Im Krebsgang von Günter Grass, 2002, Steidl1.) - 7.)

Im Krebsgang.
Novelle von Günter Grass,
(2002, Steidl).
Besprechung von Anita Pollak aus Kurier, Wien vom 01.02.2002:

Grass’ neue Novelle: „Im Krebsgang“

Der Alte ist heimgekehrt. „Im Krebsgang“ bewegt er sich wieder auf die Vergangenheit zu, und auf Danzig, das für ihn immer schon eine Chiffre für die deutsche Geschichte war. Die Geschichte, genauer die von uns angerührte Geschichte ist ein verstopftes Klo. Wir spülen und spülen, die Scheiße kommt dennoch hoch.

Im Bewusstsein, dass diese Vergangenheit nicht aufhört, nie aufhört, wie es am Ende seiner neuen Novelle heißt, hat sich Günter Grass ihr nun gestellt. Im Bewusstsein auch eines, seines Versäumnisses. „Niemals hätte man . . . das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen“. Sagt, glaubt der alte Mann, der sich müdegeschrieben hat.

Der Untergang

Das Leid der ostpreussischen Flüchtlinge, die aus Furcht vor der Rache der Russen im kalten Winter 1945 auf der Flucht zum Teil elend umkamen, ist das lange gemiedene Thema, das Grass jetzt aus der Perspektive der Heutigen und Ewig-Gestrigen aufarbeitet.

Ein Thema, dessen Ver-„Knoppung“ in den Medien nicht aufzuhalten scheint. In einer TV-Doku von Guido Knopp tauchte denn auch die „Wilhelm Gustloff“ wieder auf, jenes Schiff, das mit Tausenden Flüchtlingen und Soldaten überladen, von den Russen torpediert, am 30. Januar 1945 sank. Dieses verfluchte Datum macht Grass zum Angelpunkt seiner Geschichte, die der Alte von einem Überlebenden erzählen lässt, einem Mann, der im Untergang des Schiffes geboren wurde. Seine Mutter ist Tulla Pokriefke, die bereits durch die „Blechtrommel“, die „Hundejahre“ und „Katz und Maus“ gewandert ist. Als späte Ergänzung dieser „Danziger Trilogie“ ist nun diese Novelle zu sehen, die die Handlungsstränge von damals weiter spinnt.

Tulla, eine Naturgewalt, der nicht bei zukommen ist, ist jetzt 70 und Großmutter jenes Jungen, dessen Aktivitäten im Internet die Story lostreten bzw. zurückspulen. Sein vaterloser Vater, Tullas Sohn, Journalist und Erzähler, ist für ihn bedeutungslos.

Konrad ist einer jener jungen Neonazis, die, oft fasziniert von den Kriegserzählungen der Großeltern-Generation, anonym im Netz ihr Unwesen treiben. Dort verbreitet er den Ruhm seines Helden Wilhelm Gustloff, der in der Schweiz für die NSDAP warb und 1936 von einem jüdischen Medizinstudenten als Zeichen des Widerstands ermordet, zum Märtyrer der gemacht wurde. Das „Kraft durch Freude“-Parade-Schiff der Nazi-Propanda hat Hitler nach ihm benannt.

Auf der „Gustloff“ reisen Tullas Eltern noch im „Frieden“ nach Norwegen, auf ihr gehen sie gemeinsam mit Tausenden Flüchtlingen unter, während ihre 17-jährige Tochter gerettet und Mutter wird.

Der Fluch

Die lange Zeit verdrängten historischen Ereignisse rund um die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten verknüpft Grass nach guter Erzähltradition mit dem fiktiven Schicksal seiner alten Danziger „Bekannten“ nach dem Motto: Hätt’ ja sein können – und zieht es gleichzeitig über zwei Generationen in die Gegenwart weiter. Vor und zurück – im Krebsgang eben. Weil der Fluch der bösen Tat immer weiter wirkt, kommt es schließlich noch in der Enkelgeneration zur Katastrophe . . .

Grass ist hier zu Hause. In Danzig, wo er lebte, in Mölln, wo er jetzt lebt, wo er Konrad aufwachsen lässt, wo die Ausländer-Heime brannten. Zu Hause ist er in diesem Erzählen, in diesen Geschichten, die aus ihm heraussprudeln, wenn er das zu lässt. Und in der Geschichte, zu der er nun doch wieder zurückkehrt. Der gute Alte.

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Im Krebsgang von Günter Grass, 2002, Steidl2.)

Im Krebsgang.

Novelle von Günter Grass,
(2002, Steidl).
Besprechung von Wolfgang Platzeck in der WAZ vom 02.02.2002:

Deutschem Ungeist im Krebsgang auf der Spur
Am Montag erscheint eine neue Novelle von Günter Grass

Versuch eines Verbindungsaufbaus im Internet: "www.blutzeuge.de". "Sie haben keine Zugangsberechtigung", kommt die Rückmeldung. Und: "Verboten". Ich muss draußen bleiben. Günter Grass war möglicherweise drin.

