Im Kreis der Gespenster von Wojciech Kuczok, 2007, Suhrkamp

Im Kreis der Gespenster.
Erzählungen von Wojciech Kuczok (2005, Suhrkamp - Übertragung Friedrich Griese).
Besprechung von von Roland Mischke aus den Nürnberger Nachrichten vom 8.5.2007:

Liebe bis zum Wahnsinn
Der polnische Autor Wojciech Kuczok liest in Nürnberg

Der junge polnische Literaturstar Wojciech Kuczok liest am 10. Mai, 20 Uhr, im Krakauer Haus in Nürnberg (Hintere Insel Schütt) aus seinen viel gelobten Erzählungen.

Eine Frau, ein Mann und die Liebe. Hier keine romantische, auch keine stürmische, sondern eine gespenstische Angelegenheit. Da sitzen zwei zusammen und erzählen einander, wie sie in früheren Jahren geliebt haben. Und in der Erinnerung geht es dann um das Intensive, Verzehrende und Ausschließliche der Liebe.

Die Monologe könnten erfunden sein, so unwirklich erscheinen sie. Aber der Leser zweifelt nicht daran, dass es genau so war. «Wenn sie so verschwunden war», erzählt der Mann von einer früheren Geliebten, «musste ich unausgesetzt an sie denken, mit der Haut, dem Blut, dem Puls, und ich versuchte mich an ihr Gesicht zu erinnern, und vor Sehnsucht gelang es mir nicht...» In der Erinnerung steckt Verzweiflung über gescheiterte Verhältnisse, verfahrene Sehnsüchte und Gefühle, die nicht hielten, was sie versprachen. Kuczoks Kunst ist das Aussparen, er erzählt extrem verknappt, oft nur angedeutet – Tragik und Komik in ein und demselben Satz.

Ein Meistererzähler

Ein unglaubliches Buch, große Prosa. Geschaffen von einem 34jährigen Meistererzähler, der mit rundem Gesicht, flaumigem Vollbart und Brille aussieht wie ein Pennäler. Aber die zumeist kurzen Texte, manche nur Skizzen, haben es in sich. Woher hat dieser Jungautor solche Erfahrungen? In Polen gilt er bereits als bester Stilist unter den jüngeren Schriftstellern, schon mit 30 Jahren wurde Kuczok der bedeutendste Literaturpreis des Landes zuerkannt.

Alle neun Texte des schmalen Bandes handeln von der Liebe, doch in jedem Stück wird sie anders betrachtet. Als Gefühl, jähe Erkenntnis, Drama oder Wahnsinn. Für jede Art der Liebe hat Kuczok einen eigenen Sound, sein Gefühl für Sprache ist überwältigend. Gedanken und Situationsempfindungen werden in wahre Wörter und treffende Sätze verwandelt, der Autor fungiert als Transformator von Seelenzuständen und Gemütslagen. So wird der Leser in die Stimmungen der Geschichten hineingesogen, in ihre grotesken Handlungen, in aufbrausende Hochgefühle und in Schmerz und Hass.

Ein Geschäftsmann stößt mit einem jungen Bettler zusammen, der Geld von ihm will und ihm die Hand gibt. Der Bettler ist ansehnlich, aber arm – und wird im Nu zum Lebensveränderer seines Gegenübers. Während des Händedrucks begreift der Geschäftsmann, dass er falsch lebt, dass er homosexuell ist. Er spürt «die Schauder, und die Schauder, in diesem historischen Augenblick, Fanfaren von Schaudern...»

Die vollständige Besprechung von Roland Mischke finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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