Im Café und auf der Strasse von Hansjörg Schneider, 2002, AmmannIm Café und auf der Straße.
Erzählungen von Hansjörg Schneider (2003, Ammann).
Besprechung von
Margrit Irgang für den SWR-Buchtipp:

Ein Mann sitzt auf einer Holzbank, an eine Hausmauer gelehnt. Vor ihm eine Wiese mit einem Kirschbaum und einem Apfelbaum. Vom Kirchturm her kommt der Stundenschlag, es ist drei Uhr nachmittags. Der Mann verfällt in Erinnerungen, und jetzt wird das ganze leuchtende Kindheitsglück eines vergangenen hohen Sommers in diesen fünf schlichten Sätzen beschworen: „Der Mann denkt an früher. An den Heuduft in den Wiesen; an den flimmernden Asphalt; an den Sommerdunst über den Hügeln. Er sieht seine braunen Zehen über den Fußweg laufen, und links und rechts steht das gelbe Korn. Er spürt die Halme an seinen Fingern vorbeigleiten. Es raschelt leise, und wenn ein Wind aufkommt, bewegt sich das ganze Feld.”

Die Geschichten in Hansjörg Schneiders neuem Band sind kurz, die meisten nur eineinhalb Druckseiten lang: Texte, die er ursprünglich für Zeitungen geschrieben hat. Stille Geschichten; man stellt sich unwillkürlich eine Randspalte für sie vor, einen Platz abseits des lauten Tagesgeschreis. Denn sie entfalten eine eigentümlich intensive Nachwirkung, wenn man ihnen den Raum im eigenen Geist gibt, den sie brauchen. Und sie brauchen sehr viel Raum, und so ist es gut, dass sie sich jetzt in einem Buch befinden, das man bei Bedarf aus der Hand legen und wieder aufnehmen kann.

Hansjörg Schneider spricht von den einfachen Dingen. Von Fisch und Fluss, Baum und Kuh, der Großstadt abends um sechs und der Nachbarin am Fenster gegenüber. Hellwach nimmt er jede Einzelheit wahr: Die Rebhacke hat einen neuen Stiel, neben dem Holzhaufen tanzen die Mücken, die Sonne lässt die Weidenruten leuchten. Aber die Idylle ist bedroht. In dem friedlichen Fluss treiben tote Aale, die freundliche Nachbarin ist am Verhungern, und an einem schönen Sommermorgen sitzt am Brunnen eine junge Frau und weint. Und so erscheint die Intensität, mit der der Autor die kleinsten Einzelheiten wahrnimmt und aufhebt in der Sprache, wie eine Vergewisserung, manchmal geradezu wie die einzige Möglichkeit, das Leben zu überleben. Denn die Dinge sind nicht das, was sie zu sein scheinen; immer wieder bricht eine andere Dimension in den Augenblick ein, eine Dimension, die ebenso gefürchtet wird wie ersehnt.

Vielleicht ist deshalb so viel vom Wasser die Rede in diesen Geschichten, von Schiffen, von der Fremdenlegion und dem Jazz. Hier spricht einer, der sich hinaussehnt aus der Enge des täglichen Lebens, und der doch gleichzeitig den vertrauten Boden braucht, der ihn trägt. Aus  dieser existentiellen Spannung entsteht die Sogwirkung dieser Texte, und die besten von ihnen haben die Einfachheit und Tiefgründigkeit von Haikus: Sie zeigen weniger die Dinge selbst als den weiten Raum, in dem sie sich abspielen. Ein Raum, den wir normalerweise wahrzunehmen nicht fähig sind, es sei denn, ein alter Schulfreund begegnete uns plötzlich in einem Hotel in Paris - einer, der unsere Träume wahrgemacht hat. Oder ein Beduine, Arbeiter der Pariser Straßenreinigung, beträte das triste Café - eine Verkörperung wilder Freiheit in grasgrünen Arbeitshosen. Oder an einem warmen Sommerabend käme von weither der Klang eines Jazzsaxofons herangeweht, und all das, was wir von uns nicht wissen wollen, erwacht und fordert Beachtung.

Diesen Einbruch der anderen Dimension zeichnet Hansjörg Schneider in einer wunderbar schlichten Sprache, die in den jüngsten Texten vor Erfahrung geradezu vibriert. Und so lässt er den Mann auf der Holzbank, von dem eingangs die Rede war, für ganze fünf Sätze in die Erinnerung eines leuchtenden Kindheitssommers tauchen, und der Leser, selbst einst Kind gewesen in diesen niemals wiederkehrenden Sommern, füllt die magischen Worte mit seiner eigenen Erinnerung: Die braunen Zehen, das gelbe Korn, der flimmernde Asphalt. Die Geschichten umspannen dreißig Jahre eines Autorenlebens, und man glaubt zu hören, wann sie entstanden sind: Den Satz „Ich will in dieser schönen alten Nacht versinken” hätte ein Hansjörg Schneider heute nicht mehr nötig. Und bei den zwei, drei Metaphern, die er sich leistet in dem gesamten Buch, erschrickt man fast vor so viel Opulenz.

Es sind dreiundvierzig Geschichten in diesem Band. Man sollte sich sehr viel Zeit nehmen, sie zu lesen.

Leseprobe I Buchbestellung 0903 LYRIKwelt © Margrit Irgang