Neuer Versuch, über Google. "David Frankfurter", "Wilhhelm Gustloff". Diesmal klappt's. Ich bin halbwegs drin in jener Geschichte, die Günter Grass laut Titel "Im Krebsgang" literarisch durchmisst.

Das Büchlein sollte am 22. Februar erscheinen. Doch dann zog Steidl den Termin vor auf Montag - in die Nähe zweier historischer Daten, die für die Novelle von Bedeutung sind. Unter dem 30. Januar ist 1933 die Machtübernahme registriert, 1945 die Torpedierung eines Flüchtlingsschiffes in der Ostsee, 1895 die Geburt von Wilhelm Gustloff, nach dem das Schiff benannt war.

Jener Gustloff galt im Reich und insbesondere in seiner Heimatstadt Schwerin als völkischer Held und "Blutzeuge", seit er - niederer Angestellter eines Observatoriums in Davos und eher nachrangiger Landesgruppenführer der NSDAP in der Schweiz - von dem jüdischen Medizinstudenten David Frankfurter am 4. Februar 1936 erschossen worden war.

60 Jahre später versuchen junge Rechtsradikale über Web-Seiten und internationale Chat-Rooms die "Wahrheit" über Gustloff, Frankfurter, über das Schiff zu verkünden.

Irgendwann wird offenbar, in wessen "Auftrag" der Journalist und Ich-Erzähler Paul Pokriefke die bis ins Jahr 1997 wirkenden Ereignisse und
Lebensläufe im seit-vorwärts gerichteten Krebsgang der Internet-Links recherchiert. Der Mann, der ihn auf "blutzeuge.de" angesetzt hat, der den Fortschritt der Arbeit kontrolliert, ist jener Autor, der normalerweise den Themenkomplex Danzig/ Ostpreußen / Mecklenburg / Vertreibung für
sich gepachtet hat: Der Verfasser der "Hundejahre".

Ein erfrischender Anflug von Selbstironie, zugleich ein konkreter Verweis. Zu zeigen, wie ungebrochen oder neu entfacht rechtsradikaler Geist weht, knüpft Grass an den letzten Teil der Danziger Trilogie an, lässt er einen Teil der "Hundejahre"-Personage noch einmal auftreten: Harry Liebenau etwa, vor allem aber Ursula "Tulla" Pokrietzke, Mutter des auf gespenstische Weise in die Ereignisse verwickelten Erzählers.

Dessen Recherchen, Reflexionen, Erlebnisse gibt Grass in der Tat eine zupackende Sprache und Form, das ostpreußische Idiom Tullas sorgt
zusätzlich für den rauen Charme des Authentischen. Und doch wirkt "Im Krebsgang" über weite Strecken wie eine journalistische Fleißarbeit aus konkretem Anlass. Was irgendwie über Gustloff, Frankfurter, das Schiff, über den Kapitän des russischen U-Boots herauszufinden war, Grass hat es herausgefunden und mit fast buchhalterischer Akribie eingebaut.

Schlimmer: Die ambitionierte Geschichte verliert sich in einer haarsträubenden, bedeutungsschweren Konstruktion. Tulla - sie avanciert in der DDR zur fortwährend nach Knochenleim (!) müffelnden Tischlermeisterin - ist Überlebende der Gustloff-Katastrophe; eine Stunde nach der Rettung gebar sie den Erzähler Paul, der seither unter dem Stigma des 30. Januar leidet. Pauls Sohn Konrad wiederum entpuppt sich als der von Oma Tulla inspirierte Betreiber der Internet-Seite.

Konrad, der sich "Wihelm" nennt, erschießt bei einem Treffen seinen philosemitischen Chatpartner Wolfgang alias "David", worauf auf einer neuen Web-Seite sofort die vorbildliche Haltung und Gesinnung Konrads gerühmt wird und Grass abschließend feststellen kann: "Das hört
nicht auf. Nie hört das auf."

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Im Krebsgang von Günter Grass, 2002, Steidl3.)

Im Krebsgang.
Novelle von Günter Grass,
(2002, Steidl).
Besprechung von Adriano Sack aus Die Welt vom 03.02.2002:

"Nie hört das auf"
Günter Grass jagt Täter und Opfer durchs Internet

Günter Grass hat ein neues, für seine Verhältnisse schlankes Buch geschrieben, und das Thema scheint ein altes: Die deutsche Vergangenheit und die vielgestaltigen Schatten, die diese bis heute wirft. Fixpunkt seiner Erzählung ist das Passagierschiff Wilhelm Gustloff, das Anfang 1945 von einem sowjetischen U-Boot versenkt wurde. An Bord waren über 6000 Flüchtlinge, Zivilisten und Marinehelfer, nur 1252 konnten gerettet werden.

Nach Zahlen war dies das größte Schiffsunglück aller Zeiten. Doch für Rekorde interessiert sich der Erzähler, den Grass installiert, nur am Rande. Seine Mutter gehörte zu den Überlebenden der Katastrophe, er selbst wurde kurz nach ihrer Rettung geboren. Dieses Schicksal lässt sie nicht los, und ihn holt es auf eine grausame Weise wieder ein.... Fortsetzung

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Im Krebsgang von Günter Grass, 2002, Steidl4.)

