Im Block von Walter Kempowski, 2004, Knaus1.) - 2.)

Im Block.
Ein Haftbericht von Walter Kempowski (2004, Knaus).
Besprechung von Rainer Moritz in Neue Zürcher Zeitung vom 28.04.2004:

Die Geschichte als Collage
Walter Kempowski - wieder und neu gelesen

Honorarabrechnungen können grausam sein. Als Walter Kempowski 1970 die ökonomische Bilanz seines Erstlings «Im Block» präsentiert bekam, liess sich der finanzielle Ertrag problemlos überblicken: Nicht einmal 2000 Exemplare waren über den Ladentisch gegangen, und Rowohlt-Verlagsleiter Fritz J. Raddatz musste sich herbe interne Kritik gefallen lassen. Niemand ahnte in diesem Moment, dass der Debütant Kempowski wenig später - mit «Tadellöser & Wolff» - zum Bestsellerautor avancieren würde, der die Kaufmannsherzen in jedem Verlag höher schlagen lassen würde. Rowohlt erlebte diese Freuden nicht mehr, denn nachdem Raddatz das Reinbeker Haus verlassen hatte, war Kempowski dort ohne Fürsprecher. «Tadellöser & Wolff», dieser «bürgerliche Roman» über ein Familienleben in der Nazizeit, erschien bei Hanser und brachte nicht nur ökonomischen Gewinn.

Nüchterne Schnitttechnik

Viele bedeutende Bücher hat Kempowski seitdem vorgelegt. Aus seinem überschaubaren Roman einer Reedersfamilie wurde eine vielbändige «Deutsche Chronik», und Anfang der neunziger Jahren überzeugte der unermüdliche Sammler Kempowski die Verantwortlichen des Albrecht-Knaus-Verlages, «Das Echolot» zu verlegen, eine zwei Monate umfassende vierbändige Dokumentation, die Erinnerungsstücke unterschiedlichster Herkunft collagiert und vielleicht als die ungewöhnlichste, ja kühnste schriftstellerische Tat des 20. Jahrhunderts gelten darf.

Kempowskis Début «Im Block» entstand in jahrelanger Arbeit. Immer wieder startete er Neuanläufe, bis er seinen an Kubin und Kafka ausgerichteten Stil aufgab und zu einer eigenen Form der nüchternen Schnitttechnik fand. «Keine Kommentare. Nichts über sich selbst», so lautet die Maxime dieses Ansatzes, der «Short Cuts» aneinander reiht, sie kunstvoll montiert und danach strebt, die Leser nicht mit vorschnellen Wertungen zu behelligen.

«Im Block» resümiert Kempowskis Häftlingsjahre in Bautzen. Im September 1948 verurteilte ein sowjetisches Militärgericht den 19-Jährigen wegen angeblicher Spionagetätigkeit zu fünfundzwanzig Jahren Arbeitslager. Bis in den März 1956 dauerte es, ehe ihn eine Amnestie auf freien Fuss setzte. Die Bilanz dieser Jahre fällt schonungslos aus: «An die Wand ritzte ich einen Gesamt-Kalender für acht Jahre. Acht Weihnachtsgänse. Achtmal Ferien an der See. Zwei Berufe hätte ich lernen können oder sechzehn Semester studieren.»

Wenn dieses Buch, das von heute aus betrachtet wie ein Fremdling in der Literatur dieser Zeit wirkt, zu Kempowskis 75. Geburtstag wieder aufgelegt wird, so ist dies mehr als verlegerische Freundlichkeit. «Im Block» ist die Keimzelle eines Œuvres, dessen wahre Grösse noch nicht erschlossen ist. Versammelt sind bereits hier zentrale Erzählprinzipien Kempowskis, und das Thema - die Inhaftierung in Bautzen und die damit verbundenen Schuldgefühle gegenüber seiner Familie - erweist sich als Angelpunkt für alle folgenden Anstrengungen, die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts zu verstehen.

Bautzen - das war für den jungen Kempowski nicht nur ein Ort des Schreckens, der Einschränkung («Natur fand bei uns nicht statt»), nicht nur ein ständiges Kreisen um Hunger, Krankheit und Notdurft und nicht nur das sehnsüchtige Warten auf die früh erhoffte Entlassung. Nein, Bautzen war auch «Segen», denn Kempowski nutzte diese stillstehende Zeit zu intensiver Lektüre, hörte Vorträge der Mitgefangenen, gleichgültig, ob sie sich mit Kriechtieren oder Segelflug befassten, und organisierte Chorgesang, der mit hoher Professionalität betrieben wurde. Alle diese Wahrnehmungen werden im Rückblick ohne anklagenden Ton vorgetragen; hin und wieder drängt bitterer Spott an die Oberfläche, doch die ordnende Hand des Erzählers achtet darauf, dass allein die Montagetechnik - und nicht die Kommentierung - Anleitungen zur Deutung des Erzählten gibt.

