Im Garten
des Lichts. Mit Bruce Chatwin durch Afghanistan.
Buch von Bruce
Chatwin (2002, Hanser - von Peter Levi, Übertragung Jörg
Trobitius).
Besprechung von Hans-Jürgen Heinrichs in der Frankfurter Rundschau, 26.2.2003:
Ein ungleiches
Paar, sehr vergnügt
Nach dreißig Jahren
endlich auf Deutsch: Peter Levi über seine Reise mit Bruce Chatwin durch
Afghanistan
"Ganz Afghanistan ist kharob,
ruiniert, zerbrochen", meint ein Lastwagenfahrer, der die beiden Abenteurer
Peter Levi und Bruce Chatwin 1970 durch sein Land befördert. Er hat eine
Innenansicht Afghanistans, die unserem heutigen Bild, nach der Bombardierung, zu
einem Teil entspricht. Die Tragik ist unverkennbar: Ein Land wird in weiten
Teilen mit Bomben zerstört, und erst der Krieg, das Leid der Menschen und ihre
Hoffnungslosigkeit lenken unseren Blick auf die fremde Kultur. Trotz
Globalisierung und technologischer Vernetzung war doch ein Land wie Afghanistan,
bevor es Schauplatz des Antiterrorkrieges wurde, für die meisten Europäer und
Amerikaner nur ein weißer Fleck auf der Landkarte. Kaum jemand verband eine
Vorstellung mit Orten und Landschaften wie Kandahar und Hindukusch, ja, selbst
Kabul lag verborgen unter einem Grauschleier geographischer Ferne und
Bedeutungslosigkeit.
Die großen literarischen, ethnopoetischen Forschungen in Afghanistan, wie sie
etwa Ella Maillart und Annemarie Schwarzenbach zu Anfang des Zweiten Weltkriegs
und Bruce Chatwin dreißig Jahre später unternahmen, erreichten nur eine sehr
kleine Lesergemeinde. Es ist auch kennzeichnend, dass der wunderbar leichtfüßig
und zugleich im Wissen um die andere Kultur geschriebene Bericht von Peter Levi,
Im Garten des Lichts, nun erstmals dreißig Jahre nach seiner englischen
Erstveröffentlichung auf Deutsch erscheint. Nur der schwer lastende Schatten
eines immer noch andauernden, inzwischen aus dem Fokus des Medieninteresses
verdrängten Krieges, scheint die Publikation ermöglicht zu haben, so, als sei
die fremde Kultur nur im Zeichen ihrer radikalen Bedrohung von öffentlichem
Interesse.
Der 1931 geborene Peter Levi hatte die Afghanistan-Reise, die diesem Buch
zugrunde liegt, als Altphilologe und Archäologe in Begleitung des damals
bereits viel gereisten und mit einer Dissertation über die Nomaden beschäftigten
Bruce Chatwin angetreten. Beide mutig und geduldig, voller Neugierde auf die
Fremdartigkeit der asiatischen Künste und Literaturen; vereint in der Lust am
Sammeln, getrennt in der Sexualität: Bruce Chatwin homosexuell und doch
verheiratet, Peter Levi Jesuitenpriester. Levi arrangiert sich mit dem ausgeprägten
Hysteriker und Hypochonder Chatwin, findet ihn "wundervoll
unterhaltsam", und im Lügen habe er die Odyssee übertroffen.
Zwei Grenzgänger und Individualisten, zwei Forschungsreisende, die die
literarische, die poetische Ausdrucksform lieben und suchen. Levi sagt rückblickend
von sich, er habe damals unter dem überwältigenden Einfluss des japanischen
Dichters Basho ("dessen Reisen eine Art Poesie darstellen") gestanden.
Sein tiefstes Streben sei dahin gegangen, ein Reisepoem zu komponieren, wie
Puschkin oder Byron es hätten schreiben können.
Dazu passt auch Levis Interesse für das Imaginäre, für die inneren Bilder,
die oft der tatsächlichen Begegnung mit anderen Menschen oder der Reise in das
fremde Land vorausgehen. Noch vor der realen Fremderfahrung malt sich Levi das
ihm unbekannte Land aus und wird später die vorgestellten und die erlebten
Bilder in regem Austausch miteinander wahrnehmen, sich über den Wechsel von
Genauigkeit und Ungenauigkeit wundern und daraus immer neue Impulse für das
Reisen und Schreiben gewinnen.