Im Krebsgang.
Novelle von Günter Grass,
(2002, Steidl).
Besprechung von Thomas Medicus aus der Frankfurter Rundschau, 5.2.2002:

Seismograph
Günter Grass' neues Buch

Heute erscheint das neue Buch von Günter Grass, Im Krebsgang, kein Roman, eine Novelle soll es laut Untertitel sein. Anders als vor manchen seiner früheren Veröffentlichungen hat sich der medienorientierte Autor dieses Mal zurückgehalten und ist ungewohnt still geblieben. Die gescholtenen "Yuppies in den deutschen Feuilletons" bekamen kein zusätzliches Fett ab und auch jüngere Schriftsteller, denen er seligen eigenen Gedenkens schon mal eine neue Gruppe 47 zur Rundumerneuerung empfahl, blieben ungeschoren.

Dieses Mal hat der Blechtrommler die Werbetrommel ruhen lassen. Aber Günter Grass hat nicht bloß geschwiegen, sondern er hat weise geschwiegen und ungewohnt sorglos das Erscheinen seines Oeuvres abgewartet. Dafür gab es gute Gründe. Zum Beispiel, dass sich die Bücher des einzigen Volksschriftstellers dieser Nation seit der Verleihung des Literaturnobelpreises erst recht wie von selbst verkaufen. Oder auch, dass der Spiegel diese Woche Grass' Novelle werbewirksam genug Titelseite und Titelgeschichte widmet .

Abwarten konnte der alte Fuchs aber aus einem noch viel gewichtigeren Grund. Vermutlich konnte es gar kein anderer als der notorische Geschichtsoptimist Grass sein, der die geschichtspolitische Gunst der Stunde genutzt und klar erkannt hat, dass jetzt - erst jetzt - die Zeit reif ist für diese Art deutscher Vergangenheitsbewältigung: für die trauernde Kollektiverinnerung des Volkes der Täter an seine eigenen Toten. Richtig ist zwar, dass Grass nicht die Urheberschaft dieses Paradigmenwechsels im bundesdeutschen Erinnerungsdiskurs für sich beanspruchen kann. Da haben andere vorgearbeitet, an erster literarischer Stelle wäre - der jüngst erst tödliche verunglückte - W.G. Sebald zu nennen. Mit dessen 1999 publizierten Thesen zur kollektiven Verdrängung der Bombardierung deutscher Städte während des Zweiten Weltkrieges löste Sebald seinerzeit eine heftige Debatte aus, von der jetzt auch Grass' neues Buchprofitieren dürfte.

Anders als noch vor ein paar Jahren aber wird die Reaktion im Fall von Grass nicht mehr zwiespältig oder sogar ablehnend, sondern wohl einhellig positiv ausfallen. Was in den vergangenen Wochen bereits der TV-Geschichtslehrer der Nation, Guido Knopp, vorexerziert hat, darf der Literaturnobelpreisträger nun endgültig konfirmieren: dass es während des Zweiten Weltkriegs an deutscher Zivilbevölkerung begangenes Unrecht gab, dass wir über dieses Unrecht sprechen dürfen und dass solch ein Diskurs - wenn er denn geführt wird - mit der Relativierung eigener Kriegsschuld und eigener Verbrechen nicht das Geringste zu tun hat.

Und so erzählt denn Grass die Geschichte vom Untergang der Wilhelm Gustloff, eines "Kraft-durch-Freude"-Vergnügungsdampfers, der am 30. Januar 1945 mit mindestens neuntausend ostpreußischen Flüchtlingen an Bord von einem sowjetischen U-Boot versenkt wurde. Grass' Novelle lässt keinen Zweifel daran, dass es ein Fehler war, die Erinnerung an den Untergang des Schiffes wie generell an das Flüchtlingsdrama am Ende des Zweiten Weltkrieges der rechten Szene zu überlassen. Sein mit seismographischem Gespür zeitgenau publiziertes Buch hat damit jenen der alten Bundesrepublik eigenen Schulddiskurs hinter sich gelassen, an dem gerade die westdeutsche Linke lang und zäh festgehalten hat.

Nun hat Grass sowohl als Repräsentationsfigur der deutschen Gegenwartsliteratur wie als repräsentative Gewissensinstanz der westdeutschen Linken ausgerechnet diesen Diskurs erweitert: über Vertreibung zu sprechen wird von nun an - dank Grass' Krebsgang - für niemandem mehr, auch nicht für die politische Linke, ein Tabubruch sein. Er hat noch mehr getan: wie er lange beschwiegene persönliche Schicksale anerkennt und vom lange gehegten Revanchismusverdacht befreit, verdient selbst Anerkennung. Grass' Rolle als Gruppentherapeut wie nationaler Konsensproduzent aus dem Geist des literarischen Widerspruchs wird man gerade bei diesem Buch nicht hoch genug einschätzen dürfen.

