, die unser heutiges Kant-Bild prägen, entstammen Kants letzten 15 - 20 Jahren und sind zudem mehr als unzuverlässig, wie Manfred Kühn in seinem informativen Prolog herausarbeitet.

Spektakuläre Quellen sind seit den letzten Biographien nicht hinzugekommen, und so sehen sich auch die neuesten Versuche gezwungen, längst Bekanntes zu wiederholen, um unser schiefes Kant-Bild zu korrigieren: die streng-pietistische Schulzeit, unter der Kant ebenso litt wie unter frühem Aufstehen, das Billardspiel, mit dem er sich Geld für sein Studium verdiente, die Gasthäuser, in denen Kant gerne gut aß und das Zusammentreffen mit einfachen Bürgern schätzte, und die Geselligkeit, der Kant keinesfalls abhold war: Er hatte gute Freunde, war ein glänzender und impulsiver Unterhalter, besonders im Beisein von Frauen, und verpasste eher aus Unabhängigkeitsstreben den Zeitpunkt, eine Ehe einzugehen usw. (Nur der legendäre Nachweis von Arsenij Gulyga, dessen immer noch lesenswerte Kant-Biographie im Januar bei Suhrkamp neu aufgelegt wird, dass Kant über Sexualität nicht nur theoretisch Bescheid gewusst habe, bleibt in den drei neuen Biographien seltsamer Weise folgenlos.) Wie alle Biographen zuvor sind Dietzsch, Geier und Kühn darüber hinaus auf Spekulationen angewiesen, die mal mehr und mal weniger überzeugend ausfallen.

Das lebendigste Bild von Kant gelingt zweifelsohne Manfred Geier. In den Motiven des "bestirnten Himmels über mir und des moralischen Gesetzes in mir", mit denen Kant selbst seine Kritik der praktischen Vernunft von 1788 beschloss, sieht er das Movens angelegt, das Kants Leben und Werk die Bahn vorgab. Aus dieser ungewöhnlichen Perspektive rekonstruiert Geier sowohl Kants naturwissenschaftliche Interessen, die in der Neubegründung der theoretischen Philosophie durch die Kritik der reinen Vernunft kulminierten, als auch die praktische Philosophie, durch die Kant mit seiner "Moral des Dennoch" die menschliche Freiheit den Spekulationen seiner Zeitgenossen entriss. Der in diesen Motiven bereits angelegte Enthusiasmus, den Kant - als ganz und gar nicht blauäugiger Realist, der all ihre "Gräueltaten" sehr wohl zur Kenntnis nahm - für die Französische Revolution empfand, führt Geier dann gleichsam organisch zu Kants geschichtsphilosophischen Schriften, ohne die die heutige politische Philosophie undenkbar wäre.

In seinem glänzend geschriebenen Buch scheut Geier sich nicht, den großen Rationalisten Kant entlang dieser enthusiastischen Geisteshaltung immer wieder an die Grenze des Irrationalen zu begleiten - und er zeigt, inwiefern im Ringen um diese berühmte Grenze Kants eigentliche Leistung bestand. Nicht nur in Bezug auf Kants immer radikaler werdende politische Einstellung - als entschlossener Aufklärer sei "seine philosophische Arbeit zugleich als politische Aktion" zu verstehen - demonstriert Geier, wie es für jede heutige Biographie Kants eigentlich selbstverständlich sein sollte, auch Kants ungebrochene Aktualität durch einen Blick aus der Gegenwart. Die frühen naturwissenschaftlichen Versuche Kants etwa finden unvermutet Erhellung durch Benoît Mandelbrots Fraktalgeometrie und die Chaostheorie. Manchmal schießt Geier dabei freilich übers Ziel hinaus: Die ohne weiteren Kommentar zur Aktualisierung und Erläuterung eingestreuten Zitate nicht nur von Zeitgenossen wie Hamann, sondern auch von heutigen Denkern wie Foucault und Derrida dürften den Leser verwirren, der sich nicht die Mühe macht, im Anmerkungsapparat am Ende des Buches die entsprechenden Belege zu suchen. Trotzdem: Der Enthusiasmus, mit dem Geier selbst bei der Sache ist, springt auf den Leser über - der meint, den großen Unbekannten Kant förmlich vor sich zu sehen.

Deutlich nüchterner geht Manfred Kühn zu Werk. Bei aller Akribie in Bezug auf Quellen, Zeit- und Lebensumstände, die zu Respekt und Bewunderung nötigt: Kühn, heute Professor in Marburg, der lange Jahre in den USA lehrte, wo seine Biographie bereits vor einiger Zeit im englischen Original erschien, liebt seinen Gegenstand nicht. Das mag in akademischen Kreisen, in denen sein Buch unter den hier vorgestellten sicherlich die größte Beachtung finden wird, nicht selten sein - doch Kühn hat nach eigenem Bekunden den "Durchschnittsleser" vor Augen, er möchte Kant auch Nicht-Philosophen nahe bringen und das, so muss man leider sagen, misslingt.