Dieses Vertrauen in das Imaginäre ermöglicht dem Autor freie, beschwingte Übergänge
zwischen eher trockenen Wegbeschreibungen und Stimmungsbildern, etwa von einem
"ungeheuer dramatischen" und "unheimlichen" Sonnenuntergang.
Solche Impressionen sind bei Levi nie kitschig, da sie gleichermaßen an seine
rege Vorstellungskraft, an seine Empfindungen - die sinnliche Wahrnehmung von
Gerüchen, Düften, Farben und Tönen - sowie an seine präzisen, teils
detailbesessenen Beschreibungen von Situationen, von archäologischen und
architektonischen Anordnungen, von geographischen und historischen Bezügen
gebunden sind.
Wer sich auch durch Passagen hindurcharbeitet, die ihren Reiz nur verströmen,
wenn man mit den beschriebenen Ortschaften und Landschaften eigene Erfahrungen
verbindet, wird reich belohnt mit einer Überfülle ernster und witziger,
lehrreicher und poetischer Darstellungen.
Es ist unübersehbar, dass selbst die größten Reiseschriftsteller immer wieder
der Verlockung erliegen, Details aufzulisten, deren Bedeutung sich schon während
des Aufschreibens verflüchtigt, dass sie sich an Daten, Fakten und Bewegungen
im Schreiben orientieren, die nur während des Reisens eine solche
richtungweisende Kraft in sich bargen. Bei Levi liest sich das etwa so:
"Ich fuhr nach Norden in einem gemieteten Landrover (. . .). Am nächsten
Morgen bestand ich darauf, äußerst früh aufzubrechen (. . . ). Wir begannen
mit der Planung einer Reise nach Nuristan" und so weiter. Offensichtlich
haben solche Notierungen die Funktion, das Schreiben wieder in Schwung zu
bringen, wenn es sich nicht autonom als Text entwickelt.
Eine Stärke dieses Autors - den man getrost in einem Atemzug mit Bruce Chatwin,
Paul Theroux oder Nicholas Shakespeare nennen kann - ist die Art, wie er aus der
schlichten Kombination von Vorstellungswelten funkelnde Bilder der
Fremdartigkeit und Schönheit entwirft; zum Beispiel: "Als wir durch die Wüste
zurückfuhren, war sie voller Vögel (. . .). Wir gelangten in einem gelben
Sonnenuntergangsdunst und Viehstaub nach Kundus, und ich erinnerte mich, dass
ein Geruch nach Brot und Rauch und Melonen herrschte (. . .). Es war eine
trostlose Wüste von Trällern und Ächzen."
Der schlichten Aneinanderreihung von
Beobachtungen ist zuweilen ein gewisser Exotismus eigen: "Im
Botschaftsgarten gab es keine Wiedehopfe mehr, und es lag kein Schnee mehr auf
den Bergen um Kabul; sie sahen nach zahnlosem Zahnfleisch aus." Männer
"erwachen wie Vögel", der Schnee auf den Bergen von Kabul ist ein
"langgezogenes Muster aus Streifen und Flecken; er sieht aus wie kufische
Schrift", und die Berge gleichen nicht, nein, sie sind "versteinerte
Elefantenhaut".
Die fein gestaltete, mit 17 Abbildungen von Bruce Chatwin und mit einem ausführlichen
Anmerkungsteil versehene Ausgabe wurde von Jörg Trobitius großenteils elegant
übersetzt; allerdings sind einige höchst merkwürdige Formulierungen unübersehbar:
"kann ich dieses Hotel höchlichst empfehlen", "ich wünschte
halb", "eine erschöpfte Mahlzeit", "Kabul bietet
Baumbewuchs", "Ich empfand eine leidenschaftliche
Identifikation", "Das Heulen des Windes mit vielleicht einem leichten
Hauch Wassers". Dass der Verlag etwas aufdringlich mit Chatwin für dieses
Buch wirbt - er und nicht der Autor wird im Verlagsprospekt abgebildet -, tut
dem Band selbst keinen Abbruch. Es wäre zu wünschen, dass Bücher wie die von
Levi und Chatwin, von Hubert
Fichte oder Kapuscinski
die Zeit überdauern, in der sie aufgrund bloß äußerer, politischer
Ereignisse oder eines kulturindustriellen Trends die Aufmerksamkeit auf sich
ziehen.
[...diese und weitere Besprechungen
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