Noch vor kurzem hat Grass den Begriff der "Berliner Republik" als Etikettenschwindel bezeichnet. Jetzt scheint er mit seinem neuen Buch selbst in dieser Republik angekommen zu sein, deren Erinnerungsdiskurs sich durch die entmoralisierende Pluralisierung auszeichnet, an dem auch der Krebsgang teilhat. Schließlich wird man diese Novelle auch als Symptom einer allgemeineren Entwicklung zu begreifen haben. Längst ist ja die Erinnerung an den Holocaust Bestandteil eines globalen "kosmopolitischen Gedächtnisses". In dem Maße, in dem der Holocaust entnationalisiert, entortet und entkontextualisiert einem Menschheitsgedächtnis einverleibt wurde, stiegen zwangsläufig die Chancen für die Erinnerung an jene verdrängten Kapitel deutscher Geschichte wie die von Flucht und Vertreibung 1945.

Nicht nur die Verortung sowie Rekontextualisierung dieser Geschichte hat der gebürtige Danziger Grass jetzt vorgenommen, sondern ironischerweise auch deren Nationalisierung. An die Vertreibungsgeschichte des deutschen Ostens dürfen wir uns - zumindest symbolisch, im Medium der Literatur - nun alle, einschließlich der postnationalen Linken herantrauen. Gut möglich, dass Grass' Krebsgang sogar das letzte Kapitel deutscher Vergangenheitsbewältigung überhaupt darstellt. Kosmopolitisierbar wird dieses Kapitel zwar nicht sein, aber vielleicht einen Übergang schaffen von der Nah- zur historischen Fernerinnerung.

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Im Krebsgang von Günter Grass, 2002, Steidl5.)

Im Krebsgang.
Novelle von Günter Grass,
(2002, Steidl).
Besprechung von Sabine Dultz aus der Münchner Merkur, 7.2.2002:

Apokalypse in eisiger See
Die Tragödie der ''Wilhelm Gustloff''

"Das nagt an dem Alten. Eigentlich, sagt er, wäre es Aufgabe seiner Generation gewesen, dem Elend der ostpreußischen Flüchtlinge Ausdruck zu geben: den winterlichen Trecks gen Westen, dem Tod in Schneewehen, dem Verrecken am Straßenrand. . . Niemals, sagt er, hätte man über so viel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig und bekennende Reue in all den Jahren vordringlich gewesen sei, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen. Dieses Versäumnis sei bodenlos."

Soweit der Alte in Günter Grass' soeben erschienenem Roman "Im Krebsgang". Doch da sich der Alte müdegeschrieben glaubt, hat er einen nicht sonderlich erfolgreichen Journalisten mittleren Alters beauftragt, stellvertretend für ihn dieses Versäumnis nachzuholen und die Tragödie der Flucht aufzuzeichnen. Und so entsteht die Geschichte des "Kraft-durch-Freude (KdF)-Schiffs "Wilhelm Gustloff".

Unschwer ist zu erkennen: Der Alte ist Günter Grass selbst. Dass er das Flüchtlingsdrama, das sich am 30. Januar 1945 auf der "Gustloff" abgespielt hat, von dem Mittfünfziger Paul Pokriefke erzählen lässt, ist ein künstlerischer Trick. Er ermöglicht Grass, die Historie mit der Gegenwart zu verbinden und somit nicht nur ein Buch über die Vergangenheit, sondern eins über die Gegenwart zu schreiben.

"Die Geschichte, genauer, die von uns angerührte Geschichte ist ein verstopftes Klo. Wir spülen und spülen,die Scheiße kommt dennoch hoch", konstatiert während seiner Arbeit verzweifelt Paul Pokriefke. Zum Beispiel jüngst im Internet. Beim Surfen durchs Netz stößt er auf neue nationalsozialistische Propaganda übelster antisemitischer Art, sich rankend um Wilhelm Gustloff, dem Namensgeber des Tragödien-Schiffs. Wie ein Krebsgeschwür ist der Ungeist von damals wieder da, und das Entsetzen ist groß, als der Journalist dahinterkommt, dass dieser Internetschmierer sein Sohn Konrad sein muss.

Paul Pokriefke wird dieses Schiff sein Leben lang nicht mehr los. Kann er auch gar nicht, denn seine Mutter Ursula, genannt Tulla - Grass-Leser kennen sie bereits aus seinem Roman "Katz und Maus" - gehörte zu den Tausenden von Flüchtlingen, die am 30. Januar in Gotenhafen/ Ostpreußen auf die "Gustloff" drängten, um vor den nahenden Russen gen Westen zu fliehen. Tulla war damals siebzehn, hochschwanger, und als der einstige Luxuskahn der Nazis kurz nach 21 Uhr durch drei Torpedos des sowjetischen U-Boots S 13 tödlich getroffen wurde, setzten bei ihr die Wehen ein. Wie durch ein Wunder wurde Tulla gerettet - und gebar auf der "Löwe" den kleinen Paul, unseren Erzähler.