Womöglich weil Kühn, wie er selbst eingesteht, "nicht wirklich" weiß, "was Biographien für so viele Leser eine derartige Faszination verleiht", erschließt sich Kants Person trotz mancher großartiger Passagen - wie die Rekonstruktion eines köstlichen Tischgesprächs im Hause der Gräfin von Keyserlingk - dem Leser nicht. Da auch die im engeren Sinne philosophischen Teile von Kühns Studie, wohl weil er ein Laienpublikum ansprechen will, an manchen Stellen irritierend oberflächlich bleiben - die Inhaltsangaben der Hauptwerke geraten so krude, dass sie den Spezialisten sogar ärgern dürften -, ist Kühns mehr als 600 Seiten starkes Buch weder Fisch noch Fleisch. Die Sorgfalt, die Kühn auf die Entstehungsgeschichte der Werke sowie Kants Umfeld - etwa das Verhältnis zu Herder - verwendet, sucht ihresgleichen. Dennoch kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, aus Geiers Biographie, die einen viel kleineren Textkorpus behandelt, mehr über den Geist von Kants Philosophie zu erfahren als bei Kühn.

Auch Steffen Dietzsch legt großes Augenmerk auf das Umfeld Kants. Der Leser lernt viel über das Königsberger Stadtleben, die Universität, die herrschenden Gesetze und preußischen Institutionen. Wohl in Auswertung neuer Königsberger Quellen, mit denen der Verlag für Dietzsch' Buch etwas reißerisch wirbt, übermittelt Dietzsch zahlreiche Informationen über Kants Universitätsarbeit (so scheint er, ein "genervter älterer Herr", bei den Gremiensitzungen häufig gefehlt zu haben) - allem voran Auszüge aus etwas, was wir heute "Kommentiertes Vorlesungsverzeichnis" nennen würden, die Dietzsch als "Apokryphe Kant-Texte" erstmals präsentieren kann.

Doch hat Dietzsch eher eine Kulturgeschichte Königsbergs geschrieben als eine Biographie. Sein Tableau der damaligen Zeit ist so breit angelegt, dass er Kant regelmäßig aus den Augen verliert. Exemplarisch deutlich wird dies im Kapitel über "Kant und die Königsberger Juden". Kants Verhältnis zum jüdischen Leben - antisemitische Stereotypen im privaten Kreis stehen hier der gezielten Förderung von jüdischen Studenten und der Hochschätzung Kants von Seiten der jüdischen Gemeinde gegenüber - wird bei Dietzsch zu einem Verhältnis der Universität zu den Juden, in dem Kant nur andeutungsweise eine Rolle spielt. Ausführlich berichtet Dietzsch über das Schicksal einiger jüdischer Studenten, die prekären Bedingungen ihrer Zulassung und ihre vergeblichen Versuche, auf eine Professur zu gelangen: An der Königsberger Albertina wurde Juden - ebenso wenig wie Katholiken - die Lehre nicht gestattet.

Dieser "administrative" Antijudaismus, so muss man Dietzsch' Ausführungen über die Zeit von 1702 bis 1812 wohl interpretieren, wurde auch von Kant, als Professor, zeitweiligem Rektor und Mitglied des Senats der Königsberger Universität mitgetragen. Das lässt nach Einschätzung von Dietzsch aber nicht auf persönliche Feindschaft oder Intoleranz Kants schließen, der Moses Mendelssohn hoch schätzte und Marcus Herz zu seinen engsten Vertrauten zählte. Auch religiöse Gründe spielten für Kants "aufgeklärten Antijudaismus", dessen Ziel die Assimilation war, keine Rolle, zumal die jüdische in Kants Augen "im eigentlichen Sinne gar keine Religion" gewesen sei.

Auffällig in allen drei Biographien ist die große Aufmerksamkeit, die die Autoren Kants Verhältnis zum Glauben schenken. Gegen die Versuche insbesondere der drei frühen Biographen, Kants Leben und Werk theologisch zu rehabilitieren und für den Pietismus zu retten, verwenden Dietzsch, Geier und Kühn große Mühe darauf, Kant aus dem Kontext der Religiosität zu lösen, in dem er noch heute häufig gesehen wird. In der Vernunftreligion, die Kant begründete, bedingte nicht Gott die Moral, sondern die menschliche Freiheit Gott (was Kant bekanntlich nach Friedrichs II. Tod Probleme mit der Zensur und Vorbehalte vieler Zeitgenossen eintrug). Persönlich war für Kant, der von religiösen Ritualen nichts hielt und gegen den Pietismus eine tiefe Abneigung hegte, die Frage der Religion eher eine Frage der Bedürftigkeit - eine Bedürftigkeit, die dieser furchtlose Aufklärer, den von der populären Aufklärung "sein Wissen um das Bruchstückhafte" trennte (Dietzsch), selbst wohl niemals verspürt hat: Nach heutiger Auffassung war Kant Atheist.

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