Gleichzeitig mit der Neuauflage von «Im Block» legt der Literaturwissenschafter Dirk Hempel, lange Zeit Mitarbeiter Kempowskis, eine schnörkellose Biografie des Aussenseiters vor. Hempels Darstellung ist keine kritische Analyse des Werkes. Im Mittelpunkt steht der schriftstellerische Weg: die früh geäusserte Absicht, die Bautzen-Erfahrungen zu verarbeiten, die parallele Existenz als unkonventioneller Dorfschullehrer und als Erfolgsschriftsteller, die Bewunderung für Arno Schmidt, die Freundschaft mit Uwe Johnson, der Ausbau des Hauses zum vielbesuchten literarischen «Kloster».

Hempels Darstellung, die viele unveröffentlichte Zeugnisse einbezieht, ist mehr als ein biografischer Abriss. Sie macht vor allem deutlich, nach welchen merkwürdigen Mechanismen der Literaturbetrieb funktioniert. Kempowski sass in Haft, als die Meinungsführer der deutschen Nachkriegsliteratur ihr ideologisch wasserfestes Bollwerk absicherten. Die Publikation von «Im Block» kam 1969 zur Unzeit, stellte seinen Autor als vermeintlichen Gegner der «Entspannungsliteraten» dar. Und auch die anfänglich wohlwollende Aufnahme von «Tadellöser & Wolff» hielt nicht vor: Verstärkt durch Eberhard Fechners erfolgreiche Fernsehverfilmung (mit Karl Lieffen und Edda Seippel in den Hauptrollen), wurde Kempowskis Literatur als konservativ oder gar reaktionär denunziert, als betont humorige Verharmlosung des Alltags im Dritten Reich. Die Scheuklappen sassen fest in jener Zeit.

Beharrungsvermögen

Der eigensinnige Kempowski bewies Beharrungsvermögen. Obschon er auf den Georg-Büchner-Preis bis heute warten muss, begann sich der literarische Wind spätestens mit «Das Echolot» zu drehen. Wie Dirk Hempel zeigt, zählt Kempowski zu den ganz wenigen Vertretern seiner Generation, die Einfluss auf die heute 30- und 40-jährigen Autoren ausüben. Benjamin von Stuckrad-Barre, Karen Duve, Tanja Dückers, Malin Schwertfeger, Gerhard Henschel - sie alle erwiesen Kempowski inzwischen ihre Reverenz und greifen seine plötzlich modern (oder postmodern) wirkenden Erzähltechniken des Semidokumentarischen produktiv auf. Und vielleicht gelingt es Kempowski bis zu seinem 80. Geburtstag sogar, auch jene verstockten Zeitgenossen zu überzeugen, die sein Kollege Peter Kurzeck beschrieb: «Sogar jetzt noch, wenn ich mit Buchhändlern spreche oder Rezensenten von meiner begeisterten Kempowski-Lektüre berichte, treffe ich auf Vorurteile. Sie zucken mit den Schultern und wenden sich ab. Dabei haben sie Kempowski nie wirklich gelesen. Sie glauben nur, ihn zu kennen.» - Es ist nie zu spät, Missständen abzuhelfen.

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Im Block von Walter Kempowski, 2004, Knaus2.)

Im Block.
Ein Haftbericht von Walter Kempowski (2004, Knaus).
Besprechung von Stephan Reinhardt in der Frankfurter Rundschau, 28.7.2004:

Hungerhalluzinationen
Witz als Überlebensmittel: Walter Kempowskis Haftbericht "Im Block", neu aufgelegt

Im Morgengrauen eines Märztages des Jahres 1948 holten ihn zwei "Lederjacken" aus dem Bett und brachten ihn von Rostock nach Schwerin. Nacht für Nacht wurde der neunzehnjährige Walter Kempowski verhört und Ende April von einem sowjetischen Militärtribunal zu fünfundzwanzig Jahren Arbeitslager verurteilt - wegen angeblicher Spionage und illegalen Grenzübertritts. Einen Verteidiger hatte er nicht. Im Jahr zuvor hatte er Papiere, die die Demontage der Reederei seines Vaters beweisen sollten, mit in den Westen genommen. In einer "Labor Company der U.S. Army" in Wiesbaden hatte er als Verkäufer in einem Lebensmittellager Arbeit gefunden. Auf Besuchsreise in seiner Geburtsstadt Rostock wurde er verhaftet.

Nach acht Jahren Haft, 1956, amnestiert, erschien 1969 Kempowskis Bericht Im Block, sein Debüt als Schriftsteller. Für die Neuausgabe 1987 überarbeitete er den Text und versah ihn mit 32 Monotypien - Bildnotizen, gezeichnet nach Haftende zur Erinnerung. Diese Ausgabe hat kürzlich der Verlag Albrecht Knaus aus Anlass von Kempowskis fünfundsiebzigstem Geburtstag neu aufgelegt.