Grass nähert sich seinem Thema von verschiedenen Seiten, "Im Krebsgang" sozusagen kreist er die "Gustloff" ein. Parallel zu der fiktiven Geschichte von Tulla und ihrer Familie, erzählt er dokumentarisch akkurat die Lebensläufe einzelner, authentischer Personen. Den von Wilhelm Gustloff, der in Schwerin geboren wurde und als NSDAP-Landesgruppenleiter Karriere im schweizerischen Davos machte. Grass führt David Frankfurter ein, den jüdischen Studenten und Rabbiner-Sohn, der, um "ein Zeichen zu setzen", 1935 Gustloff in seinem Büro erschoss. Anlass für die Nazis, speziell für "Reichsorganisator" und "Arbeitsfrontleiter" Robert Ley, das bei Blohm & Voss in Hamburg gebaute, zehnstöckige und 200 Meter lange KdF-Schiff - das Geld dafür wurde von den aufgelösten Gewerkschaften konfisziert - auf den Namen "Wilhelm Gustloff" zu taufen.

Und Grass macht mit Alexander Marinesko bekannt, jenem U-Boot-Kapitän der sowjetischen Kriegsflotte, der den Befehl gab, die zum Flüchtlingsschiff umfunktionierte "Gustloff" zu versenken.

Wie Grass die Ereignisse dieses 30. Januar 1945 beschreibt, ist von erschütternder Meisterschaft. Dieses Buch zeugt von einer ziemlich einmaligen künstlerisch geglückten Übereinstimmung in literarischem Anspruch, Moral und gesellschaftlichem Verantwortungsbewusstsein.

Grass selbst sagt, keine Beschreibung könne je das Ausmaß des menschlichen Leids erfassen, das sich auf diesem hoffnungslos überfüllten Schiff abspielte. Eine Katastrophe, die die der "Titanic" weit in den Schatten stellt. Bis heute gibt es nur ungenaue Angaben darüber, wie viel Menschen auf der "Gustloff" waren. Die Zahlen schwanken zwischen 6 600 und 10 600. Fest steht nur, dass annähernd 4000 Säuglinge und Kleinkinder ertranken - in ihren Rettungsringen trieben sie mit dem Kopf nach unten in der eisigen See. 1 239 Menschen haben die Apokalypse überlebt, vor allem Männer, darunter die vier Kapitäne der "Gustloff".

Je sachlicher der Ton wird, den Günter Grass hier anschlägt, um so schmerzhafter gräbt sich sein Text in das Herz und den Kopf des Lesers. Und man sieht es der Grass-Figur Tulla, die er in herrlich geschriebenem Ostpreußisch sprechen lässt, am Ende fast nach, dass sie, dieser lebenslustige Liebling der Männer, bis heute nicht so richtig unterscheiden kann: die Ursache und die Wirkung des Kriegsdramas. Und ihres eigenen Lebens - im Schwerin der DDR und dem Schwerin des wiedervereinigten Deutschland. Für den Enkel Konrad führt das in eine neue Katastrophe.

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Im Krebsgang von Günter Grass, 2002, Steidl6.)

Im Krebsgang.
Novelle von Günter Grass,
(2002, Steidl).
Besprechung von Marius Meller aus der Frankfurter Rundschau, 9.2.2002:

"Das musste aufschraibn, biste ons schuldig"
Über die Aktualität moralischer Literatur, Günter Grass und seine neue Novelle "Im Krebsgang"

Es gab eine Zeit, und es war eine Blütezeit der Literatur, da ziemte es sich, amoralisch zu schreiben. Ihre literarische Gallionsfigur war der Marquis de Sade, später Baudelaire, die philosophische war Friedrich Nietzsche. Die antimoralische Literatur wendete sich zunächst gegen die "asketischen Ideale" des Christentums, gegen die Moral der "Hinterweltler", später gegen die Totalität der philosophischen moralischen Systematik. Die Geschichte der modernen Literatur ließe sich als die Geschichte der Fluktuation zwischen Moralität und Amoralität schreiben: Brecht begann als Amoralist und endete als ideologischer Moralist. Sein Schüler Heiner Müller begann als Moralist und endete als apokalyptischer Amoralist. Thomas Mann versuchte bürgerliche Moral und die Amoralität des Künstlers zu versöhnen, er nannte das den Widerstreit zwischen "Geist und Leben". Die bald nach 1945 einsetzende moralische Ideologisierung der Literatur führte zu Gegenbewegungen: Handke, Strauss, Koeppen und Bernhard schrieben zunächst strikt amoralistisch, auch wenn die beiden ersteren heute längst eine verschrobene Ästhetenmoral entwickelt haben, gegen die schon Nietzsche in der Genealogie der Moral polemisiert hatte.

Es lohnt sich nicht, Günter Grass zu lesen, wenn man grundsätzlich etwas gegen moralische Literatur hat. Grass ist nun einmal durch und durch Moralist, und wird es wahrscheinlich immer bleiben. Das muss man akzeptieren, oder man legt seine Bücher lieber gleich ganz zur Seite. Aber: Warum keine moralischen Geschichten, wenn sie nur gut sind? Und es gibt sogar Symptome, die für eine Renaissance der moralischen Literatur sprechen: Heute sieht es so aus, als hätte sich das Problem der metaphysisch begründeten Moral erledigt und mit ihm die literarischen Muster, die die Amoralität hervorgebracht hatte. Jüngere und junge Autoren plädieren inzwischen für eine postmoderne, gleichwohl neo-moralische Literatur (Michel Houellebecq, Maxim Biller, Benjamin Stuckrad-Barre oder die Autoren des "Forum der 13").

