Im Glück und anderswo von Robert Gernhardt, 2001, S. FischerIm Glück und anderswo.
Gedichte von Robert Gernhardt (2002, S. Fischer).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 25.11.2002:

Zum Glück gibts Gernhardt

Robert Gernhardt ist in seinen neuen Gedichten viel unterwegs, aber am Ende ist er wieder ganz bei sich: "Ich verzehre so gut wie kein Fleisch mehr / Außer, natürlich, beim Essen." Dass Gernhardt für den bislang dicksten seiner Gedichtbände auch nur im mindesten abgenommen hätte, und sei es nur an Weisheit und Wohlgefallen vor Gott und den Menschen, muss also energisch dementiert werden. Er ist vor nix fies und hält sich sogar in der Unwirtlichkeit unserer Städte und in der deutschen Misere auf. "Im Glück und anderswo", der Titel des Bandes, ist eine leicht angezuckerte Hülle für manch bittere Erkenntnis, wie sie etwa "Des Knaben Plunderhorn" als albanische Volksweisheit zitiert: "Es wollte ein Vogel wohl hoch ins Blau / Er hatte keine Federn / Er hatte keine Flügel / Er wird nicht weit gekommen sein." Dass es eben doch ein richtig ernstes Leben im lachhaften gibt, ist als tödliche Einsicht seit Gernhardts Lyrik-Band "Lichte Gedichte" vertraut, und auch jetzt gibt es wieder erschreckend gute Begegnungen mit Freund Hein.

Weltumarmungsgedichte und stille Postmoderne

Aber nun dreht der Dichter die Dialektik des Negativen noch weiter: "Wie übers Glück reden? / Wenn das einmal glückte: / Wäre das nicht das Glück?" Klingt ein bisschen wie die Diebels-Alt-Werbung von neulich, aber bei Gernhardt steckt nicht nur im Schluck ein Stück vom Glück. Es gibt in diesem Band großartige Weltumarmungsgedichte - und, wie so oft beim Primus unter unseren Reimartisten, noch viel großartigere Parodien auf lyrische Manieren wie das Gelegenheitsgedicht. Oder wie soll man "Alles über den Sonnenuntergang vom 3. Juli 2001" verstehen?

Nein, es bleibt dabei: Keiner spielt so kunstvoll mit dem unreinen Reim ("Wetterlehrgedicht"), keiner hat diesen Blick für stille Komik - wer sonst käme beim Anblick von Federvieh auf trägem Flusswasser zu beflügelnden Erkenntnissen über den real existierenden Kapitalismus: "Die Enten auf dem Neckar hats / vertrieben auf die Schnelle. / Es ist auf dieser Welt kein Platz / für eine feste Stelle." Gernhardt arbeitet sich an Goethe und anderen Größen des Genres ab, aber am besten ist er, wenn er sich mal gern hat: "Ich kenne fast keine Scham mehr. / Außer, natürlich, beim Schreiben. Bevor ich den Leser mit mir konfrontier, / lass ich das Schreiben glatt bleiben:" Welch ein Schluss! (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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