Im Block ist ein literarisches Dokument, das Zeugnis gibt von den willkürlichen Rechtsverhältnissen in der russischen Besatzungszone und den Haftbedingungen im Zuchthaus Bautzen. Hier, im "gelben Elend", in der ostsächsischen Bischofsstadt, muss Kempowski unter extremen Bedingungen seine grotesk ungerechte Strafe absitzen. Erst im September 1949 darf er das erstemal nach Hause schreiben.

Auf die miserable Ernährung - er wiegt bald nur noch 44 Kilo - reagiert er mit Geruchshalluzinationen von Leberwurst und frischen Brötchen. Dann mit der Übergabe des Zuchthauses von den Sowjets an die Volkspolizei werden erste Erleichterungen gewährt: Pakete auch aus dem Westen dürfen empfangen werden. Der Strafvollzug wird "gemildert". Im neugegründeten Kirchenchor singt er im ersten Bass, übt sich ein in die einschlägige Chorliteratur.

Vorträge, Sprachkurse, abendliche Diskussionen, Bunte Abende erleichtern die Untätigkeit, denn Kempowski darf zunächst jahrelang nicht arbeiten. Ein Dessauer sowie ein sächsischer Studienrat geben ihr Wissen weiter: erzählen Hesses Glasperlenspiel, tragen auswendig Schillers "Ode an die Freude" vor. Damit wird für Abwechslung gesorgt im von Krankheiten wie Tbc, von Spitzeln, ständigen Verlegungen und unerträglichen sanitären Verhältnissen bedrohten Gefängnisalltag: fünfzig Häftlinge in einem Raum mit zwei Klo-Kübeln, 400 in einem Saal, wo sie "auf großen gemeinsamen Pritschenblöcken" liegen.

Chronik eines Zuchthauses

Im Block ist auch eine Chronik des Zuchthauses Bautzen: Anfangs unterernährte Häftlinge setzen sich in einem Hungerstreik zur Wehr. Befreit reagieren sie auf Stalins Tod Anfang März 1953: "Der Hund ist tot... !" Von der Stadt Bautzen her sind am 17. Juni 1953 Schüsse zu hören. Die Wachmannschaften wenden ihre Maschinengewehre nach draußen.

Amnestiegerüchte machen von Zeit zu Zeit in Bautzen die Runde. Bei größeren Entlassungsaktionen ist Walter Kempowski nicht dabei. Endlich bessert sich sein Los: Als Schreiber in der Sattlerei fühlt er sich wie "in eine Art Paradies versetzt". Als "privilegierter Häftling" gehört er zur Zuchthaus-"Prominenz". Doch da wird er denunziert als angebliches "Mitglied einer christlichen Untergrundbewegung" und in der "Isolier-Etage" der Anstalt separiert.

Walter Kempowski ist unter seinen Mithäftlingen beliebt. Er ist firm in lustigen Gedichten à la Morgenstern und gilt, ausgestattet mit Ironie und Humor, als "Spaßvogel". Heißt der Ort nun "Antofagasta" oder "Autofagasta"? In seiner hellwachen Sensibilität und scheinbar unerschütterlichen Gelassenheit ist er zitatfest, tonsicher und liest: Fritz Reuters Ut mine Festungstid - "erstklassig: dem war das so ähnlich ergangen wie uns"-, Nexös Ditte Menschenkind, Tolstojs Krieg und Frieden, Rilkes Stundenbuch, Dostojewskjs Schuld und Sühne. Im Strohsack versteckt er die geduldig zusammengetragene Gedichtsammlung. Als sie einmal fast entdeckt wird bei einer Zellenrazzia, lernt er sie auswendig. Poesie ebenso wie Ironie, Witz und Humor werden zur Konterbande und zum Überlebensnahrungsmittel.

Erstaunlich ist in Kempowskis Gesamtwerk die formale und thematische Einheitlichkeit und Konsistenz. Bereits 1969 in seinem Debüt Im Block hat er die Form realisiert, die er bis zu dem jüngsten Roman Letzte Grüße (2003) konsequent fortgeführt hat: Seine erinnerten Beobachtungen und Erlebnisse ordnet er chronologisch und komprimiert sie in einem lapidaren Berichtstil - ohne anklägerisches Pathos und ohne Sentimentalität, aber mit einer ordentlichen Prise Selbstironie und Humor. Ein detailgesättigtes Gesamtbild entsteht so mit feiner Menschlichkeit, in der auch Homosexualität hinter Gefängnismauern zum Thema wird.

In Kempowskis Zuchthaus Bautzen sitzen in den Jahren nach 1948 auch einige KZ-Kapos sowie Mitglieder von Polizeibataillonen, die an Erschießungen von Juden beteiligt waren, aber auch zahlreiche, die für das bloße Weitergeben von Westzeitungen wegen antisowjetischer Propaganda zu fünfundzwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt wurden. Ist es nicht erlaubt, bei letzteren an die Willkür in Guantánamo zu denken?

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