Den Zeitgeist zumindest hat Grass schon mal auf seiner Seite. Übrigens hat auch Grass als Amoralist begonnen. Seit der Blechtrommel, die mit ihrem sarkastischen, grotesken Spätexpressionismus die schon angestaubten Nierentische der späten Fünfziger trommelnd zum Wackeln brachte, floss umgekehrt proportional zur Ausdifferenzierung des Grass'schen Danzig-Langfuhrer Herkunftskomplexes zunehmend Ideologie in die kraftvollen Amoralitätsgebärden seiner erfolgreichen Frühtexte ein. Freilich immer eine gemäßigte links-liberale, bundesrepublikanische Ideologie wie bei Heinrich Böll und keine totalitäre wie bei Brecht. Aber warum nicht? Sein Engagement für den Wahlkampf der "Es Pe De" Willy Brandts sollte die Einheit von literarischer Produktion und moralischer Person bezeugen.

Doch die Texte seit Hundejahre gefielen bis auf wenige Ausnahmen nicht - das kann man ruhig als Konsens der Literaturkritik bezeichnen. Spätestens mit der apokalyptischen Rättin hatte man den Eindruck, dass Grass sein in der Danziger Trilogie so glücklich eingeführtes Langfuhrer Personal nurmehr noch dafür ausbeutete, seine politischen Allegorien wiedergängerisch zu bevölkern. Literarisch wirkte das Ganze manchmal kolportagehaft, manchmal sogar episch selbstzerstörerisch. Man denke nur daran, wie er den Blechtrommler Oskar Matzerath in der Rättin als Videoclip-Produzenten wiederauferstehen ließ. Da hatte der Leser keinen reizvollen Déjà-vu-Effekt, sondern wünschte sich eher ein streng gehandhabtes Verfallsdatum für literarische Figuren.

Trotzdem wartete man von Buch zu Buch auf einen gelungenen Grass, und zwar nicht, weil man die Phantasie vom Großschriftsteller endlich auch qualitativ bestätigt haben wollte, und auch nicht, weil man vom Nobelpreisträger nun Überzogenes erwartet hätte. Nein, man wartete einfach deshalb, weil die künstlerischen Möglichkeiten von Günter Grass zu jeder Zeit evident waren und sind, obwohl es die Qualität der Produkte nicht war.

Müssen wir weiter warten? Sein neues Buch, eine schulmäßig gebaute Novelle mit dem Titel Im Krebsgang, ist wiederum ein moralisches Lehrstück. Das Sujet ist der tragische Untergang des "Kraft-durch-Freude"-Dampfers "Wilhelm Gustloff" nach russischem Torpedobeschuss im eiskalten Januar 1945 in der Ostsee, bei dem wahrscheinlich über zehntausend Flüchtlinge ums Leben kamen. Grass konstruiert ein Figurenensemble, mit dem er den verschiedenartigen Umgang mit der Katastrophe über drei Generationen erzählen kann: Die aus Danzig-Langfuhr stammende Tulla Pokriefke, im Danziger Dialekt gewitzt daherplappernd, dem Grass-Leser schon vertraut aus Katz und Maus, hat den Untergang als eine der Wenigen überlebt und unmittelbar nach ihrer Rettung einen Sohn, Paul Pokriefke, zur Welt gebracht. Paul ist der Ich-Erzähler der Novelle und hat ebenfalls einen Sohn, Konny, der bei der geschiedenen Frau von Paul lebt.

In den drei Generationen spiegeln sich drei Erinnerungsformen an das unbeschreiblich Schreckliche: Tulla ist traumatisiert und wiederholt in erzählerischen Endlosschleifen die Ereignisse um den Untergang und um ihre Rettung. Sie nervt damit ihren wenig geliebten Sohn, von dem sie sich die Verewigung ihrer Erlebnisse erhofft: "Das mußte aufschraiben. Biste ons schuldig als glicklich Ieberlebender. Wird ech dir aines Tages erzählen, klitzeklain, ond denn schreibste auf . . ." Paul ist nämlich ein mittelmäßiger Journalist, hat für die Springerpresse, später für die taz, dann als "Söldner für die Nachrichtenagenturen" geschrieben. Er hat sich immer um die Beschäftigung mit den katastrophischen Umständen seiner Geburt herumgedrückt, kann die Litanei seiner Mutter von der Wilhelm Gustloff nicht mehr hören.

