Im Hause der Flinns.
Roman von Michael Raleigh (2003, Hoffmann & Campe).
Besprechung von Gerd Fischer aus der NRZ vom 02.01.2004:

Kindliche Riesen
Michael Raleighs Roman "Im Haus der Flynns" bietet vollendete Unterhaltung.

Haben Sie in den letzten Jahrzehnten jemals einen unterhaltsamen Roman gelesen, der in einer deutschen Einwandererfamilie in den USA spielt? Ich kann mich nicht erinnern; nicht einmal an einen nicht unterhaltsamen. Dabei produzieren andere Nationalitäten Einwandererromane zu Hauf: Inder, Schotten, Iren, Paten - Verzeihung, Italiener. No Germans. Es ist, als hätten sich die Hunderttausende aus Mitteleuropa, die einst hinübersegelten und -dampften, zur Literaturunfähigkeit aufgelöst. Vielleicht haben sie keine Konturen mehr, weil sie keine Erinnerungen mehr haben ans Vaterland. Keine mehr haben möchten.

Pfannekuchen und Lügengeschichten

Soweit das Nachdenkliche. Im übrigen ist Kurzweil anzukündigen, und die steckt in Michael Raleighs Roman "Im Haus der Flynns". Eigentlich sind es Szenen einer Kindheit, zwei Jahre im Leben des kleinen Dennis Flynn in Chicago, dessen Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind und der nun bei den Großeltern Flynn aufwächst mit den herrlichsten Pfannekuchen der Welt und irischen Lügengeschichten von stetig wachsendem Format. Großvater erzählt sie meisterhaft, tanzt auch schon mal zu 78er Schellack-Platten voller Fiedeln, Flöten und Dudelsäcken. Aber es sind nicht nur Opa und Oma Flynn, die für Denny da sind, die ganze Großfamilie auch der mütterlichen Seite Dorsey kümmern sich um den Jungen. Viele wachsen uns ans Herz: Onkel Tom, der immer Schwierigkeiten mit den Mädchen hat, aber mit Denny gern durch Parks, Eisdielen und leider manchmal auch Kneipen zieht. Oder Cousin Matt, der vom Leben vernachlässigte Rabauke, mit dem sich das nächtliche Chicago herrlich durchstreunen lässt. Nicht zu vergessen die hübsche Nonne Tante Terese, immer hat sie einen Greenback für Denny. Zum Teil ist "Im Haus der Flynns" schlicht ein Buch über Kindheit in einer großen Stadt. Es zeigt, wie auch Chicago Heimat sein kann, seine Straßen und Wälder, sein Fluss und der Riverside Park, eine immerwährende Kirmes, aber auch das Abenteuer des Zoos, die Wunder der Museen. Die Prise dazu aber gibt das irische Milieu, in dem alles - vom Beten bis zum Trinken, vom Tanz bis zur Prügelei - mit einer in vergangenen Leidensjahren auf der Insel geschulten katholischen Gründlichkeit betrieben wird. Glänzend zeigt sich das bei der Schilderung eines Baseball-Spieles am Labor Day, bei dem Onkel Tom und sein Rivale Philly Clark als Spielführer der Mannschaften sich beschimpfen und provozieren wie Riesen aus gälischer Vorzeit.

Auch die zähen Iren weinen

Zwei Jahre mit einem kleinen Jungen in Chicago: Mit guter Beobachtung und leichter Feder verschafft uns Michael Raleigh vollendete Unterhaltung: Hier ein Schmunzeln bei wilden Hochzeiten, dort eine Träne der Rührung bei Beerdigungen, die es auch bei zähen Iren gibt. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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