Im
Haarknoten wohnt eine Dame.
Gedichte + Collagen von
Herta Müller
(1981, Rowohlt).
Besprechung von Marcus
Neuert, Dezember 2009:
Für viele war
die Überraschung groß, als Herta Müller im Oktober 2009 zur
Literaturnobelpreisträgerin gekürt wurde, nicht zuletzt für die Autorin selbst.
Seither
stürmt ihr jüngster Roman "Atemschaukel"
die Bestsellerlisten, und darüber gerät ein wenig in Vergessenheit, dass mit dem
nominell wichtigsten Literaturpreis der Welt auch eine sehr eigenständige und
eigenwillige Lyrikerin geehrt wurde.
Auf diesen Umstand sei hier exemplarisch anhand
ihres Gedichtbandes "Im Haarknoten wohnt eine Dame" aus dem Jahre 2000
eingegangen. Den Einband ziert eine aus dunkelgrauem Papier ausgeschnittene
Figurine im Handstand, die in Verbindung mit dem surrealistischen Titel schon
einen Vorgeschmack gibt auf das, was den Leser beim Aufschlagen erwartet: eine
schon rein visuell raffinierte Kombination aus Gedichten und modernen
Scherenschnittcollagen, die ebenfalls von der Dichterin stammen und eine
athmosphärisch einmalige Symbiose mit den Versen eingehen. Diese kommen optisch
daher wie kleine Erpresserbriefe: aus Zeitungen und Zeitschriften
ausgeschnittene Worte und Wortteile werden ganz neu kombiniert und
aneinandergeklebt. Das ist nicht nur eine originelle Darreichungsform für die
Müllersche Lyrik, es unterstreicht gleichzeitig den Charakter des Dunklen,
Unwägbaren, der den Texten innewohnt, die jedoch auch immer zwischen Tragik und
leiser Komik changieren. Herta Müllers Trauma einer unangepassten Existenz unter
dem Regime des rumänischen Diktators Ceauşescu und seinem allgegenwärtigen
Geheimdienst Securitate findet auch hier seine Verarbeitung: "als sie Herrgott
schrie/und Lenin vergaß/und ihre Füße auf den Rücken nahm/aus dem blöden
Gras/kam sie in eine Anstalt". Das politische Element ist in den Texten stets
spürbar, verkommt jedoch nie zu platter Anklage- oder Betroffenheitslyrik,
sondern erscheint vielmehr den Gedichten als schleichendes Gift eingegeben, die
in ihrer surrealen Anmutung offen bleiben für die persönliche Interpretation des
jeweiligen Rezipienten. Rätselhaftes wird mit ungezwungener
Selbstverständlichkeit postuliert, ohne verschwurbelte Geheimnistuerei -
geradeso als beobachte und spreche die Verfasserin aus der Position eines Kindes
heraus: "der Leutnant sagt/mach keinen Wirbel/die Pistole ist im Anzug/Mutter
sagt auch das Gewitter/wenn es kommt im blauen Lack//in Vaters Kopf/der Star hat
dieses Jahr/den Schnee verbrannt/und wer ist weggerannt/mach kein Tamtam". Das
häufig wiederkehrende Personal der Müllerschen Verse - Vater und Mutter, zwei
oder drei Männer (die stets für Überwachung und Bedrohung zu stehen scheinen),
Pförtner/Hausmeister/Portier, Frisör und verschiedene Musiker - korrespondieren
auf oft bänkelsang- und kinderliedhafte Weise mit dem großen Thema des Buches:
der verunsicherten Existenz, die ihr Heil in der Flucht, der Auswanderung, im
Selbstmord oder in der inneren Emigration sucht. "Im Haarknoten wohnt eine Dame"
ist so auch ein Buch des Abschieds, in dem stets die Untertöne von
erlittener
Gewalt und Willkür mitschwingen: "der Herr Sterr heißt Ferdinand/macht den
Rücken rund/schließt den Mund/springt vom Fensterrand/hält die Richtung
schief/macht den Gehsteig tief". Dazu ist eine leichte Variation der Figurine
vom Einband abgebildet - hier steht sie ganz deutlich nicht auf den Händen,
sondern fällt. Die Gedichte sind allesamt kurz bis sehr kurz, oft werden auf
spielerische Art Reime und Assonanzen verwendet. Es gibt kein Verzeichnis, keine
Seitenzahlen für die knapp einhundert Text-Bild-Kunstwerke, bei deren Entstehung
wohl auch eine Interaktion zwischen dem vorgefundenen Material und dem vorher
Erdachten eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben dürfte. Die Tatsache,
dass die Schere, das Symbol der erlittenen Zensur unter Ceauşescu, hier zum
Instrument der dichterischen Schöpfung gemacht wird, mag man als delikate Rache
der Autorin am politischen System empfinden - ironischer und sinnfälliger hätte
man den Gedichtband kaum gestalten können. Das Buch ist inzwischen leider
vergriffen, derzeit kursieren nur einige wenige antiquarische Exemplare, für die
bis zu stolze 300,-- Euro verlangt werden. Es würde allerdings nicht verwundern,
wenn im Zuge des aktuellen Nobelpreisrummels auch dieser schon rein optisch
wunderschöne Gedichtband eine baldige Neuauflage erfahren sollte. Zu wünschen
wäre es allemal. Bis dahin sei auf den strukturell ähnlich gestalteten Band "Die
blassen Herren mit den Mokkatassen" (Hanser Verlag, München, 2005)
verwiesen, der für 17,90 Eur noch im Handel ist.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0110 LYRIKwelt © Marcus Neuert, Dezember 2009