Und Grass führt wie in den vorangegangen Texten wieder einmal die Metaebene des Autors ein: In einem Creative-Writing-Kurs hat Paul Pokriefke "den Alten" kennengelernt, einen Schriftsteller, hinter dem sich locker maskiert Günter Grass verbirgt. Der ermuntert den Journalisten zur Niederschrift des Gustloff-Sujets "als Novelle", eigentlich sei es die Aufgabe seiner Generation gewesen, "dem Elend der ostpreußischen Flüchtlinge Ausdruck zu geben". Gleich nach dem Erscheinen "seines Wälzers Hundejahre" sei ihm "diese Stoffmasse auferlegt worden", aber er habe geschwiegen, weil "die eigene Schuld übermächtig und bekennende Reue in all den Jahren vordringlich gewesen sei", also sowohl aus politischer Korrektheit als auch aus Schuldgefühlen. Aber nie hätte man "das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen. Dieses Versäumnis sei bodenlos . . ."

Diese "Rechtsgestrickten", die Neonazis, kommen in der Figur von Pauls Sohn Konny ins Spiel, stellvertretend für die dritte Generation der Erinnernden. Anders als sein Vater interessiert er sich nämlich brennend für die Wilhelm Gustloff und ihren Untergang. Er ist ein begabter Computerfreak und betreibt eine Nazi-Homepage "www.blutzeuge.de", eine Art virtuellen Andachtsschrein für alles rund um das Schiff und seinen Namenspatron, den "Blutzeugen" Wilhelm Gustloff, "Landesgruppenleiter" für die NSDAP in der Schweiz bis 1936, als er von dem Juden David Frankfurter erschossen wurde. Auch diese Geschichte erzählt Grass mit und verschränkt sie in schnellen Schnitten mit den anderen Erzählschichten.

Die zwei ersten Drittel des Buches, bis zur Peripetie, dem Wendepunkt der Novelle, lesen sich eigentlich gut und spannend bis auf die bisweilen nervtötenden Internet-Fachbegriffe, in die sich Grass eingearbeitet hat und die er, allzu stolz auf das neugewonnene Sprachmaterial, viel zu häufig verwendet. Klar, es redet Paul Pokriefke, aber der hatte sich nach eigenen Angaben schon den ersten "Mac" gekauft, also um 1980, und würde, seit über 15 Jahren mit der Technik vertraut, wohl nie so reden.

Aber das sind Kleinigkeiten. Viel schwerer wiegt, dass die geschickt angelegten Erzählstränge nach dem Wendepunkt völlig aus dem Ruder der Plausibilität laufen und, was vielleicht noch schlimmer ist, zum Schluss der Novelle in fahrlässig grobe moralische Klischees münden. Grass hat seine Novelle mit dem Anspruch der moralischen Differenzierung angelegt: Durch die Stoffwahl der deutschen Zivilisten als Opfer ließ er sich auf einen Diskurs ein, der zwar in der Literatur nicht wirklich brandneu ist (Kluge, Mulisch, Kempowski, Sebald haben sich damit beschäftigt), der aber - gerade auch nach der Walser-Debatte - an Aktualität gewonnen hat. Und sein Erzählschema der drei Generationen wäre genau dafür geeignet gewesen, diese Differenzierungsarbeit am Schema von Opfer und Täter literarisch zu leisten, so subtil, wie sie etwa Aleida Assmann und Ute Frevert in ihrem Buch Geschichtsvergessenheit - Geschichtsversessenheit essayistisch leisteten.

Was macht Günter Grass stattdessen? Er führt die fruchtlose und heikle Dichotomie Antisemit / Philosemit ein und erklärt uns mit erhobenem Schreibfinger, dass beides verwerflich sei: Er lässt zunächst den Antisemiten Konny im Internet mit dem Philosemiten David, der sich als Jude ausgibt, immer heftiger virtuell in einer Art Hass-Freundschaft streiten. Dann verabreden sich beide am 20. April 1997 an dem Ort des zerstörten Gustloff-Denkmals, und Konny erschießt schließlich David, in nachahmender Umkehrung des Attentats von Frankfurter auf Gustloff.

Der folgende Prozess wird zur psychologischen und leider auch zur erzählerischen Farce. Die Elternpaare versöhnen sich überschwenglich vor dem Gerichtssaal, weil beide erkennen, dass sie sich zuwenig um ihre Sprösslinge gekümmert haben - wer hätte das bezweifelt. Die Mutter des Erschossenen sagt noch: "Wir sehen uns frei von irgendwie gearteten Rachegelüsten." Paul Pokriefke sieht in den Lehrern die Schuldigen, die seinem Sohn verboten haben, sein Gustloff-Gesülze in der Schule als Referat zu halten. (Das zumindest hätte ihm Grass, "der Alte" herauslektorieren können, da er das Kreativ-Projekt doch auch außerhalb der Fiktion betreute.)

Das Justizpersonal stellt sich tölpelhaft an und tritt in alle Fettnäpfchen. Und nach einigen Jahren Jugendstrafe zerstört Konny im Gefängnis in Anwesenheit des gerührten Vaters in einem kathartischen Gewaltakt seine Gustloff-Devotionalien. Wie nicht anders zu erwarten, schließt Grass seine Geschichte mit der Warnung "Das hört nie auf. Nie hört das auf" und meint die "braune Kacke", denn schon gibt es eine neue Nazi-Website: "www.kameradschaft-konrad-pokriefke.de.", Grass hat mit der poetologischen Metapher vom Gang des Krebses, der wie das Erzählen seitwärts läuft und dennoch vorankommt, ein schönes Bild für die narrative Erinnerungstätigkeit gefunden. Denn nur sie, nur die Literatur kann die Ereignisse erzählen und gleichzeitig Ideen von Moral miteinander ins Spiel bringen. Grass hat seine Novelle der Erinnerung selbst gewidmet: "in memoriam" steht auf dem Vorsatzblatt, ohne Objekt. Es ist fraglich, ob Memoria, Göttin der Erinnerung und Mutter der Musen, diesen Text als Gabe annehmen wird, denn sie hat auch ästhetische Prinzipien. Vielleicht schreibt Grass uns das nächste oder übernächste Mal eine gute moralische Geschichte. Wir warten.

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Im Krebsgang von Günter Grass, 2002, Steidl7.)

Im Krebsgang.
Novelle von Günter Grass,
(2002, Steidl).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau, 9.4.2002:

Untergangs-Wehen
Günter Grass liest im Goethehaus aus seiner neuen Novelle "Im Krebsgang"

Wer verbirgt sich hinter www.blutzeuge.de?; Auf dieser offensichtlich von Rechtsradikalen betriebenen Homepage finden sich Informationen, die sich nicht so ganz in die simplen Schemata der sonstigen Neonazi-Rhetorik fügen wollen. Viele Details, Abseitiges, ideologisch aufgerüstet zwar, aber von historischem Wissen geprägt. Der Webmaster: "Ein Vergangenheitskrämer", einer der "querläufig nach Absonderungen der Geschichte" sucht.

"Querläufig", das ist das Schlüsselwort, das das Erzählprinzip von Günter Grass' neuer Novelle Im Krebsgang illustriert. Die Debatte, die das Buch naturgemäß ausgelöst hat, orientierte sich überwiegend an gesellschaftlich-politischen, an moralischen Maßstäben. Die Opfer der größten Schiffskatastrophe des 20. Jahrhunderts, die Tausende von deutschen Flüchtlingen, die sich am 30. Januar 1945 auf dem von drei russischen Torpedos getroffenen ehemaligen "Kraft durch Freude"-Schiff Wilhelm Gustloff befanden, wollte Grass dem Vergessen entreißen. Da hätte er auch ein Sachbuch schreiben können.

Bei seiner Lesung im Frankfurter Goethehaus demonstrierte der Nobelpreisträger von 1999 das Verfahren, das seiner Novelle zu Grunde liegt. Im ersten Kapitel werden die Handlungsstränge angelegt, die im weiteren Verlauf verknüpft werden. Die Biografien von Angehörigen dreier Generationen werden, geschickt miteinander verwoben, erzählt. Da sind die drei Schlüsselfiguren der Katastrophe: Wilhelm Gustloff selbst, ein kränkelnder Angestellter, der im gesunden Klima von Davos den NSDAP-Apparat in der Schweiz aufbaut. David Frankfurter, gescheiterter Student und Bohémien, der Gustloff im Jahr 1936 erschießt. Und Alexander Marinesko, Kapitän der "S 13", der den Befehl zum Abschuss der Torpedos gegeben hatte.

Erzählt werden diese Lebensläufe von Paul Pokriefke, einem Journalisten, der im Internet mit Akribie Daten und Fakten, die mit dem Untergang der "Gustloff" zu tun haben oder zu tun haben könnten, recherchiert. Und schließlich ist es auch Pokriefkes Familiengeschichte selbst, die im unmittelbaren Zusammenhang mit den Ereignissen vom 30. Januar 1945 steht - Pauls Mutter ist Tulla Pokriefke, eine Figur aus der frühen Grass-Novelle Katz und Maus, die selbst hoch schwanger an Bord des Schiffes war.

Der Auszug aus dem sechsten Kapitel, den Günter Grass anschließend vortrug, machte jedoch deutlich, dass dieser durchaus spannende literarische Ansatz im weiteren Verlauf des Buches unter dem Zwang, ein soziales Anliegen haben zu müssen, begraben wird: Der Webmaster von www.blutzoll.de ist Pauls siebzehnjähriger Sohn, auf der "Gustloff" setzen Tullas Wehen während des Untergangs ein, und Pauls erster Schrei übertönt den vielfachen Todesschrei, den "kollektiven Endschrei" derjenigen, die nicht wie Tulla, vor dem Ertrinken oder Erfrieren gerettet wurden.

Als "bieder und altmodisch" hatte der Schriftsteller Walter Kempowski kürzlich Grass' Novelle kritisiert. Grass selbst beklagte im anschließenden Publikumsgespräch das Fehlen einer literarischen Auseinandersetzung mit dem Schicksal der deutschen Flüchtlinge und bezeichnete Kempowskis vierbändiges Kompendium Das Echolot als "reine Dokumentation". Hier könnte er irren.

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